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Full text of "Beiträge zur geschichte der germanischen conjugation"

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UNIVERSITY OF OXFORD 
ENGLISH FACULTY LIBRARY 

Given to the Library by 

Dr. £• Rdlbft 
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QUELLEN UND FORSCHUNGEN 



ZUR 



SPRACH- UND CULTURGESCHICHTE 



DER 



GERMANISCHEN VOLKER. 



HERAUSGEGEBEN 



VON 



BERNHARD TEN BRINK, ERNST MARTIN, 

WILHELM SCHERER. 



XXXII. 

BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE DER GERMANISCHEN CONJUGAT10N. 



STRASSBURG. 
KARL J. TRÜBNER. 



LONDON. 

TRÜBNER & COMP. 

1879. 



BEITRÄGE 



ZUR 



GESCHICHTE DER GERMANISCHEN 



CONJUGATION 



VON 



FRIEDRICH KLUGE. 



8TRASSBURG. 
KARL J. TRÜBNER. 



LONDON. 

TRÜBNEU & COMP. 

1879. 



ENGLISH 
OXFORD 

LIBRARY 



% 

I 



Buithdruckerci von G. Otto in Darm Stadt. 



MEINEM VEREHRTEN ONKEL 



HEINRICH SCHMITZ 



IN 



ST. PETEESBURG. 



VORWORT. 



Der eigentliche Gegenstand dieser Beiträge, die zur Er- 
langung der philosophischen Doctorwürde der Universität 
Strassburg verfasst wurden, ist die germ. Tempusbildung. Doch 
enthalten sie auch Untersuchungen zur Lautlehre, die gegeben 
wurden, theils weil sie nothwendig waren, theils weil ich über 
bisher unerklärte Erscheinungen Aufschluss geben zu können 
glaubte. Die erste Untersuchung musste ihres Umfanges 
wegen als eignes Kapitel gegeben werden; sie eröffnet das 
Ganze, da sie dem Folgenden mehrfach als Grundlage dient. 

Meine Ansichten über den idg. Vocalismus sind in ein- 
zelnen Punkten bereits durch Forschungen anderer Gelehrten 
bestätigt worden. Da aber noch niemand ein System ent- 
worfen hat, dürfte mein Versuch doch nicht zu spät kommen. 
Von der Stichhaltigkeit desselben im ganzen habe ich mich 
im Lauf der Untersuchung immer mehr überzeugt, wenn ich 
auch sehr wohl weiss, dass er im einzelnen schon jetzt der 
Verbesserung bedarf. Eine solche glaube ich selbst hier auf 
Anregung des Hrn. Prof. Hübschmann anbringen zu können. 

Ich habe p. 30 behauptet, ä und 6 seien im gr. und 
lat. promiscue Vertreter der idg. a 2 und ä l : das ist unhaltbar. 
Das idg. a 2 wird im lat. nur durch ä (= germ. 6) reflectirt, 
vgl. f räter, mäter. Auch im urgr. wurde idg. a 2 (lat. ä, 
germ. 6) durch ein ä vertreten, das sich im äol. und dor. 
rein erhalten hat, während das ion.-att. dafür bis auf die 
bekannten Ausnahmen ein i) bietet; folgende Worte, denen 
im lat. solche mit ä, im germ. solche mit 6 entsprechen, 
haben im äol. und dor. unser & (= idg. a 2 ) : fiar^, äövg^ 



VIII 

na/vg, aeXioQj vavc u. s. w. Diesem urgr. d steht ein urgr. 
77 (= idg. ä x J gegenüber, dem ein lat. £ und ein germ. e (ä) 
antworten; so erweist die Uebereinstimmung des dor. und äol. 
beispielsweise für diese Fälle ein urgr. y : htjv (lat. siem), 
rjtu- (lat. s&mi-, germ. sömi-) ; nkrj- 'füllen vgl. lat. pUtus; 
&t]- säugen (d-rjXvg vgl. lat. fernina, germ. dö in hd.- täjan) 
u. s. w. Wenn wir schon jetzt daran denken dürften, den 
Lautsymbolen a 2 und d l reelle Werthe zu geben, so würde 
für idg. a 2 ein ä, für idg. ä x ein S anzusetzen sein, und wir 
hätten die äol.-dor. Worte iiarrjQ, ädvg, rjf.ii- auf idg. mäter, 
svädus, s$nii zurückzuführen. 

Ich brauche wohl kaum hervorzuheben, dass der eben 
erörterte Punkt unser Vocalschema in keiner Weise stört. 
Doch fällt das p. 55 ff. über lat. Perf. von a ] -Wurzeln ge- 
lehrte: der Vocal von lat. dpi kann nicht mit dem von hdf 
identisch sein; man wird in cepi, /Sei, öyi u. s. w. vielmehr 
Analogiebildungen nach öcM, sedi, vini u. s. w. zu sehen 
haben.* 

Leider konnte ich eine Untersuchung zur Lautlehre nicht 
zu Ende führen, da äussere Umstände zum Abschluss der 
Arbeit drängten, eine Untersuchung über das Auslautsgesetz. 
Ich hielt an der Scherer'schen Formulirung fest und benutzte 
sie als Grundlage einer neuen Theorie des zusammengesetzten 
Prät. Wer künftig ein gemeingerm. Auslautsgesetz verwirft, 
wird seine Ansicht über die Zusammensetzungstheorie zu 
äussern haben. 

Dass ich die germ. Grundformen nicht in ihrer jüngsten 
Gestaltung, sondern in .einer der grossen Accent Verschiebung 
vorausgehenden gegeben habe, hat seinen Grund darin, dass ich 



* Auch andere meiner Versuche haben während des Druckes 
Bestätigung gefunden, so meine Erklärung von got. iddja vgl. Möller 
'Epenthese vor k Lauten im germ.' p. 6. Ich benutze diese Gelegen- 
heit zwei kleinere Nachträge zu machen: zu dem Aufsatz über die h- 
Gutturale, dass bereits Holtzmann ad. Gr. p. 46 den Zusammenhang 
des germ. g und hv mit den ind. Palatalen erkannt hat; zu der p. 86 f * 
für an. spjö aufgestellten Erklärung, dass Wimmer p 120 der schwed. 
Ausgabe seiner an. Grammatik, auf die ich leider zu spät aufmerksam 
wurde, das Richtige bietet. 



IX 

es für nothwendig hielt die urgerni. Betonung stets zur An- 
schauung zu bringen. Freilich bin ich in Folge dieses Ver- 
fahrens oft gezwungen gewesen, problematische Suffixformen 
zu geben; ich habe die Gründe für meine Wahl nicht ge- 
äussert, weil die Richtigkeit meiner Resultate nicht durch 
jene problematischen Suffixe bedingt ist. 

Schliesslich weise ich darauf hin, dass ich in der Be- 
zeichnung der ae. Vocale dem Vorschlag ten Brinks Angl. I, 
525 ff. gefolgt bin. Das Princip der in den Beiträgen durch- 
geführten Vocalunterscheidung, die sich besonders für gram- 
matische Untersuchung eignet, ist Unterpunktirung der Secun- 
därvocale ; so wird bei Brechung das zweite Element unter- 
punktirt : iveprc Werk ; so auch der einen Palatal andeutende 
Vocal e: sceolon sollen, g$ong jung; lange Vocale erhalten 
Dehnungszeichen : scädan oder sceädan scheiden ; die Diph- 
thonge werden nicht markirt : deor Thier, heafod Haupt. 

Ich kann die Beiträge nicht aus den Händen geben 
ohne meinen verehrten Lehrern, den Hrn. Prof. ten Brink 
und Hübschmann, meinen innigen Dank für ihre freundliche 
Unterstützung meiner Arbeiten auszusprechen. Zahlreiche Be- 
merkungen und Mittheilüngen aus ihren grammatischen Unter- 
suchungen zeigten mir oft die Wege, die zu einer wie mir 
schien richtigen Lösung der mich beschäftigenden Probleme 
führten. Möchte doch njancher meiner Versuche ihrer Theil- 
nahme nicht unwürdig erscheinen! 

Strassburg, 19. Nov. 1878. 

F. KLUGE. 



INHALT. 



I. ZUM VOCALISMUS 1 — 46 

Ueber die fc-Reihe im germ. 

II. DAS GERMANISCHE PRÄTERITUM 47 — 106 

Das Princip der Perfectbildung. 
Präteritale Stammbildung im gerra. 
Die Reduplication und ihre Geschichte. 
Zum redupl. Präteritum im altengl. 
Das Prät. der Wurzel dhä im westgerm. 

III. DER AORIST IM GERMANISCHEN 107 — 130 

Der Aorist der Wurzel dhä. 

Ueber schw. Prät. zu st. V. 
got. iddja und altengl. eode. 

Ueber got. dd und gg. 

IV. DAS GERMANISCHE ACCENTGESETZ . . . . 131 — 138 

Zu II. III. IV. 

V. ZUM GERMANISCHEN PRÄSENS 139—164 

Zur d-Conjugation. 
Zur tttf-Conjugation. 



ERSTES KAPITEL 

ZUM VOCALISMUS. 

§ 1. , 

ZUR GESCHICHTE DER VOCALISCHEN FRAGE IN UNSERM 

JAHRZEHNT. 

Joh. Schmidt eröffnet den ersten Band seines Werkes 
zur Geschichte des idg. Vocalismus' mit der Behauptung: 
'Voltaires bekannter Ausspruch, die Etymologie sei eine 
Wissenschaft, in welcher die Vocale nichts und die Con- 
sonanten sehr wenig bedeuten, ist durch die Arbeiten der 
neueren Sprachwissenschaft mehr in seinem zweiten Theile als 
in dem ersten Theile wiederlegt worden. Diese Behauptung 
schien bis vor Kurzem selbst durch ihres Vertreters überaus 
reichhaltige und anregende Arbeiten nicht entkräftet. Wir 
verdanken ihnen theilweise äusserst lichtvolle Belehrungen 
über Vocalerscheinungen in der Umgebung von Nasalen und 
Liquiden, und vor Allem wird der Germanist dem so viel- 
seitigen Linguisten für die Erhellung eines der dunkelsten 
Punkte der germ. Grammatik, des Uebertrittes von Vocalen 
aus einer Reihe in eine andere, zu hohem Danke verpflichtet 
sein. Aber daB Gebiet, auf dem sich die bis jetzt erschie- 
nenen zwei Bände des 'Vocalismus' bewegen, ist zu eng, als 
dass wir über sämmtliche Vocalerscheinungen innerhalb der 
idg. Sprachen das längst ersehnte Licht erhalten hätten. Noch 
immer wusste man nur, dass der Vocalismus der europ. 

Sprachen durch eine Spaltung des alten a- Lautes in a e o 
qp. xxxu. 1 



2 ZUR GESCHICHTE DER VOCALISCHEN FRAGE 

ein bunteres farbenreicheres Bild darbiete als der Vocalismus 
der arischen Sprachen. Man wusste ferner, dass in vielen 
Fällen sämmtliche europ. Sprachen auf Grundformen hin- 
wiesen, die als idg. anzusetzen das ar. mit seinem scheinbar 
weit einfacheren Vocalismus verbieten musste. Dass die so 
vielfach übereinstimmende Färbung eines alten a in den 
europ. Sprachen dem Glauben an eine europ. Grundsprache 
eine Hauptstütze bot, an der Joh. Schmidt vergebens rüttelte, 
war sicher, und es Hess sich nicht wegstreiten, dass die idg. 
Sprachen Europas durch ihre wenn auch vereinzelt dishar- 
monische Spaltung des alten a ein einheitliches Gepräge tragen, 
das sie den ar. Sprachen gegenüber fest charakterisirt. Einen 
durchschlagenden Beweispunkt für die Berechtigung der 
Schmidt'schen Polemik gegen die Stammbaumtheorie konnte 
man erst dann als vollständig erbracht ansehen, als man in 
den ar. Sprachen deutliche Fälle von Vocalerscheinungen er- 
kannte, die mit ähnlichen in den westidg. Sprachen parallel 
gingen. Und dies Verdienst gebührt Brugman, der sich am 
eifrigsten der vocalischen Frage zugewendet hat. 

Mit Recht waren frühere Versuche den Accent zur Er- 
klärung vocalischer Erscheinungen herbeizuziehen, von metho- 
dischen Sprachforschern zurückgewiesen, welche sich nicht be- 
freunden konnten mit dem Despotismus, der mit souveräner 
Missachtung der gr. und altind. Betonung nach willkürlichen, 
wie aus der Luft gegriffenen Gesetzen Accente gab. Seit 
wir durch Verners glänzende Untersuchung über die ur- 
germ. Accentuation die altind. Betonung, welche Scherer für 
das Verbum als urgerm. nachgewiesen hatte, fast durchweg als 
idg. anzusetzen berechtigt sind, musste sich jedem von Neuem 
die alte Frage aufdrängen, ob sich denn wirklich kein Zu- 
sammenhang zwischen der Accentuation und den Vocalerschei- 
nungen nachweisen lasse. 

Verner führte seine Entdeckung des urgerm. Accentes 
mit einem Beitrag zum germ. Vocalismus ein. Der Aufsatz 
zur Ablautsfrage, Kz. 23, 131 — 138, beschäftigt sich nur 
mit dem germ. Vocalismus ohne den der übrigen Sprachen 
zuzuziehen; er begingt mit einer Negirung der theil weise 
unbrauchbaren Vocaltheorie, die Holtzmann ohne consequente 



IN UNSERM JAHRZEHNT. 3 

Berücksichtigung der altind. und gr. Betonung in seiner 
Schrift über den Ablaut* 1844 aufgestellt hatte. Verner gibt 
dann eine Chronologie, welche bereits von Scherer ZGDS 
p. 132 angedeutet war: 1) In einer älteren Sprachperiode 
ging betontes a in e über; z. B. in den Präsentien der Ab- 
lautsreihen vSrpd und bSro. 2) In einer jüngeren Sprach- 
periode ging unbetontes a vor Nasalen und Liquiden in o, 
resp. u, vor allen übrigen Consonanten in e über; vgl. die 
germ. Participien nomands genommen, vordands geworden, 
borands getragen, aber etands gegessen, setands gesessen. 
3) Daneben besitzt das germ. ein reines von der Accen- 
tuation unabhängiges a. — Was das Verhältnis von e zu o (u) 
anbetrifft, so hat Verner bis zu einem gewissen Punkte sicher 
Recht; und auch dagegen lässt sich nichts leinwenden, dassgerm, 
a von der Betonung vollkommen unabhängig sein soll. Hier 
hat sich aber die Umgehung besonders des griech. Vocalismus 
gerächt. Derselbe lehrt nämlich, dass im germ. a zwei grund- 
verschiedene Laute zusammen gefallen sind, die dem gr. o 
und a entsprechen. Auch ist, was Verner sehr wohl gesehen 
hat, der germ. Vocalismus mit den kurzen a e o nicht er- 
schöpft. So hatte sich der Accent auch hier wieder unbrauch- 
bar erwiesen; es lassen sich nun einmal die Vocalerschei- 
nungen nicht allein aus der Betonung erklären. 

Dem Beispiele Verners folgte Brugman. Ich muss es 
mir versagen, so anziehend es wäre, den Ausgangspunkt 
seiner Untersuchungen und die Entwickelung seiner Ansichten 
nach der Zeitfolge der verschiedenen Aufsätze zum Voca- 
lismus (Studien 9, 287 ff.; 361 ff.; Kz. 23, 587 ff.) zu ver- 
folgen. Unserm Zweck genügt die Kenntniss ihrer Resultate, 
die ich im Anschluss an die Einleitung seines Aufsatzes 'zur 
Geschichte der Nominalsuffixe as, yas, vas (Kz. 24, p. 1 — 4) 
in der Kürze wiedergebe. 

1) Durch die Grundsprache geht eine von allen Dialecten 
reflectirte Abstufung, der zufolge ein und derselbe verbale 
oder nominale, mit oder ohne Suffix gebildete Stamm beim 
Antritt der verschiedenen Personal- oder Casussuffixe eine 
verschiedene Gestalt annimmt und welche dadurch ins Leben 

V 



4 ZUR GESCHICHTE DER VOCALISCHEN FRAGE 

getreten ist, dass ein Theil der angesetzten Suffixe ursprüng- 
lich betont, ein anderer unbetont war; die lautvollere U estalt 
des Stammes wird als starke, die lautärmere als schwache 
Stammform bezeichnet. Beispiele : sk. veda ich weiss, vidmd 
wir wissen; gr. o?<fa, Ujusv (für Mfiev); got. vait, vitum. sk. 
imi ich gehe, imds wir gehen = gr. bI^ ifisv (für IpivJ. 

2) Die Verschiedenheit des Vocals in tpegw — yoQOQ, 
cpsQOfxtv — (pigsTS = got. bairam, bairip = altind. bhdrämas 
bhdratha reicht in die Grundsprache; derjenige Laut, der im 
europ. gewöhnlich als e erscheint^ wird mit a t bezeichnet, 
derjenige dessen Fortentwickelung in gr. o = germ. a vor- 
liegt, mit a 2 ; letzteres a 2 wird im ind. in offenen Silben 
durch ä y in geschlossenen durch a vertreten; daher bhar&mas = 
g>6QOfi€v x aber daddrga = didogxa, dbharam = eqtsQov. 

3) Die idg. Grundsprache besass wahrscheinlich voca- 
lische Liquiden und Nasale, welche Laute zum Unterschiede 
von den consonantischen mit r 1 m n bezeichnet werden; 
diese Laute sind in vielen Fällen ein Zusammenziehungs- 
produkt aus ar al am an: das dem sk. tatds, gr. rarog, lat. 
tentus zu Grunde liegende idg. Particip tntd^s beruht auf 
älterem tan~td 2 s; für pdßm (sk. pädam, gr. 710 Ja) lässt sich 
Entstehung aus älterem pd 2 dam nicht wahrscheinlich machen. 
Die Schwächung von ar am u. s. w. zu r m u. s. w. beruht 
wie die schw. Formen bei der Abstufung auf ursprachlichen 
Betonungsverhältnissen; wie der locat. Sing. gr. nargi = 
germ. fadri auf älterem patari beruht, bo wurde im Loc. Plur. 
aus älterem patarsvd ein patrsvd (= sk. pitfsu, gr. navgaoi) ; 
dass dort consonantisches, hier vocalisches r die Folge der 
aus der Suffixbetonung hervorgegangenen Schwächung ist, 
beruht darauf, dass das Casussuffix dort vocalisch, hier con- 
sonantisch anlautet. , 

Dies sind die Resultate der Brugman'schen Arbeiten. 
Ich untersuche in der Kürze, ob sie wirklich das erklären, 
was sie sollen und in wie weit sie anzuerkennen, resp. zu ver- 
werfen sind. 

Das Princip der Stammabstufung, das seine Entstehung 
anerkannter Massen nicht erst den letzten Jahren verdankt, 
hat Brugman in erfolgreicher Weise auf die themavocalische 



IN UN8ERM JAHRZEHNT. 5 

Flexion ausgedehnt; wir haben gelernt, dass der Unterschied 
von gr. (psQOjitsv, cpigers = got. bairam bairip = sk. bhdrämas 
bhdratha principiell von der Stammabstufung der consonan- 
tischen Flexion nicht verschieden ist und mit dieser in' die 
Ursprache reichen muss : damit ist der Beweis für idg. a x und 
a 2 erbracht. Wenn aber Brugman weiter die der Sprach- 
trennung unmittelbar vorausliegenden bhd x ra 2 ma8 bhd x ra x tas 
durch Uniformirung des Wurzel vocals auf älteres bha x rd 2 ma8 
bhd 2 ra i to8 zurückführt, so will es mir scheinen, als ob wir nicht 
nur kein Recht dazu hätten, den Accent zur Erklärung der 
Vocalverschiedenheiten in solcher Weise hin- und herspringen 
zu lassen, sondern auch vom gemeinidg. Yocalismus selber 
auf die Unhaltbarkeit dieser Annahme hingewiesen würden. 
Der Beweis dafür lässt sich leicht von den Präsensbildungen 
von Wurzeln mit auslautender Doppelconsonanz aus führen. 
Z. B. y^ vart: v&rpamez virpede sind die germ. Grund- 
formen, vSrtomes, virtetes wären die griech.-ital., im altind. 
haben wir vdrtdmas vdrtatha; es liegen also idg. vd x rta 2 mas 
vd x rta x tas zu Grunde. Wie nun Brugman die parallelen 
bhd x ra 2 mas — bhd x ra t tas auf ältere bha x rd 2 mas — bhd 2 ra x tas 
zurückführt, würde er auch ältere va x rtätfna& — vd 2 ria x tas 
ansetzen müssen. va x rtd 2 mas aber hätte nach dem dritten 
Gesetze ursprachlich zu vrtd 2 ma8 werden müssen: idg. vxt& 2 mas 
vd 2 rtata8 aber könnte entweder nur einen Stamm vtt, oder 
einen Stamm va 2 rt nach der Uniformirung ergeben haben. 
Da nun aber durch anderweitige Untersuchungen Brugmans 
feststeht, dass einem idg. r ein germ. or (ro), einem idg. 
a 2 r aber germ. ar, jenem griech. ag, pa, diesem oq entspricht, 
so bleibt der Vocal des germ. vSrp-, gr.-ital. vert- uner- 
klärt. Aehnlich verhält es sich mit Wurzeln, die auf Nasal + 
Consonant auslauten. 

Mit der Richtigkeit dieser Einwände aber fällt auch 
Brugmans Annahme, dass vd x gha 2 mas vd x gha x tas auf älteren 
va x §hd 2 mas vd 2 gha x tas beruhe, und — der Accent hat mit 
dem Wechsel von a x und a 2 nichts zu schaffen. Ein anderer 
problematischer Punkt unter den Brugman'schen Resultaten 
scheint mir die Annahme sonantischer Liquiden und Nasale, 
die doch wohl sprachgeschichtlich nicht denselben Grad von 



O ZUR GESCHICHTE DER VOCAUSCHEN FRAGE 

Berechtigung hat wie lautphysiologisch. Nach Brugman ent- 
stand ein idg. tntä 2 s aus älterem tantd 2 s in Folge des durch 
die Accentuation veranlassten Schwundes des Wurzelvocals. 
Haben wir nun nicht consequenter Weise anzunehmen, dass 
auch bei "Wurzeln, deren Auslaut weder Nasal noch Liquida 
ist, der Wurzelvocal im Particip ursprünglich ausgefallen und 
der in den Einzelsprachen erscheinende Vocal nur ein später 
Hülfsvocal sei? oder ist es nicht vielmehr unmöglich z. B. 
aus einem idg. paktäs ein pktäs entstehen zu lassen, das mit 
jenem aus tantds entstandenen tntds = tntäs auf einer Stufe 
steht? Ist aber gr. nsnrog die erste Entwickelung aus einem 
idg. pajctä 2 $, so werden wir auch raxoq für den Reflex eines 
idg. tantds halten dürfen. 

Soviel steht aber nach Brugmans Untersuchungen fest, 
dasB in unbetonten Silben schon idg. eine Schwächung von 
a eingetreten ist, die sich vor Nasalen und Liquiden unver- 
kennbar kundgibt. 

Dies sowie das uridg. Alter der Laute a t und a 9 wird 
Gemeingut der Sprachwissenschaft werden und bleiben. Für 
übereilt halte ich Brugmans Annahme, dass der Accent 
zu dem Wechsel von a t und a 2 in Beziehung stehe. Ich 
glaube, dass die Betonung in der Grundsprache dieselbe Con- 
stanz besass, die ihr von der Völkertrennung an viele Jahr- 
hunderte hindurch eigentümlich war. 

Zu diesem principiellen Bedenken gegen die Methode 
Brugmans füge ich folgende Bemerkungen : 

Man vermisst bei ihm eine consequente Durchführung 
eines Princips, als dessen Hauptvertreter er mir erscheint. 
Ich meine: hat er einmal den Anfang gemacht, dem europ. 
Vocalismus ein z. Th. höheres Alter als dem der ar. Sprachen 
zu vindiciren, so musste er consequenter Weise auch den 
übrigen gemeineurop. Vocalen ursprachliches Alter sichern. 
Ausser den bisher besprochenen a x und a 2 hat er nur noch 
ein a 3 angedeutet, dem in allen europ. Sprachen ein reines 
a entspricht. Aber das europ. ist noch weit reicher an 
Vocalen. Wie verhält sich germ. mddär Mutter zu gr. /Lirjrrjg 
und altind. rnätä? wie germ. svdtüs süss zu gr. rjövq und 
sk. svädüs? wie germ. knädis Erkenntnis zu gr. yvcSoig? wie 



IN UN8ERM JAHRZEHNT. 7 

got. jer zu gr. cogog? u. s. w. Das sind alles Fragen, auf 
die wir von den bisherigen Theorien Brugmans vergebens 
Antwort erwarten. Hier hat jeder einzusetzen, der am Voca- 
lismus weiter arbeiten will. 

Brugman gebührt das Verdienst die vocalische Frage 
zu einem methodisch bedeutenden Probleme der neusten 
Untersuchungen gemacht zu haben; aber er ist nicht der 
erste, der ihr in höherem Masse Aufmerksamkeit geschenkt 
hat. Etliche Jahre vor ihm hatte bereits Amelung dieselbe 
im engeren Gebiet der europ. Sprachen zu erledigen gesucht 
in dem nachgelassenen Aufsatz 'der Ursprung der deutschen 
a-Vocale Haupts Zeitschrift 18, 361 ff. 

'Kein Sprachvergleicher, heisst es daselbst p. 162, 'nimmt 
soviel ich sehe daran Anstoss ein deutsches a nach Belieben 
einem gr. und lat. a e o oder d gleich zu setzen, wenn das 
übrige dazu auffordert. Ich glaube nicht, dass die Natur der 
Sache selbst uns für immer zu einer solchen Freiheit ver- 
urtheilt. Die uns noch unbekannten, den Erscheinungen ver- 
mutlich doch zu Grunde liegenden festen Gesetze aufzu- 
decken muss wenigstens fortwährend versucht werden. 

Man glaubt einen unter den Eindrücken der letzten 
Jahre entstandenen Aufsatz zu lesen; so sehr muthet uns 
der Geist dieser vor einem Lustrum geschriebenen Worte an. 
Wir bewundern den Scharfsinn und zugleich den feinen Takt 
für Methode, den dieser Aufsatz in hohem Masse erkennen 
lässt. Manches ist darin vorweg genommen, was Brugman 
später durch eigne Untersuchung gewann. Nur darin besteht 
ein methodischer Fortschritt des letzteren über Amelung hinaus, 
dass jener im ar. Vocalismus zahlreiche Spuren derselben Er- 
scheinungen nachwies, deren Uebereinstimmung in den europ. 
Sprachen zuerst erkannt zu haben Amelungs Verdienst ist. 
Wir können es sehr wohl begreifen, warum dieser den Schwer- 
punkt aller Forschung über den Vocalismus auf die Ver- 
gleichung der europ. Sprachen gelegt wissen wollte (und es 
wäre im Interesse der Sache nur zu wünschen, dass man fürs 
erste den ar. Vocalismus möglichst aus dem Spiele liesse), be- 
greifen auch, warum er die Untersuchung von sich wies, ob 
die Mannigfaltigkeit des europ. Vocalismus höhere Alterthüm- 



8 ZUR GESCHICHTE DER VOCALISCHEN FRAGE. 

lichkeit habe als die Monotonie des ar.; diese Möglichkeit 
schien ihm allerdings — und auch hier bewundern wir Ame- 
lungs scharfen Blick — 'grössere innere Wahrscheinlichkeit 
zu haben als die gewöhnliche Annahme eines einförmigen idg. 
a (a. a. 0. p. 218). 

Die Gültigkeit des von Brugman aufgestellten Satzes, 
dass der europ. Yocalismus älter sei als der ar., wird im 
weitesten Umfang bestätigt durch Verners anregende Ent- 
deckung, dass der Reflex des Brugman'schen a t im ar. ein 
Vocal heller Färbung gewesen sein müsse, da ein vor dem- 
selben stehender Guttural in den entsprechenden Palatal ver- 
wandelt werde. Ich notire die frappantesten Beispiele : lat. que = 
gr. ts sind die Reflexe eines idg. 1pa t = ind. ca (nicht Ted). 
gr. nevrs = lat. quinque = germ. fimfe entsprechen idg. 
pd i nka i = ind. pdnea (nicht panka); sk. cakrds = idg. 
^a t krd % 8 } germ. hveuläs für hvegvlds; ind. catür = gr. 
movg- = got. fidur sind gleich idg. ka t tür. Vor einem a- 
Vocal von dunkler Färbung bleibt im ar. der Guttural und 
wird nicht in den Palatal gewandelt; gr. no- = got. hvas 
sind idg. ka^s = sk. kas (nicht cas)\ lat. coxa = ahd. 
hahsa = sk. Mfcsa (nipht caksa); vgl. auch sk. kapäla = ae. 
hafela. Ich begnüge mich mit diesen Beispielen, da 'Verners 
Palatalgesetz'* bald ausführlicher dargelegt werden wird. 

Anstatt hier ein Facit zu ziehen aus der Betrachtung 
der Geschichte der vocalischen Frage in unserm Jahrzehnt, 
gebe ich in den folgenden Paragraphen einen eignen Versuch, 
der auf den durch Amelung, Brugman und Verner gewonnenen 
Resultaten und auf den von ihnen vertretenen methodischen 
Grundsätzen erbaut, eine theilweise neue Theorie des Voca- 
lismus anstrebt, sich gleichwohl nicht anmasst, so verwickelte 
Fragen gänzlich erledigen zu wollen. * 

* Ich kenne das Gesetz seit dem Ootober des vergangenen Jahres 
durch Hrn. Prof. Hübschmann, der es in seinem vom 25 Nov. 1877 
datirten 'iran. Stadien' Ez. 24, 409 in der Kürze bespricht. Dies zur 
Erklärung, we 88 halb ich es nicht 'Collitz' Gesetz' bezeichne. Die Ab- 
handlung des letzteren Bb. 2, 305 ging mir erst zu, als meine Unter- 
suchung über den Yocalismus bereits abgeschlossen war. Collitz 1 Ein- 
wänden gegen Brugman kann ich übrigens nur in einem, später zu er- 
wähnenden Punkte beitreten. 



VERSCHIEDENE VOCALSTUFEN. 



2. 



NACHWEIS DER VERSCHIEDENEN VOCALSTUFEN AN DER 

i- UND U- REIHE. 

Die i- und w- Reihen eignen sich am vorzüglichsten zur 
Veranschaulichung des Verhältnisses der Vocale einer Reihe 
unter einander; sie sind auch schon öfters zu diesem Zwecke 
aufgeführt; was ich hier biete, erhebt durchaus keinen An- 
spruch auf Neuheit. 

Im gr. und im germ. finden wir in der w-Reihe vier 
Vocalgestalten : gr. v ev ov v = germ. u eu au ü. Das 
Princip, jedem der Vocale der Einzelsprachen einen idg. 
Vocal zu Grunde zu legen, zwingt eine gleiche Reihe für 
das idg. anzusetzen ; diese lautet, indem ich für gr. und germ. 
e mit Brugman idg. a x und für gr. o = germ. a idg. a % an- 
setze: u a { u a % u ü. Eine gleiche Zahl Vocale bietet die i- 
Reihe; gr. i si 01 l; im germ. ist ei zu i geworden und mit 
altem i zusammengefallen ; die gr. und germ. Vocalreihe weist 
auf ein idg. i a x i a^i i hin. 

Es stehen sich also durchaus parallel 

i a x i atf i 
u a t u a 2 u ü. 

Die parallelen i und u bezeichne ich im folgenden als 
schwache Vocalform, a x i und a x u als starke Vocalform, a % % 
und a % u als Steigerung, i und ü als Dehnung. Wo wir eine 
Vocalreihe finden, wird sie diese 4 Stufen« bieten müssen: 
schwache Form, starke Form, Steigerung, Dehnung. Be- 
trachten wir zunächt die i- und w- Reihe genauer! 

I. Die schwache Stufe, die denkbar schwächste Vocal- 
gestalt, erscheint nur in ursprünglich unbetonter Wurzelsilbe ; 
wie folgende Categorien zeigen. 

a) Particip mit Suffix td und na. 

sk. distds = lat. dictus = germ. tigands = idg. 
diß-tds, -nds y/~* diu. 

sk. buddhds = gr. nvarog = germ. bodands = idg. 
bhudh-tds, -nds y^ bhudh. 

b) schwache Perfectform. 

sk. bubvdhimd = got. budum = idg. bhubhudhmd; 



Ä I 



10 NACHWEIS DER VERSCHIEDENEN VOCALSTÜFEN 

sk. bibhidimä — lat. fidimus = got. bitum = idg. 
bhibhidmd'y y^ bhid. 

c) schwache Form des Präsens der 2. und 3. sk. Classe. 
sk. imds = gr. Xfitv = idg. irnäs, v° *• 

sk. cikitmds (zu clketmi) y/~* cit = kit. 

d) Präsensbildung nach der 5. uiyl 9. sk. Classe : 

vgl. sk. jinämi y^ ji> punämi y/ pu; sunämi 
y/~* su; vgl. auch den Plur. sunuwäs. 

e) Reduplicationssilbe : 

vgl. sk. bibhida, Plur. bibhidimä. 

f) Präsens nach der 6. sk. Classe : 

vgl. sk. digärni, tudämi. ' 

An Nominalbildungen sind folgende die wichtigsten, die 
bei Suffixbetonung schwächste Wurzelgestalt zeigen. 

g) Verbalnomina mit Suffix ti (vgl. Amelung a. a. 0. 18, 
206; Verner hat Kz. 23, 124 gezeigt, dass vereinzelt schon 
in der idg. Zeit der Accent auf die Stammsilbe übergegangen 
ist ; vgl. auch Lindner ai. Nominalbildung § 53) : sk. dittis = 
germ. tihtis (ahd. inziht Fick VII, 121) = idg. diktis (\P 
dikj ; ai. jüstis zeigt Accentverschiebung, Grundform ist gus- 
ti-s (Verbalnomen zu y° gus schmecken, kosten). 

h) Nomina agentis mit SuffFx an (vgl. Amelung 
a. a. O., OsthofF PBb III, 1 ff. ; Lindner § 7) : vgl. germ. 
togän (harja-togän Herzog^ zu y° duk ziehen, führen; 
idg. kuän Hund (y/^ ku?J. 

i) Nomina femin. mit dem Suffix /; vgl. sk. citis 
f. Verständnis \/° cit = idg. kit; yudhis f. Kampf \/° yudh. 
Lindner § 23. 

k) Adjectiva mit Suffix ti und rd bei consonantisch aus- 
lautender Wurzel; vocalisch auslautende Wurzeln haben im 
ind. und germ. meist Dehnung, wie wir unten sehen werden. 
Vgl. Lindner § 30 und §78; Bezzenberger Bb II, 123 ff.; 
idg. rudhrds roth = sk. rudhirds, gr. sgvfrgoc, germ. rodrds 
Kz. 20, 6; germ. bitrds bitter. 

II. Während das Gebiet der schwachen Vocalform die 
unbetonte Wurzelsilbe ist, zeigt sich die starke Form aus- 



AN DER i- UND tt- REIHE. 11 

schliesslich in betonter Wurzelsilbe, idg. a t i und a t w, die 
starken Formen zu idg. i und w, werden reflectirt durch gr. 
h und hv und durch germ. i und- eu; im sk. entspricht e und 
6, die als helle Vocale nur gelten, wenn sie einem gr. ei und tv 
entsprechen; Verners Palatalgesetz ist hier von durchschlagen- 
der Beweiskraft; vgl. sk. cetati (nicht kitati) er erblickt zu 
y° dt = idg. Jcit. cödati er treibt (nicht Jcödati) zu V° £wd = 
idg. kud. Im ar. sind in den meisten Fällen die $ und 6 als 
starke Formen nicht zu unterscheiden von den aus den Steige- 
rungen idg. a 2 i und a 2 u entstandenen % und 6. Im germ. ist 
die starke Form i (= idg. a t ij mit der alten Dehnung i zu- 
sammengefallen, und nicht immer lässt sich entscheiden, 
welcher Werth einem i zukommt. Germ, eu, iu ist gewöhn- 
lich der Reflex eines idg. a t u; nur sehr selten kann man 
schwanken, ob nicht vielmehr idg. iv (yuj zu Grunde liegt. 
Gr. ei und ev entsprechen am deutlichsten der idg. starken 
Vocalform a x i und a x u. Besonders in folgenden Kategorien 
zeigt die Wurzelsilbe die starke Stufe. 

a) Präsens nach der 1. sk.-Classe und starke Stamm- 
form des Präsens nach der 2. sk.-Classe; germ. tt'hd = gr. 
deixü) = lat. dico = idg. dd x iUd ; sk. bödhdmi = germ. biudo 
= idg. bhd x udhä; sk. cetämi (aber Perf. cikita) zu y/^cit; 
sk. jäyämi (aber Perf. ßgdya) zu y^ ji = idg. gi; vgl. 
gr. elfit = sk. imi = idg. d x imi ich gehe (aber Plur. i-mds 
wir gehen). Ich stelle hierher auch die Form d x y- des 
Causativsuffixe8, die in unbetonten Silben zu i wird: sk. 
bheddydmi = germ. baitejo, baitijö (nach der Accentver- 
schiebung baitiöj, Causativ zu idg. bhd x idä ich spalte, 
ist idg. bha 2 idd i yä; das zugehörige Particip ist bha 2 idi-tds, 
ich fasse also mit Bezzenberger Zeitschr. für deutsche Philol. 
V, 475 bha 2 idi als Verbalstamm, obwohl man heute eher ge- 
neigt ist die Causativa für alte Denominativa mit Suffix -ya- 
zu halten, vgl. Scherer zGDS p. 172; Delbrück ai. Verb, 
p. 209. 

b) Neutrale as-Stämme, vgl. Fick Bb I, 233 ; gr. rtt/og 
— sk. dShas = idg. dhd x igha 2 s (sollte das nur einmal belegte 
gadigis st. n. des got. für gadeigis verschrieben sein?) zu 
V° dhigh kneten. Instructiv ist auch sk. c&tas zu \Z° <*Y ; 



12 NACHWEIS DER VERSCHIEDENEN V0CAL8TUFEN 

das, wie der anlautende Palatal zeigt, idg. kd i ita 2 s ist. Im 
germ. haben wir einige sekundäre eu in unbetonter Wurzel- 
silbe; ihre Erklärung hat Sievers PBb V, 149 gefunden: Bei- 
spiele eines secundären eu sind germ. hveulds für hvegvlds 
== sk. cakrds, idg. kajcrdfi Rad; germ. neurds Niere steht 
für negvrds = gr. vtxpQoc, idg. na x ghrd 2 s (so erledigen sich 
Joh. Schmidts Bedenken Verwandtschaftsverh. p. 56). Germ. 
feudo, piudo Volk würde, wenn eine idg. y° tu zu Grunde 
läge, eine ganz auffällige Bildung sein, es wäre ein Beispiel 
dafür, dass eu, iu im germ. nicht immer in betonter Wurzel- 
silbe steht. Es liegt aber vom germ. aus näher eine y° tiv 
anzusetzen und zu derselben got. pius Knecht, pivi Magd und 
pfois für peivis Knecht mit den entsprechenden Worten der 
übrigen germ. Sprachen zu stellen ; germ. piudo wäre dann 
idg. tiv-tä, tyu-tä. 

III. Neben den starken Vocalformen a x i und a x u haben 
wir als idg. die Steigerungen a 2 i und a 2 u anzusetzen; am 
deutlichsten entsprechen auch hier wieder die gr. m und ov; 
germ. ai und au sind nur dann mit Sicherheit als aj und 
a 2 u aufzufassen , wenn Wortbildungen derselben Wurzel 
andere Vocalstufen derselben Reihe zeigen. Auch sk. o 
und e sind nur in seltenen Fällen als Reflexe alter a 2 e und 
a % u zu erkennen ; unzweifelhaft ist das e von sk. cikita zu 
y° cit. Die aus a 2 i und a^u enstandenen e und o sind nämlich 
Vocale dunkler Färbung, Palatalisirung eines ihnen vorher- 
gehenden k ist also unmöglich ; vgl. auch ketüs Glanz = germ. 
haidüs (Fick VII, 56) = idg. fca 2 it-u-s. In folgenden 
Formenreihen zeigen sich die Steigerungen a % i und a 2 u: 

a) starke Perfectform : gr. Xskotne = germ. Idihve (got. 
laihv) = sk. rirSca = idg. ra { rd 2 ika x zu Präs. rd t ikä (gr. 
telmo = germ. lihvdj \P rilp. Germ, bdude er bot = sk. 
bubhödha = idg. bha^hd^udh^; sk. jigäya y° ji = 



b) starke Stammform des Präsens der 3. sk. Classe; 
vgl. cikSmi zu y° d (idg. kij = sehen ; ciketmi zu \Z° cit 
(idg. kit) = schauen. Im gr. findet sich bei consonantisch 
auslautender Wurzel keine Spur der Präsensbildung nach 
der 3. sk.-Classe ; zahlreiche Belege hingegen bietet das germ. 



AN DER i- UND W REIHE. 13 

c) Der Causativstamm zeigt in der unbetonten Wurzeln 
silbe Steigerung; über den Accent hat bekanntlich Verner 
Kz. 23 p. 120 gehandelt. Germ, baitljö (= baitiö) lasse 
beissen ist idg. bha 2 idd l yä (V"* bhid). 

d) Verschiedene Nominalbildungen zeigen Steigerung in 
unbetonter Wurzelsilbe; sk. ketüs (nicht cet.-üsj = germ. 
haidüs = idg. ka^it-ti-s zu y/^ kü ; gr. 7ivoFvJ zu \^ nw ; germ. 
rawio raub (ahd. rouba st. f.) v° f*fP- 

Es wird durch die beigebrachten Beispiele erwiesen, 
dass sich die Steigerung in betonter wie in unbetonter Silbe 
findet; so unterscheidet sich diese Yocalstufe von den beiden 
eben behandelten, deren eine ursprünglich nur in unbetonter, 
die andere nur in betonter Wurzelsilbe erscheint. Dass die 
Steigerung in irgend welcher Beziehung zum Accent gestanden 
hat, lässt sich nur vermuthen. 

IV. Ueber die Dehnung lässt sich, soweit ich den Vooa- 
lismus übersehe, nur das sagen, dass sie die seltenste der 
Vocalstufen ist ; doch lassen sich einige Fälle, ursprachlicher 
Dehnung nachweisen. Wäre dies auch nicht möglich, so 
würde doch die hier vertretene Methode erfordern wegen der 
Existenz derselben in den Einzelsprachen die Dehnungen in 
den Bereich der ursprachlichen Vocalstufen aufzunehmen trotz 
Schleicher Kuhns Beitr. I, 328. Am häufigsten, aber mit 
anderen Vocalstufen wechselnd, erscheinen die Dehnungen i 
und ü vor den Adjectiva bildenden Suffixen rd und ld y 
besonders wenn die Wurzel vocalisch auslautet: sk. 
sthü-rds stark; dü-ras* fern; ß-rds munter; aus dem 
germ. führe ich an sü-rds sauer; sAtf-rrfs klar; fü-lds faul; 
hlüt-rds lauter; süb-rds sauber. Den Accent der germ. 
Adject. habe ich nach der im sk. und gr. übereinstimmend 
herrschenden Regel über die Accentuation der Adjectiva auf 
ra angesetzt; sie lässt sich auch im germ. nachweisen. Es 
scheint nach den beigebrachten Beispielen, als ob die Deh- 
nung auf die unbetonte Wurzelsilbe beschränkt ist; darauf 
führt der Umstand, dass Dehnung und schwache Vocalform 
bei einzelnen Nominalsuffixen abwechseln; so steht im germ. 
hiüt-rds neben bit-rds. 

Weitere Formenreihen, die mit mehr oder weniger Regel- 



14 NACHW. D. VERSCHIED. VOCALSTUFEN A. D. i- U. W-REIHE. 

mässigkeit die seltenste Lautstufe, die Dehnung, aufwiesen, 
wüsste ich nicht anzuführen. Natürlich will ich mit den vor- 
stehenden Bemerkungen nicht erschöpft haben, was sich über 
das Auftreten der einzelnen Yocalgestalten sagen lässt ; dazu 
wäre eine ausführliche Stammbildungslehre der europ. wie der 
ar. Sprachen erforderlich, und diese steht noch in ihren An- 
fängen. Mir war es wesentlich darum zu thun an einigen 
durchsichtigen, z. Th. von andern klar gelegten Nominalbil- 
dungen die verschiedenen Lautsfaifen in der f- und w-Reihe 
zu fixiren; wir sahen, dass es in beiden Reihen vier Stufen 
gibt, die als schwache Form, starke Form, Steigerung und 
Dehnung zu bezeichnen waren. Sehen wir, ob die andern 
Vocalreihen, die gleichen Stufen aufweisen. 



§ 3. 

ANNAHME ZWEIER «-REIHEN. 

Die idg. Grundsprache besass zwei a-Reihen, von denen 
die eine ihrer Natur in den europ. Sprachen wegen als e- 
Reihe, die andere als reine a-Reihe bezeichnet werden kann. 
Zu der ersteren gehören die von Brugman fixirten a x und a t 
sowie seine Sonanten, zu der reinen a-Reihe nur das von 
ihm bloss angedeutete a 3 . In den folgenden §§ werde ich 
die einzelnen Vocale beider Reihen erweisen; hier gebe 
ich schon ihre Bezeichnung: die Vocale der e-Reihe schreibe 
ich, theilweise im Anschluss an Brugman, a t a x a 2 ä { und 
dem entsprechend die Vocale der reinen a-Reihe a 1 a 1 a 2 d 1 . 
Durch die Annahme einer doppelten a-Reihe glaube ich die 
Schwierigkeiten heben zu können, die nach den früheren Ver- 
suchen geblieben sind. 

Dass kein innerer Zusammenhang zwischen den Vocalen 
der beiden Stufen besteht, zeigt folgende Erwägung. Brug- 
man hat eine ursprachliche Schwächung von a t vor Nasalen und 
Liquiden in unbetonten Silben nachgewiesen, bestehend im 
Schwund des Wurzel vocals und damit verbundener Sonirung von 



ANNAHME ZWEIER «-REIHEN. . 15 

mnr l, Stände nun sein a 3 in Ablautsverhältnis zu a x und a 2 , 
so bliebe unerklärt, weshalb bei Suffixbetonung nicht dieselbe 
Schwächung von a 3 vor Nasalen und Liquiden eintritt. Das 
war ja auch die Schwierigkeit, die Verner in dem Aufsatz 
zur Ablautsfrage nicht zu lösen vermochte und die auch 
Amelung schon erkannt hatte: wie ist es zu erklären, dass 
im germ. das part. von bird boranäs, von fdrd aber faranäs, 
von bindd bundands, aber von g&ngö gangands lautet P Dass 
nur die Annahme einer ursprünglichen Grundverschiedenheit 
der Vocale Licht verschaffen kann, scheint mir unzweifel- 
haft. Ich überlasse es den folgenden §§ diese Annahme 
im Einzelnen zu rechtfertigen. Es wird zwar nicht immer 
bei jedem der von mir als grundsprachlich angesetzten 
Laute möglich sein, deutliche Spuren seiner Existenz im ar. 
nachzuweisen ; aber das darf vorläufig noch nicht als Ziel der 
Forschung über den Vocalismus gelten ; da der Vocalismus des 
ar. im Verhältnis zum europ. ohne Frage unursprünglich ist, 
kommt es zunächst darauf an, vom europ. aus, dessen Voca- 
lismus als treuer Reflex des grundsprachlichen anzusehen ist, 
ein System oder Schema des letzteren aufzustellen. Sind wir 
über den europ. = idg. Vocalismus zu festen und anerkannten 
Resultaten gekommen, so hat die Forschung über den ar. 
Vocalismus eine feste Grundlage, auf der weiter gebaut werden 
kann. Heute ist das noch nicht möglich. Ich brauche nicht 
besonders hervorzuheben, dass daß System der a -Vocale, das 
ich im folgenden gebe, auf einer eingehenden Betrachtung 
des germ. beruht, und ich glaube, dass sich alle Schwierig- 
keiten,* die der germ. Vocalismus bereitet, durch mein System 
beseitigen lassen können. In Betreff des gr., dessen Vocalismus 
den germ. in vielen Punkten an Durchsichtigkeit und Rein- 
heit übertrifft, schwanke ich über die Vertretung der idg. 
Dehnungen ä x und ä A ; diese sind im germ. zusammengefallen, 
scheinen dort aber geschieden zu werden; doch muss ich es 
anderen überlassen den Lautwerth des gr. w und y genauer 



* Ausgenommen sind die 6 von hir hier; KrSJcs Grieche; Mns 
Kien u. s. w. ; sie finden in meinem System keine Erklärung. Was 
sonst darüber gesagt ist, befriedigt nicht sehr, ~ 



16 ANNAHME ZWEIER 0- REIHEN. 

festzustellen; was ich darüber geboten habe, soll nicht ent- 
scheidend sein. 

Die Möglichkeit, dass die beiden a-Beihen späte Entwicke- 
lungen einer einzigen seien, muss mit derselben Entschieden- 
heit geleugnet werden, wie eine etwaige Uridentität der beiden 
Gutturalreihen.* Wenn der Versuch gelingt, für jede der 
beiden a-Beihen sämmtliche 4 Yocalstufen im germ. und gr. 
nachzuweisen, so ist den hier vertretenen methodischen Grund- 
sätzen nach die ursprachliche Existenz derselben gesichert. 
Zunächst behandle ich die e-Beihe, deren Yocale ich als a t a t 
a 2 ä x unterscheide ; hier werden hauptsächlich die Vorarbeiten 
Verners und Brugmans zu verwerthen sein. Für die a J -Beihe 
ist bis auf Brugmans Vermuthung eines idg. a 3 noch gar 
nichts geleistet. 



§4. 



DIE a t - REIHE. 



Wir sahen eben bei der i- und w-Beihe, dass die schwache 
und starke Vocalform streng geschieden waren ; i und u sind 
die schwachen, a x i und a x u die starken Formen der beiden 
Beihen. Wir dürfen danach erwarten, dass auch in der a- 
Beihe die starke und die schwache Form streng unterschieden 
waren. Ich setze als starke Vocalstufe a t an und als schwache 
öj , womit ich andeuten will , dass die Aussprache beider 
Laute nur soweit differirt, als die Accentuation erfordert: 
a t weil in unbetonter Silbe stehend hat nicht die Stärke des 
accentuirten ä x . In den historischen Perioden unterscheiden 
sich freilich die Beilexe der idg. <i t und a i nicht in allen 
Fällen; aber diejenigen Fälle, in denen die lautliche Ent- 
wickelung derselben auseinander geht, genügen eine durch- 



* Ich bemerke hier, dass ich die k- Reihe, welche die Velare* 
genannt und durch sk. k und c reflectirt wird, als k -Reihe bezeichne, 
die ßg. Palatalreihe (sk. g) mit anderen als £- Reihe. Ueber die noch 
nicht fixirte Vertretung der fc- Reihe im germ. werde ich unten Auf- 
schlus8 zu geben versuchen. 



DIE a t - REIHE. 17 

gängige Unterscheidung der schwachen und der starken Vocal- 
form zu erfordern. 

I. Die schwache Vocalform, idg. a t , unterscheidet sich 
nur bei folgendem Nasal und Zitterlaut von der starken Form 
a x . Ist der auf a t folgende Consonant ein Verschlusslaut, so 
fallt a t mit a t lautlich zusammen, und es ist demnach europ. 
e in diesem Falle der Keflex des idg. a t ; im ar. entspricht 
demselben ein Palatalisirung eines ^-Gutturals bewirkendes a. 

sk. sattds = lat. sessus = germ. setands gesessen sind 
die Reflexe eines idg. Sa i d-td 2 s ; -nds. Lat. vectus — germ. 
vegands = idg. va t gh-td 2 s, -hds. Die Participia haben, wie 
wir oben sahen, weil auf dem Suffix betont, schwache Form 
des Wurzelvocals. 

Wer die strenge Sonderung von starker und schwacher 
Vocalform bei der i- und w-Reihe nicht als Grund zur Son- 
derung von a, und a i gelten lassen will, wird letztere zu 
identificircn geneigt sein. Das aber verbieten die- von Ame- 
lung und Verner und bes. von Brugman erkannten Vocal- 
erscheinungen vor Nasalen und Liquiden. Dass es um Brug- 
mans Annahme sonantischer Nasale und Liquiden als Product 
der Vocalschwächung in unbetonten Silben schlecht bestellt 
ist, wird durch das oben bemerkte klar sein. Da die 
Schwächung selbst feststeht, kann es sich nur um den Grad 
derselben handeln. An Stelle der Brugman'schen muri 
werde ich im folgenden stets a^m a t n a t r a t l schreiben. Das 
«! dieser Formen ist principiell identisch mit dem a { von idg. 
Sa { d-td 2 s (Particip zu y° sa t d); die ihm folgenden Nasale 
und Liquiden sind klein geschrieben, zunächst um dem Leser 
den Grad der Schwächung und die sich daran knüpfenden 
Erscheinungen im Bereich der Einzelsprachen anzudeuten. 
Dazu kommt folgende Erwägung: nimmt man an, dass der 
Nasal nach a A ebenso deutlich und klar ausgesprochen wurde 
wie nach a,, so bleibt die differirende Entwickelung beider 
im gr. und ar. unklar; gr. a = idg. a t n, a t nt f aber gr. tV, 
ip — idg. d x n, d^m; sk. a = idg. a x n, a t m; aber an, dm = idg. 
a^n, aflfi. Es muss demnach der Nasal nach « 4 dem Verklingen 
nahe gewesen sein ; vielleicht wäre an Stelle von idg. a,w a,m 

besser s, (oder ä t ) anzusetzen. Zu berücksichtigen ist auch was 
qf. xxxn. 2 



gr- 


a 


illt. . 


en, em 


germ. 


un, um 



18 DIE a A -REIHE. 

ind. Grammatiker über die Natur des sk. ? lehren: es wird 
durch 4 + ~ö~ 4" 4~ genau bestimmt (Benfey Orient und 

Occid. III, 32). Nicht zum mindesten erfordert aber die 
Notwendigkeit eine möglichst schematische Darstellung des 
idg. Vocalismus zu geben, den Ansatz der a t n a x m u. s. w. 
Ich gebe zunächst eine Tabelle über die regelmässigen Ver- 
treter der als ursprachlich zu erweisenden Laute im sk. gr. 
lat. germ. und zwar ihre Vertreter vor Consonanten und vor 
Vocalen, zum Theil im Anschluss an Brugman. 

Idg. a x n und a t m werden folgendermassen vertreten: 
idg. a x n, a x m vor Consonanten idg. «,», a x m vor Vocalen 

sk. a sk. an, am 

gr. uv, af.i 

lat. en, em 

germ. on, om; 

idg. a t r (aj) vor Consonanten idg. a x r (aj) vor Vocalen 

sk. . r (ur, ür) sk. ur 

gr. Qa (ag) gr. ag 

lat. er lat. er 

germ. or (ro) germ. or. 

Ich belege die aufgestellten Gesetze durch Beispiele. 

a) Participia auf nd- und t&-: 

idg. pa i rnd 2 s = sk. pürnds = germ. follds; 

idg. bhaf-tds, -nds = sk. bhrtds = germ. borands; 

idg. va^rt-tds, -nds = lat. versus, sk. vrttds, germ. 
vordands; 

idg. g^m-tds, -nds = lat. ventus, gr. ßavoc, sk. gatds, 
germ. qomands und komands; 

idg. ta { n-tds = lat. fentus, gr. ravog, sk. to&ds; 

idg. ma { ntds = lat. (com-)mentus, gr. uaroq, ak.matds, 
germ. mundds; 

idg. va x ntds = gr. aaro; (für faros) = germ. vundds; 

idg. da x rRt&& = germ. forfc^s hell = sk. drMds ge- 
sehen. 



DIE a,- REIHE. 19 

b) Verbalnomina mit Suffix ti-: 

idg. ga^m-tis C9<ti™tis?) = ßdoiq, sk. gdtis, got. 
gaqump(i)s (ahd. kurnft, nicht quumfi); 

idg. p^r-tis (v° jpa t r ; P a J füllen) = sk. pürtis; 

(V° i?«i^" ziehen) = germ. furdls; ae.fyrd. 

c) Nomina agent. mit Suffix an: germ. nomän (ahd. 
nomo? Nehmer = idg. n ai män; germ. Joraw (ahd. ftoro^) 
Träger = idg. bhapän. 

d) Adjectiva mit Suffix u: 

idg. ta t rsüs = sk. fräfo, germ. porztis dürr ; 

idg. J^rrfs = sk. gurtis = gr. ßagvg = germ. ionis 
schwer; 

idg. tarnte = sk. fawtis, gr. ravvg (lat. tenu-is) — 
germ. punüs (punntis?) dünn; 

idg. nta^ghüs (y/~* ma x rgh; vgl. got. tnaürgjan ver- 
kürzen, denkbar wäre daneben ein got. maürgus kurz) = gr % 

idg. dajghtis = got. tulgus fest; 

idg. yuva { nkd?s = lat. juvencus = sk. yuvagds, germ. 
jungäs für juvungds jung ; 

idg. yuva^ntä = lat. juventa = germ. jundo Jugend; 

idg. s^m^ 5 = g k' samas = gr. a^oc = germ. somds 
irgend einer. 

idg. la t nghrds = gr. eXaq>Qo<; = germ. lungrds (Zimmer 
ost- und westgerm. p. 67) schnell; sk. raghtis beruht auf 
ra^ngftüs (y/~* ra^ngh = la t ngh) ; 

idg. Va^rnä Wolle = sk. wr«a für tyna = germ. vollo; 

idg. fca i ntd 2 in hundert = sk. catdm, gr. Ixaro^ lat. cew- 
£ww? ; germ. hunddm. 

Wichtig ist, dass sich im sk. die Gutturale der velaren 
Reihe vor r (= idg. a x r) nicht in Palatale wandeln; es hat 
also dunkle Färbung, was die Vertreter von r, nämlich ur 
und ür, bestätigen; sk. Armis Wurm, krhxds schwarz haben 
k, nicht c als Reflexe eines alten k. Aus dieser Beobachtung 
lassen sich vielleicht einige Schlüsse ziehen über Guttural- 
differenzen zwischen dem ind. und iran. Die idg. y/~* Jca^r 
bildet im altpers. den Inf. cartanaiy; der Palatal dieser Form 
ist regelmässig, weil der Inf. starke Vocalform hat. Im ind. 

2* 



20 DIE a t -REIHE. 

finden wir aber keine Spur des Palatals der st. Stammform; 
der Guttural der schw. Stammform hat ihn verdrängt: für 
das zu erwartende cärmi finden wir kdrmi nach Plur. krihä* 
Aehnliche Wirkung der Analogie ist auch für folgendes 
Beispiel anzunehmen. y/~* gp> x m gehen bildet im ar. ihr Präs. 
nach' der 2. sk/Classe; die st. Stammform muss also jam 
(= idg. g^mj und die schw. ga (= idg. g^w)* haben. Wir 
finden aber im sk. als Anlaut nur g, nie j. Dagegen hat 
uns das zd. einige Formen mit berechtigtem Palatal im An- 
laut bewahrt: Imperat. jantü, Conj. jamaiti; doch zeigt sich 
in anderen Formen z. B. Optat. jamyäü (man erwartet gayad) 
IJebertragung des Palatals der st. auf die schw. Form. 

Es ist durch obige Beispiele klar, was schon Verner 
und Brugman wussten, dass die eben behandelten Erschei- 
nungen vor Nasalen und Liquiden auf ursprünglich unbetonte 
Silben beschränkt gewesen sein müssen und dass, wo wir sie 
in accentuirten Silben antreffen, eine Störung der alten Be- 
tonung zu constatiren ist. Es darf nicht unerwähnt bleiben, 
dass Benfey Or. und Occid. III, 1—77, 192—256 den Nach- 
weis geliefert hat, dass sk. r ursprünglich nur in unbetonter 
Silbe auftritt; wer die Beweiskräftigkeit seiner Erörterungen 
zugibt und zugleich der neueren Methode einräumt , die 
Vocalerscheinungen der Einzelsprachen — im allgemeinen — 
als Reflexe grundsprachlicher Erscheinungen aufzufassen, wird 
zugeben müssen, dass wenn idg. a k r (sk. r) ursprünglich in 
unbetonter Silbe stand, ein gleiches auch für idg. a t m ange- 
nommen werden muss. 

Es bleiben noch einige Einzelfälle bes. aus dem germ. 
zu betrachten, in denen ^ in betonter Silbe erscheint. Germ. 
völfaz deutet mit sk. vfkas auf ein idg. vd i r^a 2 s. Verner 
Kz. 23, 136 bemühte sich vergeblich um das germ. Wort; 
die Unregelmässigkeit (vd i rka 2 s für v ai rfcäsj fallt in die idg. 
Grundsprache. 



* Wir dürfen annehmen, dass ar. a = gr. a = idg. « im in der- 
selben "Weise dunkle Färbung hatte, wie sk. r. Dafür sprechen fol- 
gende Abkömmlinge der \^ ga^mi ar. gatds = gr. ßaro? = idg. ga x mtds; 
sk. gdcchdmi = ftaoxto = idg. g^mskd ; sk. gadhi = idg. g a ^M vgl. 
Hübschmann Avestastudien p. 693. 



DIE a t -REIHE. 21 

Germ, götpam Gold, will Verner a. a. 0. p. 137 Anm. 
aus ursprünglichem golipam erklären; das ist unwahrschein- 
lich, weil ein i nicht wohl hätte schwinden können ; die Causa- 
tiva wie sätjo aus satijö hätte Verner nicht zuziehen dürfen, 
da bei ihnen die Sachlage offenbar eine andere ist; götpam 
beruht auf einem vorgerm. ghajtdm, dem ksl. zlato nicht 
genau entspricht, noch weniger aber gr. ygvoog. 

Zu folgenden Fällen des germ. fehlen genaue Ent- 
sprechungen in den verwandten Sprachen: hölpas hold, nör- 
pam Norden, mörpam Mord (vgl. sk. amrtam Unsterblichkeit 
neben mrtdm Tod?): auch sie zeigen die ursprünglich auf 
unbetonte Wurzelsilben beschränkten or und 61 im Hochton ; 
auch für sie wird man eine Störung des Accentes annehmen 
müssen; es fragt sich nur, in welcher Sprachperiode dieselbe 
stattfand. 

II. Nicht so viel Schwierigkeiten wie die schw. Vocal- 
form der a t - Reihe macht die starke Stufe a x ; ihr Reflex ist 
das europ. e\ im ar. entspricht ein hell gefärbtes und pala- 
talisirendes a. Sie steht, wie bereits Verner erkannte, nur im 
Hochton. 

a) Wir finden die st. Vocalform der Wurzelsilbe im 
Präsens der 1. sk. Classe: vgl. idg. vd^rtd = sk. värtdmi, 
lat. verto, germ. verpö; idg. bhd t rd = sk.bhärämi, (pegio, 
germ. berö. Bei Wurzeln, in denen dem Vocal a x ein 
Verschluss- oder Zischlaut folgt, unterscheidet sich a x lautlich 
nicht von a t ; germ. vego, sk. vdhdmi und lat. veho lassen 
nur durch die Betonung schliessen, dass der innere Vocal a x 
und vd A ghd die idg. Grundform war. 

b) Neutrale as-Stämme zeigen gleichfalls starke Form 
der Wurzelsilbe. Gr. fisvog und sk. mdnas = idg. md x na 2 s\ 
gr. yevoq und lat. genus = idg. gd l na 2 s ; germ. remaz (vgl. 
gr. fjQsurjc) Ruhe = idg. rd x ma 2 s ; idg. td { nka 2 s Zeit = lat. 
ternpus, germ. pihaz (got. peihs). Gr. ßskog neben ßdXXw ist 
besonders wichtig ; dieses weist als Präsens der 4. sk. Classe* 
auf idg. ga x lyä, jenes als as-Stamm ächtester Bildung auf idg. 



* Ich komme unten auf das idg. Princip dieser Präsensbildung 
ausführlicher zu sprechen. 



22 DIE a t - REIHE. 

g t ä { la 2 8. Ebenso sk. rdmhas N. = idg. rd^gha^s Schnelle 
neben idg. ra x ng)irdiS, -üs schnell. Auf Grund dieser Beispiele 
ist auch anzusetzen ein idg. sd^gha^s (und nicht sd i gha 2 8) 
für sk. sdhas = germ. sSgaz Sieg, ein idg. rd^g^s für sk. 
rdjas — gr. sgtßog = germ. riqaz Finsterniss. 

c) Ich notire ordnungslos eine Reihe von Einzelfällen, 
welche die Annahme bestätigen, dass die starke Form des 
Wurzelvocals nur in betonter Silbe erscheint: idg. pd x nk ai = 
sk. pdnca, gr. ntvre, germ. fimfe; idg. sd x na 2 8 alt, sd^ista^s 
der älteste = sk. sdnas, gr. %vog; germ. sinistaz; idg. Ud x rus 
Waffe = sk. gdrus, germ. hSruz. Der idg. Stamm für das 
Wort Ferse war ein pd^s^n.., wie gr. nrzQva, germ. fersno* 
sk. parfyis zeigen. Vgl. auch germ. Srpo Erde, filpam Feld, 
verpaz werth. Schon Verner (Kz. 23, 135) benutzte — und wenn 
seine und die hier vorgebrachten Momente Geltung haben, 
sicher mit Recht — die behandelten Vocalerscheinungen zur 
Bestimmung der Accentuation im germ. ; ich trage keine Be- 
denken mit ihm germ. ßllam Fell zu accentuiren, obwohl 
wir durch den Consonantismus nicht dazu berechtigt werden; 
auch follds voll scheint mir zweifellos. 

Fanden wir oben einzelne Fälle, in denen sich die 
schwache Vocalform im Hochton zeigt, so muss hier die 
Frage aufgeworfen werden, ob die starke Stufe ausnahms- 
weise auch in unbetonter Silbe erscheint. Ich kann mich hier 
nur auf einige Beispiele einlassen, die zu gewichtigen Zweifeln 
an Brugmans Thesen berechtigen mussten. Auffällig ist vor 
Allem das Suffix des Part. Präs. Med. gr. o/nsvog = skv 
amänas; gr. dsQxo/uevog = sk. ddrgamänas. Man hätte nach 
den Resultaten der Brugman'schen Untersuchungen vielmehr 
sk. ddrgämanas zu erwarten, und in diesem Zusammenhange 
ist klar, dass gr. -6/nevog nicht ursprünglich sein kann, da 
in unbetonter Silbe nur ein -opavog denkbar wäre. Ich glaube 



* Sobald die Form eines got. Wortes in Bezug auf den Con- 
sonantismus (oder auch Yocalismus) von den Verwandten der übrigen 
Dialecte abweicht, muss man a priori den letzteren immer den Vorzug 
grösserer Alterthümlichkeit geben ; got. fairzna hat z an Stelle von s 
wie saizlep das Öftere saislep vertritt und umgekehrt got. paursus einem 
gemeingerm. porzüs dürr antwortet. 



DIB a, - REIHE. 23 

alle Schwierigkeiten zu lösen, wenn ich ein idg. dä x rUa 1 mmi l s 
ansetze und das d des- sk. und das s des gr. für parasitisch 
halte. Diese Annahme erklärt, warum im sk. nicht därgä- 
mänas gilt, berücksichtigt ferner lat. Participia wie alumnus, 
vertumnus u. s. w. und die Doppelheit von mana- und mna- 
im zd. (Bartholomä Altiran. V. p. 155). Sollte ksl. omu etwa 
für omrnü = omnü stehen? dann umginge man die un- 
bequeme Annahme eines dem ksl. eigenthümlichen Participial- 
suffixes ma, das sonst nicht nachzuweisen ist. 

Man führt heute sk. trtiyas mit Joh. Schmidt Voc. II, 
266 meist auf eine Grundform tartias zurück. Ganz abge- 
sehen davon, dass der Stamm tar- neben tri' im übrigen 
durchaus problematisch ist, weisen germ. gr. lat. zd. mit 
Notwendigkeit auf ein idg trityas hin (vgl. Benfey Or. und 
Occid. III, 34); einem aus idg. ar entstandenen r des sk. 
könnte weder gr. qi in rglrog, noch das ri des germ. pridjäs 
entsprechen; lat. tertius beruht auf tritius wie certus auf 
critus (gr. xqitoc). Dass sk. trtiyas für trityas steht, zeigt 
auch zd. frrityo. Den Accent von trityas setze ich bes. 
auf Grund von gr. öiaaog doppelt, lautlich = sk. dviti'yas, 
idg. dvityds an; gr.Tgirog hat nicht Suffix tya, sondern 
das gewöhnlichere ta nach dem Muster der übrigen Or- 
dinalia; rpinaoc, lautlich = idg. trityäs, bedeutet 'dreifach', 

Verner überging in seiner Untersuchung zur Ablauts- 
frage das germ. filu, felu viel. Eine Grundform pa t rü ist 
der Accentuation wegen unmöglich, und aus idg. pa t rü hätte 
nur ein germ. folü, fulü entstehen können. Nur die An- 
nahme einer Grundform prü kann die Schwierigkeit lösen; 
wenn man dies als Adjectiv zu y° $ ra auffasst, begreift man 
auch den idg. Comparat. prä^ya^s und Superlat. prd 2 istas 
ohne die Annahme einer schon an und für sich unwahrschein- 
lichen grundsprachlichen Metathesis aus* par-yas, -istas, die 
Schmidt Vocal. II, 239 vorschlägt. Ist die Annahme eines 
idg. Stammes pr-u- gerechtfertigt, so werden die Vocale 
von germ. filü, gr. noXv, sk. purü als Lautentfaltung vor 
Liquida angesehen werden müssen. 

In ähnlicher Weise erkläre ich das e von germ. qeno 
Weib; sk. gnä, zd* ynä, gr. ywr) erweisen ein idg. ynä, das 



24 DIE ü { -REIHE. 

mit v° 9 a \ n nichts zu thun hat; wir haben germ. qeno zu 
accentuiren; e in unbetonter Silbe vor n kann nicht ur- 
sprünglich, sondern nur secundär sein. 

e (%) zeigt sich als Hülfsvocal auch in den schw. Cas. 
der a#-Stämme; z. B. idg. uksnd 2 s (Gen. Sg. zürn Stamm 
uksan-) = sk. uksnds = germ. ohsends (got. aühsim); so 
schon Zimmer Anzeiger I, 241. 

Durch die Beseitigung von Fällen, die zu beweisen 
scheinen, dass e (i) vor Nasalen und Liquiden auch in un- 
betonten Silben im germ. vorkommt, gewinnt das Gesetz 
grössere Sicherheit, dass die starke Vocalstufe nur in be- 
tonter Wurzelsilbe erscheinen darf. 

III. Die Steigerung der a x - Reihe, idg. a 2 , wird am 
klarsten durch gr. o reflectirt ; das entsprechende a des germ. 
beweist desshalb nicht ganz so vollgültig, weil derselbe Laut 
auch den Werth des idg. a* und a 1 hat. Der lat. Vocalismus 
hat bei weitem nicht die Ursprünglichkeit und Zuverlässig- 
keit des gr. und germ.: wenn eine europ. Sprache ein idg. 
fca i tva 2 r- mit quattuor statt mit quettuor wiedergibt, sind 
wir keinen Augenblick sicher in einem Vocal derselben Sprache 
ein treues Abbild eines idg. Vocals zu erkennen. Das ar. 
kommt auch nicht sehr in Betracht ; am sichersten entscheiden 
noch die Fälle, in denen das Verner'sche Palatalgesetz in 
Anwendung kommt. Nach Brugman allerdings wäre d in 
offenen und a in geschlossenen Silben als Vertreter von a 2 
anzusetzen; aber unumschränkt gilt dieser Satz meiner An- 
sicht nach nicht.* 

Ich habe oben bereits erwähnt, dass die Steigerung des 
Wurzelvocals von der Betonung völlig unabhängig ist; sie 
kann in betonter wie in unbetonter Silbe auftreten. 

a) In den starken Perfectformen zeigt sich die Steige- 
rung in betonter Silbe: idg. bha i bhd 2 ra i ich trug = germ. 
bdra; idg. da t d4 2 rJcai = sk. daddrga = gr. dedoQxa. 

b) Das Causativum von a t - Würzein hat Steigerung in 
unbetonter Wurzelsilbe; germ. satijo = sk. sdddydmi, idg. 
sa 2 dd { yd = setze. 



* loh treffe in diesem Punkte mit Collita a. a. 0. zusammen. 



s 



DIB fl^-REIHE. 25 

c) Einzelne Beispiele von a 2 : idg. dd 2 ru = sk. däru 
gr. tiogv; idg. gd 2 nu = gr. ybvv, sk. jänu; idg. sd^rva^s 
— sk. sdrvas, gr. 0A0& lat sollus; idg. rf 2 ^ s = g r « ofig, 
lat. om, sk. d#is; idg. dd 2 ma 2 s = gr. S6/no;, sk. ddmas ; 
idg. na 2 kt- = lat. wocf- ; germ. naht-; germ. dmsaz Schulter, 
sk. dmsas, lat. umeruSj gr. w//oc == *idg. d 2 msa 2 s; lat. 
Aosfa's = germ. gastiz; idg. pd 2 tis = gr. ffdmg, sk. ^atf&, 
lat. (potisj* ' Aus dem germ. stelle ich speciell folgende 
Nomina her: parbö Bedarf (\^ perf = zd. £rp nehmen); 
germ. flahtö ^(got. flahtaj zu jÄ^Wd = lat. j?fecto (vgl. gr. 
^Aok/;); germ. hvarbö Drehung zu germ. hvSrfd (ahd. hwer- 
fan) \P ka x rk (= sk. carc = gr. tqsu-? TQoni}?J. 

IV. Es erübrigt die vierte Vocalgestalt der a t -Keihe 
nachzuweisen. Wir finden im germ. als Vocal derselben eig. 
ä = got. Ö; ich setze stets ä als germ. Grundform an, um 
e als Zeichen für jene cruces grammaticorum wie hir, KrSks, 
föra u. s. w. zu behalten. Unser ä nun hat man bisher, 
d. h. vor dem Beginn der vocalischen Untersuchungen, auf 
andere Weise erklärt: man nahm an, ein idg. d wäre im 
germ. zu 6 geworden, ausser wo das i der folgenden Silbe 
diese Umwandlung gehindert hätte. Dass aber eine solche 
Regel nirgends nachzuweisen ist, muss jeder zugeben, der den 
germ. Vocalismus kennt. Germ, ä (got. 6) findet sich in einer 
Anzahl primärer Feminina: germ. spräkd (ahd, sprähha) 
Sprache; germ. bärd (ahd. bära) Bahre; germ. sdtd (ahd. 
sdzza) Hinterhalt (y^ sa x d sitzen); germ. ndmd (ahd. ndma; 
vgl. got. anda-ndm, n. Entgegennahme, Fick VII, 161); germ. 
vägd Wage (ahd. wdga; vgl. auch germ. vägaz Woge, Fick 

* Verner Kz. 23, 119 notirt germ. fadiz als eine Ausnahme von 
seinem Gesetz. Ich glaube, dass der nur im got. erhaltene Stamm 
fadi- eine befriedigende Erklärung find et, ~ wenn man beachtet, dass 
das Wort nur als 2.' Glied von Zusammensetzungen erhalten ist. Im 
altind. gilt (vgl. Rieh. Garbe Kz. 23, 486. 599) das Gesetz, das im Tat- 
puruäa-Compositum mit pdtis als zweitem Gliede stets das Vorderglied 
den Accent erhält, also gaydpatis, grhdpatis, göpatis u. 8. w. Nimmt 
man dies Gesetz als urgerra. an, so erklärt sich die Unregelmässigkeit 
befriedigend; ich sehe nicht, dass dieser Auffassung etwas im Wege 
stände. Einen andern Fall, der beweist, dass im urgerm. Compositum 
andere Accentverhältnisse galten als im nicht zusammengesetzten 
Worte, behandle ich Kap. IV. 



26 DIE a t -REIHE. 

VII, 283). Germ, ätatn Speise (Fick VII, 14) und got. 
uzöta schw. m. Krippe \Z° t d- ahd. rdhha Rache = as. 
wräca (vgl. got. vrekei Verfolgung) y^ vra^g. Zu .keinem 
dieser Nominalbildungen finden wir im germ. ein Nomen mit 
6 in der Wurzelsilbe ; 6 ist wie wir sehen werden nur Vocal 
der a'-Reihe. Wir haben demnach ein germ. ä als Vocal 
der a, -Reihe anzusetzen, und zwar kann es nur jene gesuchte 
vierte Vocalstufe sein. 

Auf ähnlichem Wege gelangen wir zur Feststellung der 
Dehnung unserer Reihe im gr. Wir finden zum Ablaut e — o 
nicht selten ein o>. Man beachte folgende Nom. agent. gr. 
xXuixfj Dieb (y/° kla^p xAt^rw = germ. hUfd); gr. oxioif> Eule 
axinrw ; naQaßhuxp zu ßXsnco ; (pcoQ Dieb zu (ptgco. Wir haben 
also im gr. ein w, das Vocal der a, -Reihe ist. 

Entsprechen sich nun jenes germ. ä und dieses gr. w? 
In folgenden Fällen aufs schönste: gr. yvwoig = germ. knädis 
(Fick VII, 41); gr. (Iqoc (ägaj = germ. järam Jahr (Fick 
VII, 243). Germ, värd = gr. olga Sorge (Fick VII, 292). 
Dem gr. o> entspricht lat. 6 und ind. ä ; vgl. wxvc (lat. ocior) 
= sk. ägüs: idg. äjcüs; gr. (»jnog = sk. ämds: idg. ä x mäs; 
germ. ä und sk. ä finden sich übereinstimmend in qäniz = 
sk.jänis (der Palatal des ind. Wortes muss in der hellen Fär- 
bung des folgenden Vocals begründet sein; sollte das für 
germ. ö sprechen ?), Gdf. gfanis Weib. 

Hieraus ergibt sich, dass gr. w und germ. ä als Vocale 
der a t -Reihe mit einander identisch sind. Es bliebe noch der 
Nachweis zu führen, dass diese beiden Vocale, denen ich den 
Werth der Dehnung beilege, in der Wurzelsilbe in denselben 
Wortbildungen erscheinen, in denen sich auch die Dehnungen 
t und ü zeigen. Ein solcher Nachweis lässt sich aber bei 
der Seltenheit der Dehnung nicht strikte führen.* 



* Ich muss hier ein- für allemal bemerken, dass die ganze Unter- 
suchung, die ich biete, nur die Vocalerscheinungen der Wurzelsilbe 
berücksichtigt. Wenn ich z. B. ein u in betonter Wurzelsilbe nicht 
gelten lasse, aber ein betontes Suffix u annehme, so übersehe ich diese 
Contradictio nicht, aber ich glaube sie vorläufig unberücksichtigt lassen 



DIE a 1 - REIHE. 27 

§5. 

DIE a 1 - REIHE. 

Die Vocale der reinen a-Reihe bezeichne ich mit «i a l 
a 2 ä 1 . Auch hier hat die Fixirung der einzelnen Stufen 

zu dürfen. In den Suffixsilben ist manches nachweisbar, was für Wurzel- 
silben undenkbar ist Ich behandle einen Fall der Art. Dass Scherers 
Unterscheidung (vgl. bes. Anzeiger III, 69) von mi- und d- Verben nicht 
als Hypothese anzusehen, sondern als unumgängliche Notwendigkeit 
einzuführen sei, sollte sich nachgerade von selbst verstehen. Die Er- 
klärung des idg. d kann nicht schwer sein : es enthält den Themavooal 
und zwar wie in der 1. Dual, und Plur. als a 2 und ein Personalsuffix. 
Da nun a{ (t, e) Suffix der 3. Pers. Perf. in gr. SrtoQxf, altir. condairc 
(= darce), germ. säte sass ist, haben wir im zweiten Element des d 
der 1. Pers. bhd { rd ein anderes Suffix zu suchen. Das Suffix der 1. 
Pers. Sg. Perf., ar. a = gr. a = altir. a (Windisoh PBb 4, 229), also 
idg. o 1 , legt die Annahme nahe, bhd^rd in bhd^r-a 2 -a x zu zerlegen. 
Es fragt sich nun, wie der dem gr. <o — lat. 6 entsprechende Vocal 
im urgerm. gelautet haben kann. Nun glaube ich, dass in "Wurzel- 
silben einem gr. <o nie ein germ. ö entsprechen kann. Für das Suffix 
idg. d der 1. Pers. Sg. Präs. abor ist mir wahrscheinlich, dass ihm germ. 
6 antwortete. Wir haben nämlich die folgenden sicheren Fälle eines 
germ. ö im, Auslaut. 1) Nom. Sg. der Femininen 6 (= a 2 ~) Stämme, 
z. B. gebö die Gabe. 2) Nom. Acc. Plur. Neutr. der a-Stämme: vordö 
Worte wie got. pö Nom. Acc. Plur. Neutr. zum Pronominalstaram fa 
zeigt; in diesem Falle beruht germ. 6 auf einer alten Contraction von 
a 2 und a 1 , wie das d von bhd t rd ich trage. Nun ist'die Entwickelung 
des ä im v ai rdhd' (vordö' J und das a 2 in ghajbha 2 (gebö) gleich der des 
d in bhd v rd (berö) ; vgl. got ' vaurda : giba : baira = ahd. wortu : — 
: biru = as. bacu : — : biru = ae. fatu : gifu : ha/u = an. föt (=■ 
fatu) : giof (= gefu) : — . 

Die fehlenden Glieder der Proportion sind als anerkannter 
masaon unursprUngliohe Formen ausgeschieden. Das Resultat ist: wir 
finden fast durchweg eine Responsion der drei Formen, von denen 
zwei nachweislich auf germ. 6 auslauteten: gebö und vordö'; wir haben 
demnach mit Paul Pßb 4, 354 auch germ. Mrö anzusetzen. Die Ueber- 
einstimmung mit gr. p/gru, lat. fero nöthigt zur Annahme eines europ. 
ö. Wir hätten ein solohes auch im Nom. Acc. Plur. Neutr. der a- 
Stämme bei ungestörter Entwickelung zu erschliessen. Es ist näm- 
lich a 1 als Gasussuffix anzusetzen und als Stammauslaut a 2 . Im gr. 
und lat. nun ist der Stammauslaut überall geschwunden, da die Flexion 
der consonantischen Stämme massgebend für die a-Stämme wurde; gr. 
T«f entspricht also nicht dem germ. pö, es ist nach Analogie von ovopaT-a, 
Ttfyem u. s. w. gebildet ; ebensowenig entspricht gr. fyy« dem germ. v4rkö. 
Doch darüber bei andrer Gelegenheit. 



28 DIK Ö^-REIHE. 

vom europ. auszugehen ; doch finden wir auch im ar. un- 
zweifelhafte Spuren, welche die Annahme einer neuen a-Reihe 
begünstigen. Im germ. ist z. Th. eine Mischung der beiden 
Reihen eingetreten, indem die Reflexe der idg. «* und a 1 mit 
dem des idg. a 2 * n dem Laut a zusammenfielen. Und im 
gr. ist u nicht nur idg. a 1 und a<, sondern auch idg. a t n a x m 
und vor oder nach q idg. a x (in <*&)• Das lat. könnte die 
Vocalreihen am deutlichsten auseinander halten, da es bei 
regelmässiger Vertretung wohl nie einen Vocal der einen mit 
einem Vocal der anderen Reihe zusammenfallen lässt. Wir 
haben jedoch p. 24 gesehen, dass wir in dieser Sprache auf 
eine treue Entwickelung der idg. Vocale nicht rechnen dürfen. 
Das lat. kann daher nie mit der Bestimmtheit des gr. und 
germ. Fragen entscheiden, die eine höchste Stufe gesetzmässiger 
Lautvertretung voraussetzen. Und ich glaube, dass in den 
meisten Fällen das gr. und das germ. zur Entscheidung in 
vocalischen Fragen genügen. » 

Ueber a> und a 1 , die schw. und die st. Vocalstufe der 
a 1 - Reihe, ist zunächst zu bemerken, dass sie in den europ. 
Sprachen stets durch denselben Laut reflectirt werden. Eine 
Sonderung derselben ist nur principiell möglich, indem man 
von dem Satze ausgeht, den die Betrachtung der i- und w- 
sowie der a t - Reihe ergibt, dass die starke Vocalstufe ur- 
sprachlich nur in betonten und nicht auch in unbetonten 
Silben erscheinen kann und der Vocal der unbetonten Silbe, 
vorausgesetzt, dass er weder Steigerung noch Dehnung ist, 
nicht identisch sein kann mit dem einer betonten Silbe. 
Wenn einem betonten d x i ein unbetontes i, einem betonten d { u 
ein unbetontes u, einem betonten d t ein unbetontes a x gegen- 
übersteht, so müssen wir auch einem betonten d 1 ein unbe- 
tontes a x zur Seite stellen; lautste im idg. zur V° aA 9 das 
Praes. d ] gä (gr. ayw, lat. ago, germ. dkö, sk. dj&mi), so 
konnte das Part, nur a>gtdl, a^gnds (lat. actus, gr. axioc, 
germ. akands) lauten. Der Umstand also, dass im germ. gr. 
und lat. in beiden Fällen a steht, hält uns nicht ab, für das 
idg. eine Sonderung von a x und a 1 vorzunehmen. 

I. idg. a l , die schwache Vocalstufe der a 1 - Reihe, 



DIE a 1 -REIHE. 29 

wird in den europ. Sprachen durch reines a reflectirt. Im 
germ. fällt es daher mit dem aus idg. a 2 enstandenen a zu- 
sammen. Im sk. finden wir vielfach i, vor Doppelconsonanz 
auch i, aber nicht mit Regelmässigkeit. Folgende Beispiele 
bestätigen idg. a' : 

Gr. ataxog, lat. Status , sk. sthitds = idg. sta*-td 2 s; 
germ. stards (an. starr) = sk. sthirds = idg. sta^-rd 2 s; 
gr. navrjg, germ. fadär = sk. pitä = idg. pa*-tär\ gr. 
dg fiog, lat. armus, germ. armds, sk. irmds — idg. a>rmd 2 s. 
Das wi der schw. Formen der 9. Classe im ind. beruht wie 
gr. va zeigt, auf idg. w«i (für die st. Formen, wo das sk. 
na hat, ist nach gr. vr\ ein idg. nd 2 anzusetzen). In ein- 
zelnen Fällen lässt sich auslautendes i im sk. als idg. <** auf- 
fassen. So identificire ich das i des Nom. Acc. Plur. Neutr. 
mit dem a des lat. und gr. nach Bopp vgl. Gr. 8 § 234; ich 
erinnere ferner an die auffallige Uebereinstimmung, die wir 
vielleicht für sk. mdhi = gr. jtiiya zugeben müssen, und an 
gr. (ptQolfie&a = sk. bhdremahi und gr. tcptQOfxe&a = sk. 
dbhardmahi. 

II. Die starke Vocalstufe a l wird in den europ. Sprachen 
regelmässig durch a vertreten. Es zeigt sich zunächst im 
Präs. der 1. sk. Classe von a 1 - Wurzeln; idg. d A gä = sk. 
djämi, gr. ayw, lat. ago, germ. dkö; auf Yerba dieser Art 
komme ich in einem späteren Theile ausführlicher zurück. 
Einzelne Fälle sind: 

lat. aqua, = germ. dhvö, Gdf. d } kva 2 ; 

lat. alius, gr. äXXog, germ. dljaz, Gdf. dHya % s\ 

lat. antioe, germ. dripiam Stirn (Fick VII, 17), Gdf. 
d A ntia; sk. djras, gr. dygog, germ. ahraz, Gdf. a^grds (oder 
a*grds ?) ; 

lat. acus = germ. dhaz Aehre, Gdf. d i fca 2 s. 

sk. dpa, gr. ano = idg. d ] pa 2 (germ. abd wie gr. äno); 

lat. at?ws = germ. avän Grossvater (an. di); 

gr. ödxQv, lat. dacruma , germ. tähra-s,-m und to- 
grd~s 7 -m; Gdf. da ] kra-; 

ksl. q/e Ei = germ. a//am Ei (darüber weiter unten), 
Gdf. cf j/am. 



30 DIE a 1 - REIHE. 

gr. xangog, lat. caper = germ. hdfra-8, Gdf. kä 1 pra 2 s; 

gr. ayxoc n. Thal (vgl. germ. vangd-s m. Aue). 

Ilt. Die Steigerung a 2 wird am deutlichsten durch germ. 
6 reflectirt; ihm entspricht im gr. a, ^ im lat. d, ö, welche 
aber auch die Function des idg. d x (germ. d, fr) haben. Im 
sk. finden wir d (und i?). In folgenden Fällen steht germ. 
6 einem gr. und lat. d und t gegenüber: idg. bhrdHdr = 
germ. bröpdr, äk.bhrätd, gr. tporjTrjQ, lat. y rater; idg. md 2 tär 
= sk. mdtä, germ. modär, gr. ^ttjq; idg. bha 2 ghüs = sk. 
bdhtis, gr. nrjyv^ germ fatyw^ Bug ; idg. sva 2 düs = sk. svddtis, 
gr. ^&!$, lat. sudvis, germ. svotüs. 

Dass germ. d aber Steigerung der aVReihe ist, beweist 
der Umstand, dass es die starken Perfectformen von a 1 - 
Wurzeln aufweisen: germ. d&d, Prät. Sg. oka; jenes idg. 
cityrä, dieses idg. a x d 2 gaK Im gr. haben die Präsentia mit 
a (= idg. a 1 ) Perfecta mit ^ zur Seite, vgl. XikrjO-a yf 
Xad- ; yiyy&a y/^ ya$", rtdijka y/^ &a\; XeXrj^a \0 kau ent- 
spricht dem westgerm. 16ha ich tadelte zu UM tadle. Ich 
komme weiter unten auf die Präteritalbildung der a^Wurzeln 
ausführlicher zu reden und beschränke mich hier auf diese 
Andeutungen. Das Resultat derselben ist : germ. 6 ist Steige- 
rung der fl^-Reihe, gr. tj (a) ebenfalls; wir haben beide da- 
her zu idendificiren und dem Urvocal derselben die Gestalt 
a 2 zu geben. 

IV. Ich komme zu idg. ö 1 , der Dehnung der a 1 -Reihe. 
Im germ. wird sie durch d ($) reflectirt, fällt daher mit der 
Dehnung der a { -Reihe, idg. <J n zusammen. Im gr. und lat. 
ist dagegen die durch d 7 £ reflectirte Dehnung mit der Steige- 
rung a 2 (gr. lat. d ö) lautlich identisch geworden. Folgende 
Fälle zeigen, wie ich zu diesen Schlüssen gekommen bin. 

Zu \^ sa 1 säen, die besonders durch lat. satus gesät 
erwiesen wird, gehört ahd. sdmo = lat. s&men; ahd. d und 
lat. t sind also Vocale der a 1 - Reihe und zwar beweist das 
germ., dass lat. # nicht Steigerung, sondern Dehnung ist; vgl. 
auch germ. sddis Saat mit Dehnung anstatt mit schw. Stufe. 
Aus der Gleichung gr. vijaig = germ. nddis die Nath folgt 
dasselbe, yf dha 1 thun bildet im germ. ein Part, ddnds mit 
Dehnung anstatt mit schw. Vocalstufe; Fick setzt VII, 151 



DIE a 1 -REIHE. 31 

fälschlich ein germ. ddna- an; ae. dön beruht trotz as. dort 
neben ursprünglicherem dän auf germ. ddnds, vgl. Holtzmann 
ad. Gr. p. 199 ; im zd. entspricht data; sie beruhen gegenüber sk. 
hitds = idg. dh a ^td 2 s auf idg. dhd ] 4d 2 s ; -ndtf; dass dha 1 als 
Wurzel anzusetzen ist, beweist germ. domi ich thue. Gr. vfjvgov 
und germ. näpld Nadel zu y/^wa 1 . Gr. ijTyov und germ d/>rd 
Ader. Zu \/^# stehen (gr. otu -xo<; = sk. sthitds) gehört 
germ. st&mi ich stehe ; lat. vSrus = germ. t><ära# wahr ; gr. 7]/ui- 
= lat. setni- = germ. sdww- = ind. sämi, idg. sä 1 *»» 
halb. Es folgt hieraus, dass wir im germ. ein d als Yocal 
der a^Reihe haben und dass derselbe vielfach übereinstimmt 
mit lat. und gr. t (ä), die wir auch als Vocale der a'-Reihe 
erkennen. 

Zum Schluss mache ich auf einen wesentlichen Unter- 
schied der beiden a-Reihen aufmerksam, weil er für die Prä- 
teritalbildung im germ. von grosser Bedeutung ist : ein germ. 
a (= idg. a 1 ) kann nur vor einfacher Consonanz, nicht vor 
Doppelconsonanz im Wurzelauslaut zu 6 (= idg. a 2 ) gesteigert 
werden. Es gilt im germ. und auch sonst das Gesetz, dass 
die schweren Vocale (d. h. idg. a 2 , d x und d l ) nur bei offenen 
Wurzeln und solchen mit einfacher Consonanz im Auslaut 
möglich sind. So zeigt sich germ. d und 6 nie bei einer 
Wurzel, die auf Doppelconsonanz endet. Wohl zu sondern 
sind dagegen die Fälle, wo 6 oder d vor Doppelconsonanz 
steht, von der mindestens ein Element zum Suffix gehört. 
Der germ. Stamm bröpr- ist ebensowenig auffallig als der 
idg. bhrd 2 -tr-; und germ. ro-pram Ruder, fo~drdrn Scheide, 
Futteral bestätigen die Regel. 



§6. 

SYSTEM DES VOCALISMUS. 
sohw. Stufe st. Stufe Steigerung Dehnung 



i-Reihe 


• 

% 


a x i 


a.J 


i 


w-Reihe 


u 


a { u 


a 2 u 


ü 


a, -Reihe 


«i 


a t 


a 2 


*i 


a 1 -Reihe 


ai 


a 1 


a* 


d* 



Dieses provisorische Schema des idg. Yocalismus ist 



32 SYSTEM DBS VOCALISMÜS. 

das Resultat der vorigen Untersuchungen. Durch eine Prü- 
fung der i- und w-Reihe hatte ich die verschiedenen Vocal- 
stufen gewonnen, die zu jeder Reihe gehören müssen, und 
in den beiden letzten §§ wurden die a -Vocale in zwei Reihen 
gesondert, von denen jede nachweisbar alle vier Vocalstufen 
unterschied. 

Ueberblickt man das Vocalschema, so fällt die nahe Be- 
ziehung der 3 ersten Reihen, besonders der a x i : a 2 i = a x u : 
a 2 u = a x : a f frappirend in die Augen. Ich habe bei den 
a -Wurzeln bisher stets die st. Vocalstufe als eigentlichen 
Wurzelvocal angesetzt. Um dies zu begründen muss ich einiges 
nachholen, was vielleicht im § 4 besser eingefügt wäre. Es 
handelt sich um den Schwund des idg. a„ den ich oben un- 
erwähnt Hess: das Gesetz für denselben lautet: a t schwindet 
in unbetonter Wurzelsilbe immer, wenn das Wort eine sprechbare 
Gestalt behält, anderenfalls bleibt a v Das klarste Beispiel 
für dies Gesetz ist die Flexion des Präs. Indic. der y/^ as : 
Sg. ä\8mi, aber Plur. smds, sd^nti für aßmäs, aßäntL Nehmen 
wir eine beliebig angesetzte Wurzel ka x p } so kann die l.Plur. 
Präs. Ind. nach der 2. sk. Classe nur ka^pmds (nicht kpmdsj 
sein. Ich werde weiter unten jenes Gesetz durch andre 
Beispiele belegen. 

Setzt man nun die schwache Stammform als Wurzelform 
an, so kommt man vielfach in die Verlegenheit, Wurzeln an- 
nehmen zu müssen, die bloss aus consonantischen Elementen 
bestehen; so y° s (für as). Wenn wir nun mit den ind. 
Grammatikern für die i- und w-Reihe die schw. Vocalstufe als 
Grundstufe ansehen, so werden wir mit Notwendigkeit jene 
Consequenz ziehen müssen : darin hatte Begemann Schw. Prät. 
I, X ganz Recht. Und ich glaube, dass man sich heute eher 
dazu versteht, mit demselben die st. Vocalstufe für den Ausgangs- 
punkt aller Wurzelbildungen zu halten um jener Consequenz 
zu entgehen. Man hätte demnach für ind. Wurzeln bhr vft 
ric jus idg. Wurzeln bha^r va x rt ra^ilf ga k us anzusetzen. 
Und das käme im Princip darauf hinaus, dass man der idg. 
Grundsprache nur a -Wurzeln zuschreiben darf. Dieser nicht 
mehr neuen Theorie hat Humperdinck die lautphysiologischen 
Grundlagen gegeben in seiner, wie aus Scherers Mittheilungen 



SYSTEM DES V0CAL1SMÜS. 83 

daraus im Anzeiger III, 78 erhellt, für die Untersuchung über 
den Vocalismus überaus werthvollen Programmaufsatz 'die 
Vocale und die phonetischen Erscheinungen ihres Wandels* 
u. s. w., der 1874 erschienen, bereits einzelne Andeutungen 
der Brugman'schen und der hier vorgetragenen Grundsätze 
enthält. Humperdinck will an Stelle der landläufigen Be- 
zeichnung Halbvocale die Bezeichnung Halbconsonanten für 
v y r n einführen und die Diphthonge ai und au, sowie ar, an 
sind ihm Combinationen des Vocals a mit den Halbconso- 
nanten. Stimmt man dieser Theorie bei und acceptirt die 
Annahme von gunirten Wurzeln, so erhalten wir ein schönes 
und regelmässiges Vocalschema. 

Somit hat Begemanns Gleichung idg. dsmi : smds = 
dimi : imds für uns neuen Werth und man muss an Stelle des 
bisherigen i ein a x i resp. a A y als idg. Wurzelgestalt ansetzen. 
Daraus aber ergeben sich neue Consequenzen : zunächst wenn 
nicht i, sondern a t i, nicht w, sondern a x u Wurzelvocal ist, kön- 
nen die Dehnungen i und ü keine ursprünglichen Vocalstufen 
sein ; sie können erst entstanden sein, als der Ablaut i, a x i, a 2 i 
und u, a x u, a 2 u geschaffen war ; dazu stimmt, dass die Dehnung 
die seltenste Vocalstufe ist und meist die schw. Vocalstufe 
zu a x i und a t u, also i jumd u vertritt. Zweitens : letztere ent- 
stehen durch Schwund des Vocales (wie in smds für a t smdsj 
und Vocalisirung des halbconsonantischen Elements aus a t i, 
a t u. Man wird jetzt geneigt sein, Brugmans Sonantentheorie 
mit den Grundsätzen Humperdincks zu verbinden; das ist 
sicherlich sehr verlockend. Dann erhielte man folgende 
Proportionen, in denen das 1. Glied die st. Vocalstufe, das 
2. die schw. Vocalstufe vor Vocalen, das 3. die schw. Vocal- 
stufe vor Consonanten gibt. 

a \V ( a O : V •' * — a i v (<*w) : v : u = a t r : r : r = 
»jtt : n : p (nasalis sonans). 

Diese Consequenz weise ich vorläufig ab, weil sich die 

Behandlung der a,£- und a x u -Wurzeln in einem wesentlichen 

Punkte von derjenigen der a,r- und a { n -Wurzeln unterscheidet: 

in der Behandlung der Reduplication in den schw. Perfect- 

formen ; ihr Vocal war bei den a t i- und a 4 w-Wurzeln i und 

«, bei den a { r~ und a t n -Wurzeln aber nicht f und w, wie 
qp. xxxn. 3 



34 SYSTEM DES VOCALISMÜS. 

man bei strenger Gleichheit beider erwarten sollte, sondern 
wie bei den a t -Wurzeln mit Explosiv im Auslaut a*. Man 
könnte diese Differenz für unursprünglich erklären; aber sie 
war ohne Zweifel bereits in der idg. Grundsprache vorhanden, 
und das Ziel der hier durchgeführten Methode ist den idg. 
Sprachzustand, welcher der Völkertrennung unmittelbar vor- 
herging, zu erschliessen und nicht irgend einen älteren. 

Was mir Begemanns und Humperdincks Theorien so 
nahe gebracht, ist folgendes. Wie es neben a, -Wurzeln a x i- 
und a t u -Wurzeln gibt, haben wir neben den a 1 -Wurzeln 
auch aH- und a A u -Wurzeln und zwar gilt das Gesetz, das 
oben in Betreff der Steigerung und Dehnung für die a 1 - 
Wurzelri aufgestellt wurde, auch für die aH- und o^w-Wurzeln: 
ihr a x kann nicht zu a 2 gesteigert und zu d 1 gedehnt' wer- 
den, wenn dem halbconsonantischen Element ein Consonant 
folgt; Wurzeln also auf a^xz (wo x jeden Halbconsonanten, 
r und n wie v und y } bezeichnet) können nie die Stufen 
a 2 xz und ä x xz erreichen. Ich mache dies an einem Bei- 
spiele klar. \P rfugr (lat. augeoj: das Präs. hat starke 
Vocalform, also d ] ugd (germ. äukö) ; das Perf. hat der Regel 
nach Steigerung; diese aber kann bei der Basis auk ebenso 
wenig als bei der Basis fanh (fangen) zum Vorschein kommen; 
das Prät. lautet germ. Sauka wie föfanga. Man -könnte die 
Verwandten des gr. aXfrto vielleicht dazu gebrauchen, um die 
Haltlosigkeit der Annahme darzuthun, dass Wurzeln der 
Formel aHz, a l uz nur in dieser und in keiner anderen Vocal- 
stufe erscheinen können. Die fraglichen Derivata der idg. 
\/° aHdh = brennen sind gr. l&agog hell und sk. idhmds 
Brennholz. Aber wir haben einige sichere Beispiele, in denen 
«i in derselben Weise im Wortanlaut geschwunden ist, wie 
a t in smds wir sind*; idg. när Mann gehört nach Brug- 
man zu y° a ] n athmen, steht also für a A när. Aehnlich er- 
klärt derselbe Gelehrte idg. stär Stern aus a*stär (vgl. gr. 



* Es ist besonders zu beachten, das a 1 (a 1 ) nie im Inlaut schwin- 
det, sondern nur vereinzelt im Anlaut. Auch hebe ich bes. heryor, 
dass idg. a 1 vor Nasalen und Liquiden durchaus nicht anders behandelt 
wird als vor echter Consonanz; hierin zeigt sich ein wesentlicher 
Unterschied der e^-Reihe gegen die 04-Reihe. 



SYSTEM DES VOCALISMUS. 35 

darrjoj. Dieselbe Erklärung nehme ich für sk. idhmds zu 
y/^ aHdh in Anspruch und erinnere dabei an sk. usäs gegen- 
über der europ. Grundform a^usäs. Wäre eine idg y° idh 
anzusetzen, so wäre gr. aidio u. s. w. mit a unbegreiflich; 
ifruyog ist daher wie sk. idhmds aufzufassen. 

Was die Entsprechungen der idg. aH und aHi resp. 
an, und atu in den Einzelsprachen anbetrifft, so sind gr. at 
und av und lat. ae und au (6) die deutlichsten Reflexe der- 
selben. Im germ. sind die aus aH und a A u entstandenen ai 
und au mit den Reflexen der idg. a 2 i und a 2 u zusammen- 
gefallen. Im sk. finden wir für idg. aH sehr oft i, indem a l 
wie in pitä für patfär in i überging. Ich gebe nun einige 
proethnische Wortstämme, welche die Ursprünglichkeit der 
Diphtonge aH und a A u resp. aH und a*u bestätigen. 

Gr. axaiog, lat. scaevus = idg. shanvd^s; 

gr. Xatog = lat. laevus links = germ. slaivas kraftlos 
Fick 7, 308, Gdf. sl a nvd 2 s. 

gr. jiaißdc, got. vraiqs = idg. vrang f d 2 s krumm. 

gr. aidga, sk. vidhrd- (BR 6, 1296) = idg. VaHdhrd- Helle. 

gr. dttr t Q ; lat. l&vir, sk. devä, idg. da*ivar- und danvara-; 

sk. eflas ; lat. cevum, aloiv = idg. dHva-; 

lat. cms (gr. cäwvoc), sk. flfe = idg. äffe; 

lat. ces, sk. rfyas, idg. ^yc^s. 
Ich zweifle also nicht daran, dass wir neben den a x , 
a A i und a x u -Wurzeln a 1 , aH und a% -Wurzeln ansetzen 
müssen. Es bleibt jetzt noch zu überlegen, ob aH und a*u 
gesteigert werden können, falls dem diphthongischen Wurzel- 
vocal nicht efn Consonant im Wurzelauslaut folgt. Wir sahen, 
dass die Formel a x z im germ. zu öz gesteigert werden kann, 
und dürfen dasselbe von au und ai erwarten. Zu germ. 
ddujö sterbe lautet das Prät. döva = an. dö; zu got. tauja 
thue (y/^ da^u?) gehört got. taui, genet. tojis; der germ. 
Nominalstamm ist tövia-, dessen 6v im got. vor Vocalen zu 
au, vor Consonanten zu 6 werden musste. Germ, sovila- = 
Sonne (got. sauil) stimmt gut zu gr. rjekiog ; der gemeinsame 
Stamm ist saHaJ,-. Auch sonst lassen sich aus dem germ. 
einige Worte mit innerem öv = a 9 u anführen. Für eine 
Steigerung von aH zu aH weiss ich aus dem germ. nichts bei- 

3* 



36 SYSTEM DES VOCALISMUS. 

zubringen. Wie sich die übrigen europ. Sprachen zu dri und 
a 2 u verhalten, habe ich nicht ermittelt. 

Die Haupteonsequenz, die sich aus diesen Untersuchungen 
über den Vocalismus ergiebt, ist folgende. 

Der germ. Ablaut ist durchaus der Reflex eines idg. 
Ablautes, den noch alle Dialecte mehr oder minder deutlich 
erkennen lassen. Und zwar bewegte sich der Ablaut ur- 
sprünglich nur in drei Vocalstufen, der schwachen und der 
starken Vocalstufe und der Steigerung. Die 4. Vocalstufe, 
die Dehnung, ist erst spät in den Bereich des Ablauts hinein- 
gezogen. Der biegsame Ablaut aber muss von einer be- 
stimmten Form ausgegangen sein, es ist undenkbar, dass eine 
Wurzel gleich bei ihrer Entstehung sich in der ganzen Stufen- 
leiter der Vocale bewegte. Jene feste Grösse, die dem Ab- 
laut zu Grunde liegt, ist die st. Vocalstufe. Es gab also im 
idg-. nur zwei Vocale, die als Wurzelvocale fungirten, nur a x 
und a 1 . Die Wurzelgestalt selbst war mannigfaltig; dem 
Wurzelvocal konnten consonantische und halbconsonantische 
Elemente voraufgehen und folgen und bei Lautcombinationen 
gilt das Gesetz, dass sich im Wurzelanlaut Consonant und 
Halbconsonant, im Auslaut aber Halbconsonant und Consonant 
folgen; das umgekehrte ist nicht denkbar. 

Aber der Ablaut war nicht bei allen Wurzeln möglich^; 
die Beschränkungen, die wir im germ. und sonst durchweg 
finden, bestehen darin, dass 1) die Formel a x xz nie die Deh- 
nung ä } xz erhalten kann, 2) dass im Ablaut von a A xz so- 
wohl a 2 xz als auch ä l xz unmöglich sind. 



§ 7. 

DER GERMANISCHE VOCALISMUS. 

Die in den vorigen §§ geführten Untersuchungen drehten 
sich um die vocalischen Erscheinungen in der Wurzelsilbe. 
Was die Unterscheidung der a -Vocale in den Suffixsilben 
anbetrifft, so habe ich bereits angedeutet, dass sie nicht ohne 
Schwierigkeiten ist. Für das germ. aber kommen die Vocale 
der alten Endsilben nur sehr wenig in Betracht. Der Schwer- 



DER GERM. VOCALISMUS. 37 

punkt des germ. Wortes ist die Wurzelsilbe, und der Mittel- 
punkt des germ. Vocalismus ist der Vocal der Wurzelsilbe. 
Für den Zweck der weiteren Untersuchungen ist eine 
zusammenfassende Darstellung des germ. Vocalismus, wie er 
sich nach den vorigen §§ gestaltet, unumgänglich nothwendig. 
Darum gebe ich hier eine kurze Besprechung der einzelnen 
germ. Vocale und bestimme deren Lautwerth nach dem idg. 
Vocalismus. 

1) germ. e (i) kann einem idg. a t und a x entsprechen 
und deckt sich am genausten mit gr. s. a) germ. e •= gr. 
€ kann nur dann idg. a, reflectiren, wenn der folgende Con- 
sonant ein Verschluss- oder Zischlaut ist; als idg. a x ist es 
nur am Wortaccent zu erkennen. Germ, qedanäs (qSpd) 
hat e — a t wegen der Betonung; ebenso vegands (vigd). 
Vor wurzelhaften Nasalen und Liquiden ist e = idg. a t un- 
denkbar, da a t in diesem Falle im germ. durch o (u) reflec- 
tirt wird; dasselbe gilt, wie wir gleich sehen werden, auch 
nach gedeckten Liquiden im germ. b) germ. e (ij ent- 
spricht idg. a, ; es ist am Wortaccent zu erkennen : qipö, 
vigd. e (i) vor Nasalen und Liquiden und nach ge- 
deckten Nasalen und Liquiden ist stets a x \ vSrpd (Part. 
vordarids); brikö (Part, brokanäs). c) Wir haben im germ. 
einige e CO getroffen, die wir als epenthetische Vocale er- 
klären mussten, obwohl sie Wurzelvocale zu sein scheinen; 
germ. qeno Weib ist idg. gnd 2 ; es gibt im germ. kein mit 
qn anlautendes Wort. ,filü viel kann nicht auf einer Basis 
felr beruhen, weil daraus nur ein Adjectiv fulü hätte gebildet 
werden können; vielmehr liegt die idg. v^ pto~ z ^ Grunde. 
ßlü ist der Reflex eines idg. plü; das germ. hat an und für 
sich keine Abneigung gegen ein anlautendes fl (resp. pl); 
aber es muss der abstufende Suffixvocal dem Sprachgefühl 
für das Wort nicht genügt haben; das germ. verlangt ausser 
dem flectirenden Suffixvocal eine constante Wortsilbe. Jetzt 
begreift man, wie das got. die alte schw. Wurzelform zu as, 
nämlich s (in s-indj zu si- und weiterhin zu siu- erweiterte, 
d) Einige wenige e sind a -Umlaut aus altem i (= idg. %) : 
verds = idg. virds Mann; germ. nestdm Nest = idg. nizddm. 

2) germ. o (u) kann als a -Vocal nur vor Nasalen und 



38 DER GERM. VOCALISMUS. 

Liquiden und nach denselben, wenn sie gedeckt sind, stehen ; 
es entspricht als a-Vocal immer idg. « r In allen übrigen 
Fällen ist germ. o der a-Umlaut eines idg. u. Hieraus er- 
geben sich wesentliche Kriterien für die etymologische 
Forschung. Germ. 6hnaz 7 öfnaz Ofen beruht auf einer Gdf. 
üjcnas, hat also mit gr. invoc nichts zu thun. Bezzenberger 
stellt in seinen Beitr. I, 338 got. aühjön zu gr. oyxdo/nou und 
identificirt das jenem schw. V. zu Grunde liegende Nomen 
aühja mit gr. oooa; das ist unmöglich, .weil einem gr. o nie 
ein germ. o entsprechen kann; dem got. Verb wird eine 
Wurzel uk zu Grunde liegen. — Fick VII, 343 stellt ein 
falsch angesetztes germ. stofca- Stock zu germ. stSkd stechen ; 
es ist, wie besonders hd. Stock zeigt, germ. stokka-s anzu- 
setzen und dies wird auf vorgerm. stugna-s beruhen, wie 
germ. lokka-s Locke nach Bezzenberger Gott. gel. Anz. 1876, 
p. 1374 auf lug-na-s. Natürlich darf man hd. gastohhan mit 
seinem o nicht für Ficks Etymologie geltend machen; es ist 
eine speciell hd. Analogiebildung nach gabrohhan, garohhan, 
gasprohhan. 

Es steht mir fest, dass die Stellung des germ. o (u) die 
unbetonte Silbe ist; vgl. den Ablaut virpd : vordands, brikö 
: brokands; Musö : kozands, tiuhd : togands. Nur in einer 
Formenreihe zeigt sich (o) u in betonter Silbe: im Präs. 
nach der 4. sk. Classe, worüber unten zu handeln sein wird. 
Daneben gibt es im germ. eine Reihe von Einzelfällen, in 
denen die schw. Vocalstufe im Hochton erscheint ; p. 21 habe 
ich einige Beispiele zusammengestellt. Dass in Fällen wie 
mörpam Mord eine Accentstörung vorliegt, ist sicher ; aber es 
lässt sich nicht feststellen, in welcher Sprachperiode sie ein- 
getreten ist. Der Accent von völfaz Wolf reicht bekanntlich 
in die idg. Grundsprache. In andern Fällen mag die Al- 
teration des Accentes erst in einer germ. Sprachperiode statt- 
gefunden haben. Dagegen braucht man sich nicht zu sträuben ; 
man darf ja die grosse Accentverschiebung des germ. nicht 
als ein plötzlich einbrechendes Unwetter auffassen, das alles 
zerstört, was sein Toben einschränken könnte; sie ist viel- 
mehr einem Sturme zu vergleichen, dessen Nahen deutliche 
Vorzeichen ankünden und der von verschiedenen Seiten aus 



DER GERM. VOCALISMUS. 39 

und langsam zerstört. Ist es daher zu verwundern, wenn 
einige Fälle von Accentverschiebung älter als die Lautver- 
schiebung sind? 

Zuletzt bedarf das Erscheinen von (o u) nach Nasalen 
und Liquiden noch einiger Worte. Die Beispiele sind be- 
kannt, doch hat man sich bisher vergeblieh um die Erklärung 
derselben bemüht. Germ, brokands zu brikd (= bhrd t gd) 
beruht auf bhra^gnds wie vordands auf va^rtnds. Mit Unrecht 
hielt Joh. Schmidt Vocal. I, 50 brokands für das einzige 
germ. Particip mit o vor einfacher Consonanz ; er hat brostands 
zu brestd übersehen; st hat im urgerm. stets den Laut- 
werth einfacher Consonanz. Selbst wenn st als Doppelcon- 
sonanz zu betrachten wäre, inüsste man zur Erklärung des 
o im Part, das vorhergehende r geltend machen. Ich er- 
innere ferner an germ. proskands gedroschen zu prSskß; an 
ostgerm. (und sicher auch gemeingerm.) vrosqands zu vrfoqd ; 
an westgerm. sprokands zu sprikö (über as. vgl. Sievers 
Heliand p. 538 zu V. 5568; im ae. ist bei Grein nur sprecen 
belegt; Leo im ags. Gl. p. 148 behauptet sprocen sei die 
gewöhnliche Form; ich habe nur sprecen und specen (nie sprocen 
oder spocen) in Prosa gefunden; an an. stroäinn (zu serüa); 
an an. gnostinn zu gnesta; an hd. gatroffan zu treffan == ae. 
dropen (neben drepen) zu germ. drepan; an ahd. garohhan (d. i. 
germ. gavrokands ; got. vrikans und ae. tvrecen sind jüngeren 
Ursprungs) ; an ahd. gaflohtan (zu germ. flehtöj; an gehrospan 
zu hrespan; an germ. brogdands zu brSgdd; hd. gafohtan 
und ae. fohten sind Analogiebildungen nach Participien wie 
flohtands u. s. w. wie umgekehrt got. vrikans und ae. wrecen 
nach Part, wie rikans, sitans u. s. w. So lässt sich aus dem 
Verbalablaut der Nachweis führen, dass altes a t nach ge- 
deckten Nasalen und Liquiden im germ. ebenso wie vor 
Nasalen und Liquiden behandelt wird. Diesen Satz, dessen 
Erkenntnis Amelung Tempusst. p. 56 nahe war, beweisen 
weitere Beispiele. 

Zu germ. brek (brechen) gehören folgende Nominalbil- 
dungen: ahd. brüh (i-St) m. Bruch; an. broc n. Elend; ae. 
bryce und brucol = gebrechlich; ahd. brocco = mhd. brocke 
schw. M.; für got. gabruka sollte man nach dem hd. ein 
gabrukka erwarten. Germ, knodds Knoten wird mit Recht zu 



40 DER GERM. VOCALISMUS. 

gr. äyady gestellt; beiden liegt ein Stamm gn^dhd- zu 
Grunde; germ. snotrds klug = gr. aSgog stark beruhen auf ' 
Sna^d-rä-s. Jetzt sind auch die ostgerm. Präs. got. trudan 
= an. trocta treten und an. knoäa kneten verständlich, denen 
westgerm. tredan und knedan gegenüberstehen. Wenn an. 
knoäa und westgerm. knedan mit ksl. gneta zur gleichen 
V^ 9 na J gehören, so weist der westgerm. Dental auf Suffix- 
betonung; dann ist der ostgerm. Vocal als der ursprüngliche 
zu betrachten, und dem ksl. gnetg, steht germ. knodo gegen- 
über. Der Vocal des ostgerm. trodan deutet gleichfalls auf 
ein Präsens nach der 6. sk. Classe, zweifelsohne ist der west- 
germ. Vocal im Präs. tredan ebensowenig ursprünglich als 
im Part, tredan gegen ostgerm. trodanz. Von einer spontanen 
Trübung von e zu o im ostgerm. kann natürlich nicht die 
Rede sein; erhalten hat sich o in ae. trod n. = Schritt; 
sonst trat e an seine Stelle. 

3) germ. a vertritt idg. a 2 und «i und a\ a) germ. 
a = idg. a 2 (gr. o) steht in betonten wie in unbetonten 
Silben; es erweist sich als Vocal der a, -Reihe nur, wenn zur 
selben Wurzel gehörige Formen mit innerem e oder ö (i, u) 
vorkommen. Germ, parbo Bedarf hat inneres a 2 , weil perf 
= ta x rp die Basis ist. Germ, fdrd fahre hat inneres a ? , weil 
pa { r als Wurzel anzusetzen ist wegen ksl. pera. b) Wann 
germ. a Vocal der a T -Reihe ist, lässt sich aus dem germ. 
selber nie mit Sicherheit bestimmen; wenn Verwandte eines 
Wortes mit innerem a die Steigerung 6 haben, so ist es wahr- 
scheinlich, dass jenes a = «* oder a 1 ist; doch bleibt immer 
zu untersuchen, ob nicht ein Uebertritt aus der a { -Reihe in 
die o^-Reihe vorliegt. Eine Unterscheidung von a l und a l 
hat für das germ. keinen besonderen Werth, da beide Vocale 
zusammengefallen sind und es immer nur aus der Accentuation 
erhellt, ob schw. oder st. Vocalstufe anzunehmen ist. Germ. 
dkd = gr. ayw, idg. d A gä ; aber Part, akands = idg. a^nä^s. 

4) germ. 6 ist Steigerung der a'-Reihe, also idg. a 2 ; 
nur in Suffixsilben hat germ. 6 auch einen anderen Laut- 
werth, vgl. oben. In einzelnen Fällen ist germ. 6 Steigerung 
eines a, das eigentlich idg. a 2 vertritt; für derartige Fälle 
ist Uebertritt aus der %- in die o^-Reihe anzunehmen; der- 
selbe ging aus von dem doppelten Werthe des germ. a. 



DER GERM. VOCALISMUS. 41 

5) germ. d hat doppelte Function; es vertritt idg. d^ 
und A 1 . a) germ. d ist als idg. d i zu erkennen, wenn Ver- 
wandte eines Wortes, in denen es sich zeigt, e oder ö (i, u) 
im Inneren haben. Der Vocal von germ. bdrd Bahre ist d u 
weil bha^r die Wurzel ist; got. vesei, weil zu visan, hat 
ebenso d { . b) Einem germ. d entspricht idg. d l wohl nur bei 
offenen «^Wurzeln; ahd. sdmo gehört zu y/^ sa 1 (lat. sä-tusj; 
germ. dänds gethan \/~* dha x (sk. hitds; germ. dd-mij, 

6) germ. i hat doppelten Werth; es ist idg. i und es 
ist /-Umlaut eines e. Die idg. * dauern im germ. fast un- 
geschmälert fort; es gibt nur wenig sichere Fälle des a-TJm- 
lautes von i zu e. Gross ist der Zuwachs, den das germ. an 
i erfahren hat, indem vor Nasal -f- Consonant Tonerhöhung des 
e eintrat und indem das i der Suffixsilbe ein e der Wurzel- 
silbe umlautete. Germ, sinqö sinke gehört zu y/^ sa^ny. Germ. 
isti (hd. ist) = gr. ear/, germ. ini (hd. in) = gr. ??#. 

7) germ. u entspricht idg. u, kann aber vor Nasal + 
Consonant idg. ai vertreten. Ein grosser Theil der idg. u 
sind im germ.' durch a -Umlaut zu ti geworden. Dem idg. 
dhugh-tär Nom. Sg. Tochter entspricht gemeingerm. dohtär 
(got. dauhtar, an. döttir* ae. döhtor* as. dohtar, ahd. tohtar). 
Regelmässig ist der a-Umlaut im Particip von a^u -Wurzeln. 

8) germ. eu ist idg. a^u, wo es nicht für ev< iv steht. 

9) germ. au vertritt die idg. a 2 u und a 1 w. a) germ. 
au = idg. a 2 u ist Steigerung von a t u und als solche zu er- 
kennen, wenn die übrigen Ablautsstufen (u, eu, ü) bei einem 
Wbrte im germ. oder sonst nachweisbar sind; germ. fläuga 
ich flog hat a % u, weil das Präs. fliugd, das Part, ßogands 
geflogen lautet, b) germ. au ist idg. a 1 w (a*u) (gr. cw); 
germ. duko = lat. augeo, idg. d A ugß. 

* Die Länge des inneren Vocals scheint durch den Dat. Sg. dehter 
erwiesen, der bei Grein nur einmal belegt ist, in Prosatexten, bes. in 
Urkunden, Testamenten (ic geann minre yldestan dehter = ich vermache 
meiner ältesten Tochter . .) unendlich oft vorkommt; Grein will got. 
Y. p. 69 den Vocal des got. Wortes als du fassen; aber einem got. 
du kann im ae. 6 ebensowenig entsprechen als ein ae. 6 lautlich gleich 
gemeingerm. o ist. Man möchte zur Erklärung des ae. Vocals an Be- 
einflussung von mödor brödor denken, wenn derartiges nicht zu singulär 
wäre. Doch vgl. Holtzmann ad. Gr. p. 182 unter e 3. 



42 



DER GERM. VOCALISMUS. 



10) germ. ai hat wie au einen doppelten Werth. a) 
es vertritt idg. a 2 h wenn der Ablaut i ei % nachweisbar ist. 
b) es vertritt idg. aH (aH) = gr. ««. 

11) germ. ü ist idg. A. Doch steht es vor h zuweilen 
für älteres un (unh : üh : üh). 

12) germ. i ist idg. i und idg. a x i, in letzterem Falle 
ist % durch Assimilation aus &' entstanden. Nicht immer läsät 
sich mit definitiver Gewissheit sagen, wo t als st. Vocal- 
stufe und wo es als Dehnung aufzufassen ist. i kann vor h 
auch älteres inh = a x nk vertreten vgl. germ. pfhaz = lat. 
tempus, idg. td i nka 2 s (got. peihs Zeit). 

Zum Schluss dieses § sowie der vocalischen Untersuchung 
gebe ich eine Uebersicht über die germ. Vocale, deren idg. 
Lautwerth angegeben wird. Das Ganze ist so geordnet, dass 
leicht in die Augen fällt, von welchen Vocalen sich ein Ueber- 
tritt aus einer Reihe in eine andere vollziehen konnte : 

idg. 



germ. 


c^-Reihe 


at-Re 


* = i(nx)=a x (nx) 


— 


«=; \ h 


— 


a = Oj 


« l ( 


-= a iOO» a iCO 


— 


U = U(nx)~ a x (nX) 


— 


i = in(h) =a i n(h) 


— — 


ü =un(h)=m i n(h) 


— 


eu = ev=a i g,h,a i ]c 


— 


ai = 


— 


— 


au = 


av = agjiy ah 


— 


6 = 


— 


ö 2 


d == 


dt 


d 1 



— % (a-XJm\.) — 



a} 



a x % 



a 2 t 



aH -Reihe 


o^w -Reihe 


— 


u(a-üm\.) 


— — 


u 


— 


ü 


— 


a t u 


aH 


— 


— 


a%u 


— 


— 



a ! w-Reihe 



a x u 
dv = a*v 



EXCURS ÜBER DIE ife-REIHE IM GERMANISCHEN. 

Sind die vocalischen Untersuchungen dazu bestimmt 
überall eine präcisirte Angabe der Wurzelgestalt zu ermög- 
lichen, so bleibt eine Untersuchung zur Lautlehre übrig, um 
in Bezug auf den Oonsonantismus ein Gleiches zu erzielen. 



EXCÜRS ÜBER DIE &-REIHE IM GERM. 43 

Es handelt sich um die Vertretung der J?-Reihe im germ. 
In den eben erschienenen morphologischen Untersuchungen 
auf dem Gebiet der idg. Sprachen* macht Brugman p. 23 
die Anmerkung: nach welchem Gesetz germ. Je und q als 
Vertreter von lp wechseln, ist vorläufig noch unklar. Und 
Osthoffs Bemerkung ib. p. 117 Anm., es seien Anzeichen 
dafür da, dass die jüngere arische Palatalisirung (e = k) 
nichts peciell arisch, sondern auch ihrerseits eine bereits 
idg. AfFection von g gewesen sei, forderte mich eindring- 
lich zu einer Untersuchung über die i-Reihe im germ. auf. 
Es ist d6r Hauptgrundsatz einer jeden methodischen Unter- 
suchung über Lautlehre von isolirt stehenden Worten aus- 
zugehen ; man hat sich an Bildungen zu halten, die keinerlei 
Beeinflussung durch Angehörige mit anderen lautlichen Er- 
scheinungen erfahren können ; von Bildungen also, die ausser- 
halb eines sei es im Consonantismus sei es im Vocalismus 
sich abstufenden Systems stehen. 

Befolgt man dies Princip bei der Untersuchung über 
die fc-Gutterale, so ergeben sich folgende Resultate. 

A) Die AfFectionen hv (f) und q stehen im Anlaut nur 
vor hellen Vocalen. 

1) germ. qivds = idg. gföas (sk. jivds, lat. vivus). 

2) Germ, qtpra- Bauch (got. lausqiprs leeren Magens) 
= ai. jdthara-, 

3) germ. qtpuz (got. qipus) Bauch ist mit qSpra- wurzel- 
verwandt ; lat. venter für gventer hat Nasalirung wie gr. yaavTjQ. 

4) . germ. hvShv - la-m, hvev-ldm für hvegv-ldm Rad = 
sk. cakrdm, gr. xvxAo£. 

5) germ. fedur- = sk. cattir-, 4 

6) germ. hvera- Kessel (Fick 7, 93) zu sk. edrus Kessel. 

7) germ. qeno Weib = idg. gna 2 , sk. gnd. 

8) germ. qäni-z resp. qtniz Weib = sk. jänis, zd. jini 



* Ich freue mich zu constatiren, dass einzelne meiner obigen 
Sätze über den Yocalismus durch diese an Resultaten reiche, wie me- 
thodisch vortreffliche Schrift, namentlich durch Bemerkungen Osthoffs 
die erwünschteste Bestätigung erlangt haben. Doch war es mir nicht 
möglich auf einzelne Differenzen einzugehen. 



44 EXCURS ÜBER DIE &-REIHE IM GERM. 

(Kz. 23, 22); qenö wie qäniz haben mit \f* «fai** zeugen 
nichts zu thun. 

9) germ. qemd Mühle = lit. girna f. 

B. Die Affection hv und q tritt ein im Silbenauslaut 
bei folgendem l r n. 

1) hv6hv-la-rn, hvev-ldm = idg. fa^&rajW, sk. cakrdm. 

2) neurds Niere für nefl-rrfs, negv-rds = vsq>Qoq; Gdf. 

3) germ. sewwfs Gesicht = segv-nl-s = sa^k-nls. 

C. Die labiale Affection tritt im Anlaut vor dunkelen 
Vocalen und vor Consonanten nicht ein. 

1) germ. haidüs Erscheinung = sk. ketus = idg. ka$itus. 

2) hdhsd, lät. coxa Kniekehle, sk. kdkTa-, idg. käjksa-. 

3) hdfjö = arm. kapel Kz. 23, 20 \T Ipatp. 

4) haima-8 Heimat, lit. kemas Dorf = idg. fyaimas. 

5) germ. kusp-, kosp. (Fick VII, 48) zu sk. gu*p. 

6) got. kaürus = sk. gurtis, gr. jtfapvs, idg. gajrtis. 

7) germ. ko- Kuh (ahd. cämo? = sk. gä-; idg. £(F-. 

8) germ. hduvd haue = ksl. kovq,; y/** ka ] u. 

9) germ. haupas Haufe = lit. kaupas. 

10) germ. krdnaz Kranich vgl. Kz. 23, 22. 

11) germ. knodo knete, ksl. gneta y/^ gna-{t. 

* 

12) germ. kräjd krähe — ksl. graja \P gra. 

13) germ. hraiva-m Aas = sk. kramja-m rohes Fleisch. 

14) hlaibds Brod =■ lit. klepas; Gdf. klaipds. 

15) hlifd stehle vgl. ksl. po-klopu Bedeckung y/~* Jda t p. 
Ich beschränke mich auf diese Beispiele, die sich leicht 

mehren liessen. Es handelt sich nun um eine Erklärung der 
widerstrebenden Bildungen. Das Gesetz, dass der labiale 
Nachklang sich vor Consonanten im Anlaut nicht zeigt, wird 
nur durch das einmal belegte got. qrarnmipa Feuchtigkeit 
durchbrochen; eine Aenderung in krammipa wird, zumal die 
an. Verwandte des Wortes kr im Anlaut zeigen, nicht zu 
gewagt sein. Was die Vertretung von k vor dunkeln Vocalen 
anbetrifft, so scheint der Interrogativstamm hva- das obige 
Gesetz aufzuheben. Aber s es ist zu beachten, dass hva- ab- 
stufend flectirt; im Genet. got. hvis = germ. hvissa haben 
wir den schw. Stamm hve-, und von diesem aus kann der 



EXCÜRS ÜBER DIE ÄJ-REIHE IM GERM. 45 

labial afficirte Guttural eingedrungen sein; man denke auch 
an die nahe Beziehung der beiden Stämme ka- und ki ; 
letzterer liegt besonders im germ. hvilikaz 'welcher' vor; man 
konnte also wohl auch an eine gegenseitige Beeinflussung 
beider Stämme denken. 

Es hat sonach allerdings, wie Osthoff vermuthet, z. Th. 
den Anschein, als ob die ar. Palatalisirung Reflex einer be- 
reits idg. Gutturalaffection wäre. Die Labialisirung im 
germ. und die Palatalisirung im ar. stehen, wie einzelne der 
obigen Beispiele zeigen, offenbar im engsten Zusammenhange: 
beide zeigen sich im Anlaut vor hellen Vocalen. Giebt man 
das zu, so muss man für das germ. in derselben Weise wie 
für das ar. eine Reihe von Uebertragungen annehmen. Labia- 
lisirung kann beim Verb nur in denselben Formen wie im sk. 
die Palatalisirung berechtigt sein: qimö germ. stimmt, Gdf. 
gd\mä; Prät. Plur. qämünp stimmt, Gdf. qeqmünp ; Prät. Sg. 
qdma (für kdma = idg. g f a i gd2tna r ) . hat den Anlaut vom Präs. 
und Prät. Plur. geliehen, ebenso das Part, qomands*. Wer das 
Verner'sche Palatalgesetz für das ar. zugibt, kommt um 
ähnliche Annahmen von Uebertragungen im ar. nicht herum. 
Wesshalb sollte man sich also scheuen für das germ. ein 
gleiches Erklärungsprincip durchzuführen? 

Was den Inlaut betrifft, so wird man auch hier wie im 
sk. zu Werke gehen müssen. Steht hier der Palatal ur- 
sprünglich nur vor hellem Suffixvocal und geräth durch Ueber- 
tragung auch vor dunkle, so dürfen wir im germ. erwarten, 
dass die labiale Affection des Gutturals vor hellem Suffix- 
vocal berechtigt und durch Uebertragung vor dunkle Suffix- 
vocale gerathen ist. Ein wichtiger Unterschied des ost- und 
westgerm. beruht auf dem germ. Labialisirungsgesetz : es 
stehen dem ostgerm. sehvan, sinqan, singvan, stinqan, lihvan, 
hnigvan westgerm. sehan, sinkan, sing an } stinkan, lihan, 



* Man erwartet komands, das unmöglicher weise in einigen Dia- 
lecten vorliegt; ahd. kumft, kunft wird daher dem got. gaqumps gegen- 
über eine Alterthümlichkeit bewahrt haben, es scheint ein got. kunts 
vorauszusetsen, wie dem ahd. numft ein got. numts entspricht. Letzteres 
ist nicht als ein un verschoben es numiis zu fassen, sondern steht wahr- 
scheinlich für numfts (vgl. svumfsl). 



46 EXCURS ÜBER DIE ANREIHE IM GERM. 

hnigan gegenüber. Zwar finden sich wie Sievers PBb V, 149 
gezeigt hat auch im westgerm. noch Spuren des Labials von 
hv (gv = v). Aber der Unterschied steht doch fest, und 
die Erklärung ergibt sich leicht. Das germ. Paradigma 
muss nach dem Labialisirungsgesetz gelautet haben: sehö, 
sihvezi , sthvedi] sShame, sihvede, sthandi; ebenso sinkö, 
sinqezi, sinqedi; sinkame, sinqede, sinkandi. 

Aus diesen Paradigmen entstanden durch Verallgemei- 
nerung des einen Typus sihvd, sihvezi u. s. w. (ostgerm.), 
des anderen Typus s6hd, sihezi, sihedi (westgerm.).* 

Ich will mit diesen Bemerkungen die Gutturalfrage 
nicht als erledigt betrachten ; es wäre eine genaue Behandlung 
derselben dringend nöthig; für das germ. müssten auch die 
Resultate der scharfsinnigen Schrift Möllers 'die Palatalreihe 
der idg. Grundsprache im germ/ eingehender nachgeprüft 
werden. Das Ziel einer solchen Untersuchung stände im 
engsten Zusammenhange mit dem Ziel der neusten Arbeiten 
zur Laut- und Formenlehre: es kommt darauf an, von jeder 
Einzelsprache aus die vorhistorischen, wenn man will die idg. 
Grundformen wo möglich gleich scharf zu präcisiren. 



* Nebenbei sei got. aggvus erwähnt; sk. amhüs beruht auf 
einer idg. Grundform * K n$hus. Unregelmässigkeit in der Entwick- 
lung des Palatals für das germ. anzunehmen ist unzulässig. Viel- 
mehr ist als urgerm. Stamm angu-, angv- anzusetzen, wie vorgerm. 
genu- durch germ. Jcinv- = kinn- reflectirt wird. Die Nominative 
angvus, hinnus beruhen auf einer Combination der alten Nominative 
angu8 f Jcinus mit den neuen Stämmen angv-, kinn-; von hier aus 
mag man weiterhin im germ. oder erst im got. einen Stamm hinnu- 
und angvu- gefolgert haben. — Zu weiteren Erörterungen über die ]c~ 
Reihe laden die kurzen Bemerkungen Holtzmanns ein, der ad. Gr. I, 
2, 62 unserm Problem nahe war. 



ZWEITES KAPITEL. 

DAS GERMANISCHE PRÄTERITUM. 

Wenn das st. Prät. der altgerm. Dialecte ohne Zu- 
ziehung der verwandten Sprachen erklärt werden dürfte, so 
läge der Gedanke nahe, dass den redpl. Verben allein Prä- 
terital-Reduplication zukomme, nicht aber auch den abl. V. 
Diese Möglichkeit vertritt neustens Bezzenberger in seinen 
Beiträgen II, 159; es ist ihm unwahrscheinlich, dass gab auf 
gegdb, för auf feför beruht. 'Wäre dies der Fall, so wäre 
es absolut unbegreiflich, dass sich in den germ. Sprachen gar 
keine Spur ihrer Reduplication erhalten hat, während doch 
die redpl. V. die Reduplication mit grosser Treue bewahrt 
haben'. Diese Auffassung ist nicht so neu wie es scheint; 
bereits Jacobi Beiträge p. 58 hatte ihre Möglichkeit ange- 
deutet, aber aus guten Gründen von sich gewiesen. 

Bezzenberger stellt also für das idg. eine doppelte Art 
der Perfectbildung auf. Bekanntlich ist das idg. Präterito- 
Präsens va 2 ida i 'ich weiss* das einzig sichere Beispiel eines un- 
redupl. Perf. der idg. Grundsprache. Berechtigt nun das germ. 
allein zu einer Annahme, wie sie Bezzenberger gibt? Scherer (Z. 
f. östr. Gymn. 29, 124) hat bereits mit vollem Recht bemerkt, 
dass wir im Plur. Prät. gäbum (got. göbum) nach der einzig mög- 
lichen Erklärung aus gegbum noch die deutlichste Spur der Re- 
duplication bei den Verben der Ablautsreihe bSro haben. Will 
Bezzenberger dies nicht gelten lassen, so darf er kein spora- 
disches Auftreten der Reduplication wie im lat. verlangen. Da- 
rin liegt eine Verkennung des germ. Sprachtypus. Vor dem lat. 
wie vor dem gr. zeichnet sich das germ. durch strenge Gesetz- 



48 DAS GERM. PRÄTERITUM. 

mässigkeit aus: wenn sich irgendwo im germ. eine Lautver- 
änderung einstellt, wird sie zum Princip erhoben; so ist die 
Laut-, so die Accentverschiebung zu beurtheilen. Bezzen- 
berger unterschätzte die Wichtigkeit der Thatsache, dass die 
Reduplication nur im Prät. von Verben erscheint, deren 
Präsens eine ganz bestimmte Gestalt hat. Die Regelmässig- 
keit des germ. nun zeigt sich darin, dass sämmtliche starke 
Verba, deren Präsens jene Gestalt nicht hat, ihre Redupli- 
cation im Prät. eingebüsst haben. 

Sieht man aber von dieser Gesetzmässigkeit, dem Haupt- 
charakteristicum des germ. Sprachtypus, ab und schenkt 
Bezzenbergers Hypothese Beifall, durch welche Thatsache 
könnte man dann die nothwendige Consequenz derselben be- 
weisen, dass nämlich dem reduplicirten Prät. des germ. ein 
redupl. Perf. der idg. Grundsprache, dem reduplicationslosen 
Prät. des germ. ein reduplicationsloses idg. Perf. entsprochan 
hätte? Nach der bisherigen, sicher fest begründeten An- 
nahme war germ. sat — urgerm. sesdda ich sass dem ind. 
sasäda vollkommen gleich. Jetzt soll germ. sat auf idg. 
sä 2 da zurückgehen, und was geschieht mit ind. sasäda? 
Konnte man bisher got. lrdaf für urgerm. kekldpa mit gr. 
yJxkorpa identificiren, so soll got. hlaf einem idg. kld^pa ent- 
sprechen; und gr. xkxXocfja? Und gr. XiXoma gegenüber got. 
laihv = idg. la^ka?*. 

Diese Beispiele zeigen, dass das Verhältniss der ver- 
wandten Sprachen zum germ. Bezzenbergers Ansicht gradezu 
widerlegt. Und wer sich die Thatsachen und den Charakter 
des germ. klar macht, wird keinen Grund finden, von der 
alten Lehre abzuweichen. Die folgenden §§ zeigen, wie sich 
der ganze Bau des germ. Präteritums ungezwungen aus ihr 
erklären lässt. 



§1. * 

DAS PRINCIP DER PERFECTBILDUNG. 

A. Die Wurzelsilbe. 
Das Princip der Stammbildung des idg. Perfects ist 
klar und einfach, es ist dasselbe, welches alles consonantische 



DAS PRINCIP DER PERFECTBILDUNG. 49 

Flexion heherrscht: das Princip der Abstufung. Ich kann 
mich nach allem, was in der letzten Zeit darüber gesagt ist, 
kurz fassen. 

Bei der abstufenden Flexion haben wir den st. und 
den schw. Stamm zu unterscheiden; die schw. Stammform 
ist verschieden, je nachdem das anzufügende Suffix vocalisch 
oder consonantisch anlautet. Als Beispiel zur Veranschau- 
lichung des Princips der Abstufung wähle ich den germ. 
Stamm bröpar- = idg. bhrd 2 ta 2 r-. Starker Casus ist der 
Nom. Plur. germ. broparez = idg. bhrd 2 ta 2 ra i s ; die 'schw. 
Stammform ist idg. 1) bhrdHr- bei vocalisch, 2) bhrdHa^r- 
bei consonantisch anlautendem Suffix. Loc. Sg. germ. bröpr-i, 
Gen. Sg. bropr-az; aber Acc. Plur. broprunz (got. bröpruns) 
= sk. bhratrn = idg. bhrdHa^rfts ; Dat. Plur. bröpru-mi (vgl. 
ind. bhrätrbhyas). Vgl. gr. narsQ-sg (idg. paHdpa$) } nargi 
= idg. paHri; natQu-oi für nargaal = paHa { rSvd. 

Derjenige schw. Typus, welcher bei vocalisch anlautendem 
Suffix in diesen Beispielen erscheint, ist nur dann möglich, 
wenn keine unsprechbare, resp. unerträgliche Lautverbindung 
nach dem Schwunde des Vocals entsteht; vgl. oben p. 32. 
Unmöglich ist z. B., dass bei der abstufenden Flexion der 
Bezeichnung für 'Fuss (starker Stamm pa 2 d- = gr. nod-; 
schw. Stamm vor Consonanten pa^d- = lat. ped-) eine schw. 
Stammform mit synkopirtem Vocal entsteht ; in Fällen dieser 
Art gibt es nur eine schw. Stammform. 

Dasselbe Prinpip der Abstufung wie bei der Nominal- 
flexion zeigt sich bei der Conjugation. Die Präsentia der 
bindevocallosen Conjugation stufen am deutlichsten ab. So 
\P kar im indischen: vgl. kdrmi, kr-dhi (2 Sg. Imperat.); 
kr-at- Stamm des Part. Präs. y° gam im ind.: gdn-mi; 
gadhl, gahi Imperat. (idg. g ai mdhi); gm-at- Stamm des Part. 
Präs. v/° Ä<m (idg. gha^nj: hdnmi; Imperat. jahi (= idg. 
gha t ndhij; 3. Plur. Präs. ghMnti (idg. ghnd x nti). 

Bei Wurzeln mit echter Doppelconsonanz im Auslaut 

kann vom Schwunde eines inneren a nie die Rede sein; sie 

können stets nur 6ine schw. Stammform zeigen; sk. märjmi 

bildet die schw. Präsensstammform mrj, die vor vocalisch und 

vor consonantisch anlautendem Suffix steht. 
qp. xx xii. x 4 



50 DAS PRINCIP DER PERFECTBILDTOG. 

Das Princip der Abstufung verdankt seine Entstehung 
in den meisten Fällen entschieden dem freien Accent des 
idg. Dass die Abstufung des idg. Perfects unter demselben 
Einfluss steht, hat man längst erkannt. » In den letzten Jahren 
haben wir nur gelernt, dass die Abstufung ein lebendiges 
Princip der gesammten, der bindevocalischen wie der binde- 
vocallosen, der nominalen wie der verbalen Flexion ist, dass 
also die Perfectabstufung in einem grösseren Zusammenhange 
mit der übrigen Formbildung des idg. steht. 

Gehen wir nunmehr im einzelnen auf die Perfectbildung 
im idg. über, so kann, da das Princip ein einheitliches ist, 
nur die Verschiedenheit der zu Grunde liegenden Wurzeln 
die in den Einzelsprachen vorliegende scheinbare Mannig- 
faltigkeit erklären. 

Das Princip aber lautet: bei allen Verben haben die 
st. Perfectformen Steigerung, die schw. Formen schw. Vocal- 
stufe; und zwar ruht der Accent in den st. Formen auf der 
Wurzelsilbe, in den schw. Formen auf den Personalsuffixen; 
die Reduplicationssilbe ist stets unbetont. 

1) a^Wurzeln. 

a) Die Verbalwurzel beginnt und schliesst mit einfacher 
Consonanz : starke Stammform a 2 ; schw. Stammform a t bei 
consonantisch , Schwund desselben bei vocalisch anlautendem 
Suffix. Folgende idg. Stammformen ergeben sich für 

V~* 9 a t n: 
\T ga t m : 

X^ rna^n: 

V/° ka t r: 

f^ sa s gh: 

sk. sasäha; st 

(Opt.); 

b) Die Verbalwurzel schliesst mit Doppelconsonanz, deren 

erstes Element ein Halbconsonant ; es ist nur eine schw. Stamm- 
form möglich. 



ga x g&?n-, 


ga^ga^n, 


fajn-, 


ytyova ; 


ysya/nfv'y 


sk. jajnüs (3 Plur.). 


ga x g& % m- 


ga^a^m' 


ga x gm- 


sk. jagäma; 


ßeßyfisv ; 


sk. jagm&s. 


mafn&%n- 


ma^mayn- 


majtnn- 


fiefiova / 


fxef.tai.t8V / 


sk. *mamnus. 


kajcd 2 r- 


kajc^v 


kajcr- 


sk. cakära; 


cakrmd; 


cakrüs. 


Safiä^h- 


Sa^Sa^jh- 


sa^zgh- 


sk. sasäha; 


säsdhyäm 


*sShüs. 



DAS PRINCIP DER PERFECTBlLDUNfl. 51 

a) Erstes Element sind die Halbconsonanten y, v (i, u) ; 
die schw. Stammform hat i, u, die starke a 2 i, a 2 u. 

y^ la x Uf\ lajdzik- lilik- 

XfXoina ; sk. riricüs. 

V° bha x udh: bhafihdtfudh- bhubhudh- 

germ. bliebhdudha; sk. bubudhüs. 
(baud) 

(?) das erste Element ist l m n oder r; die st. Formen 
zeigen a 2 r u. s. w. ; die schw. a t r u. s. w. 

y° da t rJc: da i dd 2 rJc- da^da^rTc- 

dtJogxa; dadrgus. 

V° bha x ndh: bha t bhd 2 ndh- bhafiha^ndh- 

nsnov&a / 7itna&~via. 

c) Die Wurzel lautet mit Doppelconsonanz an, deren 
zweites Element ein Halbconsonaut ist; sie schliesst mit ein- 
facher Consonanz. Es ist nur eine schw. Stammform möglich. 

\/° tratf: tafra^p- ta$ra$ 

rergoffa; sk. *tatrptis. 

\ n ghrafih: gha x ghrd 2 bh- gha^gh-afik- 

altind. jagrd 2 bha; jagrbhüs. 
2) ö^-Wurzeln. Die Wurzeln lauten aus auf einfache 
oder doppelte Consonanz. 

a) a ! -Wurzeln auf einfache Consonanz zeigen das Prin- 
cip der Abstufung, das wir bei den a^ -Wurzeln fanden. In 
den starken Formen haben sie Steigerung a 2 , in den schw. 
aber die schwache Vocalstufe a 1 ; es ist, da a l im Gegensatze 
zu a t nie schwinden kann, nur eine schw. Stammform mög- 
lich, sie steht bei vocalisch und bei consonantisch anlautendem 
Suffix. Dies das Princip der Bildung. Wir finden es im 
gr. und lat. wieder, aber vielfach gestört durch Uniformirungs- 
bestrebungen, die bald die schw., bald die st. Stammform zu 
der das ganze Perfect beherrschenden gemacht haben. Im 
gr. stehen den Präsentien mit innerm u (= a*) regelrecht Per- 
fecta mit innerem rj (= a 2 ) zur Seite ; die schw. Stammform 
ist in den meisten Fällen gänzlich eliminirt und durch Neu- 
bildungen aus der st. Stammform ersetzt. xstXrjya < y.txXrj- 
ya/.uv \P xXay; XeXrjda < XfXfjda^uv y° Xa&. Ebenso viel- 

4* 



52 DAS PRINCIP DEB PEBFECTBILDÜNG. 

fach im lat. dpi < cipimus y/^ cap. Doch finden wir zahl- 
reiche Spuren der Abstufung. Die schw. Vocalstufe der a 1 - 
Reihe a 1 wird durch gr. a = lat. a reflectirt. Daher sollte 
im gr. zu einem Sg. Perf. vfdyXa (y/^ duXj der Plur. 
*T(d-aXaii8Vi zu einem atarjQa >/** oag der Plur. oeoaga/usv 
lauten; die Plur. -Formen sind verdrängt durch TsfrijXajusv, 
aso7]ga/uev, aber erhalten haben sich die Participia rt&aXvta, 
asoagvta'j ebenso besteht neben /u8/urjxa ein (.itf-iawia, neben 
XtX?]xa ein XsXay.vta. Bei einigen Verben wurde die schw. 
Stammform auf das Perf. Med. beschränkt, während die st. 
Stammform das Perf. Act. ganz durchdrang: XsXrjfra : XsXao/uou; 
nXrjrpa : XsXa/u/iiai. 

Im lat. ist oft Uniformirung des Perfectvocals im An- 
schluss an die st. Stammform eingetreten: (cecSpi =) c$pi 
< cipimus. Bei anderen Verben ging die Uniformirung von 
der schw. Stammform aus: cecftditnus < cectdi (für ein ver- 
drängtes cHi = cecedi y/~* cad fallen; cecinimus < cecini 
(für *cini = *cec$ni). tetigimus < tetigi für *tigi = tetögi). 
pango hat sowohl die st. als auch die schw. Stammform durch- 
flectirt pSgi «für pep&'gi) < pSgimus; pepigimus < pepigi. 
Das i der schw. Stammform steht für a 1 wie im Compositum, 
vgl. occtdo, efftcio; man sehe den ersten Satz von Leo Meyers 
fleissigem Aufsatz Bb. I, 144 ff. 

Wir können auf Grund dieser Bemerkungen folgende 
idg. Stammformen für das Perf. ansetzen: 

V""* ]fia ] p: ka*kd 2 p- k a Jc a ip~. 

y^ la ] k: lajrfftk' laja^k-. 

b) a 1 -Wurzeln mit auslautender Doppelconsonanz, deren 
erstes Element ein Halbconsonant i u r l m n ist. Wir 
fanden oben da$ Gesetz, dass ein a 1 vor auslautender Doppel- 
consonanz nicht gesteigert werden kann. Wir haben desshalb 
nur eine Stammform für das ganze Prät. zu erwarten. Lat. 
scando : scandi; lambo : lambi; gr. xtxXayya; Xa/una) : XtXa/una. 
caedo : ceddi, cecidimus. 

B. Die Reduplicationssilbe. 

Die europ. Sprachen haben als Reduplicationsvocal von 
a -Wurzeln im Perf. nach allgemeiner Annahme e. Das 



DAS PRINCIP DER PERFECTBILDUNG. 53 

Verner'sche Palatalgesetz beweist, dass im ar. auch ein hellge- 
farbtes a in der Reduplicationssilbe stand (vgl. jetzt Osthoff in 
den Morphol. Untersuch, p. 116 Anm.); da die Reduplications- 
silbe im Perf. nach Ausweis des ind. ursprünglich stets un- 
betont war, so ist als idg. Reduplicationsvocal a t anzusetzen. 
Auffällig ist freilich, dass auch die a ] -Wurzeln a t in der Re- 
duplicationssilbe zeigen: gr. XsXa/una y^ Xa/nn; rs&rjXa y° 
&aX; XtXrj&a y/^ Xa& ; lat. pepigi \° pag ; cecidi y^ cad; 
cecidi V""* cod. Wenn die bisherige Auffassung der Redupli- 
cation als Andeutung einer Wiederholung der Wurzelsilbe 
richtig ist — und daran lässt sich nicht zweifeln — so müssen 
wir a* in der Reduplication der a 1 -Wurzeln erwarten wie a t 
in der Reduplication der a x -Wurzeln. Es wird daher wohl 
nicht zu gewagt sein, wenn wir das a i der Reduplicationssilbe 
von a ! -Wurzeln als den zahlreicheren a t -Wurzeln entlehnt be- 
zeichnen ; wir hätten hier einen uralten, bereits idg. Fall von 
Uniformirung des Reduplicationsvocals ; gr. XiXtjxa setzt ein 
idg. lajd 2 kai voraus. Ob jemals a 1 in Reduplicationssilbe 
existirt hat oder ob nicht vielmehr von Haus aus alle Verba 
im Anschluss an die ^-Wurzeln den Reduplicationsvocal a t 
erhielten, lässt sich wohl kaum noch entscheiden. 

Eine weitere Frage über den Reduplicationsvocal knüpft 
sich an die 041- und a^u -Wurzeln. Wir sahen, dass alles uns 
nöthigt sie als 04 -Wurzeln aufzufassen. Wir können daher 
auch bei ihnen « t in der Reduplicationssilbe erwarten. Die 
starken Perfectformen der a x i und a^u -Wurzeln haben d 2 i 
und d 2 u; wie zum Präs. vd^rtä der starke Perf ectstamm Va l vd 2 rt~ 
lautet, so erwarten wir zu einem Präs. bhd^idä 'ich beisse, 
einen starken Perfectstamm bha t bhd 2 id-, zu bhd^udhd ein 
bha t bhd 2 udh-. Für den schw. Perfectstamm der a^i und a t u- 
Wurzeln, der inneres i und u enthält, können wir mit Sicher- 
heit ein i und u als Vocal der Reduplicationsilbe vermuthen; 
so hätte einem starken Perfectstamm bh a fihd 2 id- ein schw. 
Stamm bhibhid-, dem st. bha i bhd 2 udh- ein schw. bhubhudh- gegen- 
über gestanden. 

Diese gelegentlich geäusserte Vermuthung des Hrn. Prof. 
Hübschmann, dem ich mich anschliesse, wird gestützt durch 
die verschiedene Behandlungsweise, welche die perfectische 



54 DAS PRINCIP DER PERFECTBILDUNG. 

Reduplicationssilbe von arf- und a t u -Wurzeln in den Einzel- 
sprachen erfährt. Bisher nahm man vom ai. und z. Th. vom 
lat. ausgehend an, Formen wie sk. rireca seien ursprünglicher 
als gr. XeXoma. Jetzt stellt sich die Sache so: beide Formen 
sind gleich ursprünglich und gleich unursprünglich; das idg. 
hatte ^inen doppelten Typus der Reduplicationssilbe ; im gr. 
und im ind. ist nur je ein Typus bewahrt und dieser hat sich 
über die ganze Flexion verbreitet. 

Auch im lat. finden wir einen Typus erhalten, aber am 
Untergange des andern ist das Aussterben der zugehörigen 
Stammform Schuld ; didici, pupugi zeigen in Stamm- und Re- 
duplicationssilbe den alten schw. Typus. 

Das altir. bildet nur von zwei i -Wurzeln redupl. Per- 
fecta, rir dedit und Ul adhcesit; Gdf. ririe, lilie. Diese Formen, 
die ich Windischs Aufsatz Kz. 23, 245 entnehme, sind hier 
desshalb wichtig, weil in keinem dieser beiden Perfecta eine 
Spur von Steigerung des Wurzelvocals zu erkennen ist'. Also 
auch hier besteht der schw. Typus der Reduplicationssilbe bei 
Formen der schw. Stammsilbe.* 

Im germ. ist, um das gleich hier zu bemerken, das um- 
gekehrte eingetreten : es erhielt sich die st. Form der Redupli- 
cation neben der st. Stammsilbe. 

Zuletzt betrachte ich den Consonantismus der Redupli- 
cationssilbe. 

Durch alle Einzelsprachen geht das Gesetz, dass die 
Reduplicationssilbe nur mit einfacher Consonanz anlauten kann. 
Bis zu einem gewissen Grade verdient nur die Reduplication 
von «! -Wurzeln mit einfach consonantischem Anlaut ihren 
Namen; bis zu einem gewissen Grade sage ich, weil auch bei 
diesen nicht die ganze Wurzel in die Reduplicationssilbe tritt, 
sondern nur ein Theil der Wurzel, so von y^ sa t d nur ein 



* Was gegen obige Theorie sprechen könnte, wäre vielleicht 
nur der Umstand, dass in den beiden einzigen Fällen, wo ind. 
u -Wurzeln in der Perfectreduplication a haben, der Wurzelvocal 
nicht gesteigert, sondern gedehnt ist; die beiden babhuva und sasü'va 
(Delbrück ai. V. p. 127) durchbrechen in ganz auffälliger Weise das 
ind. wie das idg. Prinoip der Reduplicationsbildung ; sie harren noch 
der Erklärung. 



DAS PEINCIP DER PERFECTBILDUNG. 55 

sa x ; also 8a x säid-. Die Keduplication des Perfects, weit da- 
von entfernt Wiederholung der "Wurzelsilbe zu sein, deutet 
sie nur an. Das zeigt sich besonders bei den Verben mit 
anlautender Doppelconsonanz. Gr. y.exXayya \Z~*xXayy; *txXo<pa 
y° xXsn; nsnvv/uai \/° nvsF ; TSTQwpa y/^ rgetp. 

Auch im ind. gilt das Gesetz, dass die Reduplication 
nur das erste Element von anlautender Doppelconsonanz der 
Wurzel erhält, y^ kram : cakrärna. >/** ksad : caktäda. 
y° grbh : jagräbha. y^ dru : dujdräva. y° gru : gugräva. 
Allerdings ist Delbrück ai. V. p. 118 geneigt, auf Grund des 
epischen bhrimüs (V° bhramj eine Sprachperiode anzunehmen, 
in der die Reduplicationssilbe den ganzen Wurzelanlaut wieder- 
gab. Wenn Delbrück aber glaubt, seine Annahme werde durch 
das kelt. germ. und lat. wahrscheinlich gemacht, so kann ich 
in diesen Sprachen nur eine Stütze für meine Annahme finden, 
dass bei Doppelconsonanz im Wurzelanlaut die Reduplication nur 
das erste Element zeigt. Wo die Reduplicationssilbe erhalten 
blieb, gilt das Gesetz ausnahmelos : es ist idg. ' Formen wie sk. 
bhr&müs können nicht den mindesten Anspruch auf Alterthüm- 
lichkeit machen. Und gäben wir auch eine idg. Grundform und 
Unform bhrabhram- zu, so Hesse sich sk. bhrdm- nie daraus er- 
klären; ihr müsste ein babhrm- (resp. brabhrm-J entsprechen. 
bhrdtnus kann nichts als eine ganz späte Analogiebildung nach 
dem Muster der Verba mit einfachem Anlaut wie sddtis [y/^ sadj 
sein.* Im lat. finde ich nichts, was für Delbrücks Annahme 
sprechen könnte; frSgi frigimus kann keine Stütze für sie sein, 
weil dem zugehörigen Präsens a (und nicht e) zukommt. Selbst 
wenn man zugäbe, dass lat. frSgimus mit got. brtkum iden- 
tisch wäre, würde niemand eine ungeheuerliche Grundform 
bkrabkrag-md ansetzen können, weil aus dieser die germ. und 
lat. Form durchaus unerklärbar sind; ihre Reflexe müssten 
ein got. brukum und ein lat. fregimus sein. Dass das ir. 
Delbrücks Annahme in keiner Weise begünstigt, zeigt die 
Auseinandersetzung Windischs Kz. 23, 246 ff., der auch im 
Gegensatz zu Delbrück im sk. bhr&nlus und lat. frögimus und 



* So eben hat sich Joh. Schmidt Ez. 24, 319 in demselben Sinne 
geäussert. 



56 DAS PRINCIP DER PERFECTBILDUNG. 

got. brikum nur Analogiebildungen nach Formen wie sk. 
sSdus, lat. s&derunt, got. sUun erblickt. Somit, spricht alles 
dafür, dass bei Doppelconsonanz im Wurzelanlaut nur der 
1. Consonant in der Reduplicationssilbe gesetzt wurde. 

Eine Ausnahme erleidet die Regel: alle idg. Dialecte 
deuten mit mehr oder weniger Bestimmtheit darauf hin, dass 
Wurzeln, die mit sk st oder sp anlauten, ursprünglich den 
ganzen Anlaut sk st sp wiedergaben. Wir können dies aus 
der verschiedenen Behandlung schliessen, welche derartige 
Wurzeln in den einzelnen Dialecten erfahren. Im ind. wird 
in der Reduplication nur das explosive Element gesetzt, im 
zd. lautet die Reduplication stets mit h (■==■ sj an, überein- 
stimmend im gr. mit dem Spirit. asp. = s. Im lat. erhält 
die Reduplication meist den vollen Anlaut, aber der Wurzel- 
anlaut wird um den Zischlaut erleichtert [ste~ti für ste-sti, 
spopondi für spospondi). Das germ. endlich hat das Gesetz, 
das wir aus den übrigen Dialecten erschliessen können, treu 
bewahrt (vgl. got. skaiskdid; staistald). 

Wie erklärt sich diese augenscheinliche Ausnahme dem 
Gesetz gegenüber, dass die Reduplication nur mit einfacher 
Consonanz anlauten kann? Die Lautverbindung sk st sp hatte 
ursprünglich den Werth einfacher Consonanz; das lässt sich 
aus der idg. Grundsprache selbst nachweisen. Wurzeln mit drei- 
facher Consonanz im Anlaut sind unmöglich ; Wurzeln wie trna- 
oder trya-, tnva- sind undenkbar. Aber Wurzeln mit skr- 
spr-, str- im Anlaut sind sehr häufig. Noch ein zweiter Punkt 
lässt sich anführen: a^i und a t u -Wurzeln können im Aus- 
laut stets nur einfache Consonanz haben; eine Wurzel auf 
-a^mbh ist ebenso undenkbar, als eine y° auf a^urk. Da- 
gegen sind Wurzeln auf -a^isk oder a x ust u. s. w. in einzelnen 
Dialecten nicht selten. Somit deuten alle Thatsachen der idg. 
Wurzelbildung darauf hin, dass sk st sp immer nur den Laut- 
werth einfacher Consonanten gehabt haben müssen. Dass die 
Lehre von der Allitteration im germ. hier von Bedeutung ist, 
sieht jeder. Ich glaube demnach berechtigt zu sein, in der 
Folge die Verbindungen sk st sp als unechte Doppelcon- 
sonanz zu bezeichnen und den Namen echte Doppelconsonanz 
auf die Verbindung von Halbconsonanten mit Geräuschlauten zu 



DAS PRINCIP DER PERFECTBILDUNG. 



57 



beschränken. Das Gesetz für die Reduplication lautet, wenn ich 
diese Terminologie anwende: Wurzeln mit anlautender un- 
echter Doppelconsonanz setzen in der Reduplication die un- 
echte Doppeicensonanz ; Wurzeln mit echter Doppelconsonanz 
im Anlaut haben in der Reduplication das erste Element.* 

Die Resultate unserer Untersuchung über die Bildung 
der Perfectreduplication lassen sich an folgenden Paradigmen 
veranschaulichen. 



1) y° 8a x d 

2) V° sa t rp 

3) \/"* bha^ndh 

4) \P bha,\id 

5) y^ 1 bh^udh 

6) v^ föP 

7) \P pa } nk 

8) \P kla x p 

9) \P sma t r 
10) \P sta^igh 



Sa i sd 2 d-; Sa^a^-. 

8a t 8d 2 rp- ; SaiSafp-. 

bhafikd^ndh- ; bhafiha^dh-. 
bha l bhd 2 id~; bhibhid-, 
bha i bhd 2 udh- ; bhubhudh-. 
kajcd 2 p-; kajcatp-. 

pa^pd ] nk- ; pa x pa Hk-. 
kajdd 2 p- ; kaJcUi p-. 
8a j smd 2 r- ; Sa x sma(r-» 
stafitd^gh- ; stistigh-. 



§2. 

LEHRE VON DER PRÄTERITALEN STAMMBILDUNG 

IM GERMANISCHEN. 

Es. sind z. Th. sichere und unantastbare Gesetze, die in 
§ 1. für die älteste Perfectbildung des idg. gefunden wurden. 
Das ursprüngliche Princip der Stammbildung, das Princip der 
Abstufung, hat sich am reinsten und klarsten im germ. er- 
halten; in den übrigen idg. Dialecten liegt es freilich auch 
deutlich am Tage. Aber die germ. Grammatik hat mehr als 
die der übrigen idg. Dialecte das Wesen der Abstufung oder 
deutlicher gesagt des Ablauts zu ergründen gesucht. Grade 
der Verbalablaut lud zu stets neuer Betrachtung ein. Heute 
ruht das Problem der Entstehung des Ablauts noch für einige 
Zeit. Alles bemüht sich den Ablaut als idg. zu erweisen und 
die Gesetze des nominalen und verbalen Ablautes aufzufinden. 



* Dasselbe Gesetz gilt auch für die Bildung der Reduplication 
bei reduplicirten Präsensstämmen; nur der Yocal der Präs.-Redupli- 
cation hat Eigentümlichkeiten. 



58 LEHRE V. D. PRATERITALEN STAMMBILDUNG IM GERM. 

Wenn wir die letzteren kennen , wird jene alte Frage der 
germ. Grammatik von neuem der Behandlung unterzogen 
werden müssen; so viel aber steht fest: die Frage hat auf- 
gehört der germ. Grammatik anzugehören; es ist vielmehr 
ein idg. Problem, gehört also in eine historische Grammatik 
der idg. Grundsprache. Am Verbalablaut hatte sich die Lehre 
der germ. Grammatik vom Ablaut ausgebildet : in der Tempus- 
bildung erhielt sich das ererbte Princip am reinsten. 

1) Die Perfectbildung der a t -Wurzeln im germ. stimmt 
' genau zu den oben aufgestellten Paradigmen. TJeber die 

Wurzeln mit auslautender Doppelconsonanz, deren 1. Element 
ein Halbconsonant (r mnliu) ist, lässt sich nach allem, was 
bereits darüber geschrieben ist, nichts neues mehr bei- 
bringen. Die starke und schwache. Stammformen ihrer Prät. 
decken sich mit den idg., von denen sie sich nur durch den 
Schwund der Eeduplication entfernt haben. Seit der Ent- 
deckung der urgerm. Accentuation wissen wir, dass das germ. 
zu den wenigen idg. Sprachen gehört, welche die idg. Be- 
tonung der beiden Stammformen so treu bewahrt haben wie 
die Stammformen selbst. 

Prät. vdrpa, Plur. vordumi (zu Präs. verpö = ich werde), 
beruhen auf unverschobenem vdrta, vortmi für vevdrta, ve- 
vortme = idg. Va 1 vd 2 rta 1 , va^va^tmä^ 

fdnpa, fundume sind Reflexe älterer pdnta, puntmi für 
pepänta, pepuntmS = idg. pa x pd % nta>, pa^pa^ntnid^ 

sndipa, snidumi (zu sni'pd schneide) lauteten vor der 
Lautverschiebung sndita snitmi — sesndita, sisnitmt, idg. 
* Safindzitat , sisnitmd. 

Germ, läusa, luzumS (zu fra-leusö verlieren) = Idusa, 
lusmö für leldusüj lultismS = idg. la^d^usa*, lulusmd^ 

2) Ich halte es für unnöthig die Gesetzmässigkeit des 
Ablautes an weiteren Beispielen zu zeigen und gehe gleich über 
zur Präteritalbildung von a x -Wurzeln mit einfacher Consonanz 
im An- und Auslaut. Wir sahen oben, dass a x -Wurzeln mit 
einfach-consonantischem An- und Auslaut im idg. einen drei- 
fachen Stamm haben ; neben dem st. Stamm zeigen sich zwei 
Formen des schw. Stammes ; die eine erscheint vor consonan- 
tisch anlautendem, die andre vor vocalisch anlautendem Suffix ; 



LEHRE V. D. PRÄTEEITALEN STAMMBILDUNG IM GERM. 59 

jene Form hat den Wurzelvocal den Gesetzen der Abstufung 
nach als a± erhalten, bei dieser ist er gänzlich geschwunden. 
Aus dem germ. lassen sich noch beide Formen des schw. 
Stammes nachweisen. 

Derjenige schw. Typus, der vor vocalisch anlautendem 
Suffix erscheint und durch Schwund des Wurzelvocals 
charakterisirt ist, herrscht im germ. fast ausschliesslich. 
Freilich hat derselbe eine neue Gestalt angenommen. Aus 
dem syncopirten Typus — so kann man füglich den schw. 
Typus bezeichnen, der vor vocalisch anlautendem Suffix 
erscheint — entwickelte sich im germ. wie im ind. und lat. 
ein ^-Typus. Daran hat man längst nicht gezweifelt, dass 
die Entstehung des £-Typus der Entwicklung der einzelnen 
Dialecte angehört. Neustens hat man sich vielfach um die 
Erklärung des räthselhaften £- Typus im ai. bemüht. Wir 
wissen jetzt nach der bündigen und überzeugenden Darstellung 
von Hübschmann Ez. 24, p. 409, dass nur in wenigen Fällen 
im ai. eine strenglautliche Erklärung des ö- Typus möglich 
ist und dass derselbe durch Uebertragung von diesen Fällen 
aus erklärt werden muss, wo eine rein lautliche Erklärung 
unmöglich. Wer Hübschmanns Nachweis anerkennt, wird für 
das germ. dieselbe Methode anwenden müssen um der Ent- 
stehung des &(&)- Typus in unsrer Sprache auf die Spur 
zu kommen. Es ergibt sich also die Frage: wo kann der 
^f<i?-Typuß lautgesetzlich aus dem syncopirten Typus ent- 
standen sein? In södüs haben wir im ind. die lautgerechte 
Entwicklung eines alten Sa^zdä^nt ; got. setun kann lautgesetz- 
lich weder aus sestünp noch aus unverschobenem sezdünt 
(— idg. saxzd&jnt, sk. sidüs) erklärt werden ; die Lautgruppe 
zd war im urgerm. nicht anstössig (vgl. azda-s Ast, gr. ofr<;\ 
nezddm Nest, idg. nizddm) ; nach der Lautverschiebung wurde 
zd zu st, und diese Consonantenverbindung ist im germ. durch- 
aus beliebt. Ein anderes Beispiel : germ. tärunp (zu terd 
zerre) beruht auf einem syncopirten Typus tetrünp, unver- 
schobenem dedrünt; kann -etr- oder unterschobenes -edr- zu 
er- werden P die Lautverbindung tr (dr) ist im germ. so be- 
liebt (vgl. bitrds bitter, snotrds klug, hlütrds lauter u. s. w.), 
dass lautgesetzlich aus einem tetrünp nie ein tirünp entstehen 



60 LEHRE V. D. PRATERITALEN BTAMMBILDUNG IM GERM. 

konnte. Germ, börünp kann ebensowenig auf lautlichem Wege 
aus bebrünp erklärt werden; ebr hätte bleiben müssen; ich 
sehe wenigstens nicht, womit Joh. Schmidt seine Behauptung 
wird beweisen können, dass bSrum lautgesetzlich aus bebrum 
entstanden sei (Voc. II, 445). Aber auch nhnun kann nicht 
wie ebendort behauptet wird auf nenmünp lautgesetzlich ent- 
standen sein. Gegen Nasale ist das germ. nur in einem Falle 
unduldsam, nur bei folgendem h; in allen übrigen Fällen 
bleibt der Nasal unangetastet. Joh. Schmidt scheint noch an 
einer Voc. I, 44 vorgetragenen Theorie festzuhalten, wonach 
das i von got. Ukan, flekan, slöpan, rSdan für an stehen soll.* 
Diese Theorie ist unhaltbar. Zunächst ist fl&kan zu streichen ; 
das Verb ist mit Bezzenberger als fldkan anzusetzen ; vgl. 
weiter unten. Got. tekan, lässt sich mit lat. tangere nicht «iden- 
tificiren ; got. tSkan wird mit an. taka auf einer y° dag be- 
ruhen; vgl. unten. Und für sUpan und ridan kann durch 
das, was Joh. Schmidt beibringt, Entstehung aus slampan 
oder slempan, randan oder rendan nicht als erwiesen ange- 
sehen werden. Ja es weisen alle Thatsachen des germ. darauf 
hin, dass ursprüngliche Nasalirung im germ. durchaus unan- 
stössig war: ßnpd und gangd, brinnd und bannd, pinsd und 
fdnho (später fdhd, fdhd) erweisen, dass weder i (= e) noch 
a + Nasal zu e übergehen konnten. Es lässt sich also auch 
germ. nSmünp nicht aus nenmünp erklären. Mir sind nur 
zwei Fälle bekannt, in, denen man an ein aus altem e durch 
Ersatzdehnung entstandenes e (ä) denken könnte ; aber beide 
Fälle harren noch einer genauen Untersuchung. Germ, menän 
(mänän) schw. Masc. = Mond scheint auf einem alten Stamme 
mens- zu beruhen; aber das Verhältnis beider ist dunkel. 
An. vdr scheint mit lat. vir auf einen alten Stamm vesr- 
zurückzugehen; doch fehlt jeder nähere Anhalt, da die 
übrigen germ. Dialecte versagen. Auch glaube ich, dass 
selbst wenn sich herausstellen würde, dass das i (äj beider 
Nomina wirklich auf Ersatzdehnung beruht, wir dem Problem 
der Entstehung des ^-Typus aus dem syncopirten Typus im 

* Von ahd. zdhi = tenax wird ib. dasselbe behauptet; aber wer 
führt den Beweis, dass seinem d ein got. $ und nicht ein got. d (vgl. 
ahd. fdhan = got. fahan) entsprochen hat? 



LEHRE V. D. PRÄTER1TALEN STAMMBILDUNG IM GERM. 61 

Prät. des germ. damit doch nicht näher rücken. Vielleicht 
empfiehlt sich manchem folgende Erklärung; die ich selber 
nur unter allem Vorbehalt mittheile, weil ich sie nur durch 
zu geringes Material stützen kann. Das Prät. der Basis et = 
essen (Präs. Ho) lautete dta, Uumt. Ich glaube, dass wir in 
Humi einen Fall eines berechtigten £ haben; ursprüngliches 
a t a x dmk musste natürlich schon im idg. zu ätmi (mit hell 
gefärbtem ä) contrahirt werden und daher haben sowohl lat. 
ödimus* als auch germ. Stume vollberechtigten Anlaut. Dies 
ist aber auch der einzige mir bekannte Fall eines lautgesetz- 
lichen S (ä). Man könnte noch an folgenden vorhistorischen 
Fall denken. Das Prät. der \p a 4 s sein wird urprünglich 
im germ. so gut vorhanden gewesen sein wie im ind.; die 
Formen müssen dsa, Plur. izumi gelautet haben. Dann hätten 
wir zwei urgerm. Fälle von berechtigtem $, Hmi und 6smS 
(später StumS, teumi); und wenn man bedenkt, wie leicht das 
Perf. der y/^ a^s, weil so häufig gebraucht, der Ausgangs- 
punkt einer Analogiebildung im urgerm. gewesen sein kann, 
so wird mancher geneigt sein, das % (ä) von berünp (für 
bhebhrunt) u. s. w. aus jenen beiden Formen übertragen sein 
zu lassen. Soviel steht fest, dass dem nach Einheitlichkeit 
der Formen strebenden Sprachgefühl des germ. der syncopirte 
Typus, welcher jeder einzelnen schw. Präteritalform eine eigen- 
artige Gestalt verleiht**, auf die Dauer unerträglich sein musste. 
Aber es fragt sich, ob jene beiden Formen als Ausgangspunkt 
der Uebertragung genügen. Ohne die Annahme von Ueber- 
tragungen — das wird jeder zugeben — lassen sich Formen 
wie sStünp = sassen nicht erklären. 



* Im lat. ist wahrscheinlich auch sedimus rein lautlich aus sez- 
ditnus zu erklären; ezd wurde zu ed wie izd zu id in nidus == idg. 
nizdd-s. — Ich erinnere nebenbei daran, dass ich mit meiner obigen 
Hypothese über das germ. einen Weg einschlage, vor dem Holtzmann Abi. 
55 und Germ. 9, 184 ausdrücklich, aber mit unzureichendem Grunde, 
gewarnt hat. 

** Die mit j anlautenden Verbalb äsen hätten z. B. bei streng 
lautlicher Entwicklung e = ind» e als synkopirten Typus haben müssen. 
V" 1 ya v 8 erfordert einem ya 4 ys- = ind. yös- gegenüber ein germ. yiz- ; 
dafür erscheint nach dem ahd. ein yez- unter dem Einfluss von ber- 
8$d- u. s- w. 



62 LEHRE V. D. PRATERITALEN STAMNBILDUNG IM GERM. 

Soviel über den syncopirten Typus. Ich komme jetzt zu 
demjenigen schw. Typus, der im idg. vor consonantisch anlau- 
tendem Suffix erscheint. Er ist in den meisten Fällen verdrängt 
durch den e-Typus; denn ind. babhrmd sollte im urgerm. bhe~ 
bhormS = borume entsprechen und einem idg. Sa l sa l dmd i müsste 
germ. ses&dmS resp. s&tumS antworten. Von beiden finden wir 
keine Spuren. Wir können annehmen, dass die Uniformirung 
der schw. Präteritalformen im Anschluss an den syncopirten 
resp. e-Typus einer ziemlich frühen Sprachperiode angehört. 

Wir haben nur in den schw. Formen der Prät.-Präs. 
diejenige schwache Stammform des idg. erhalten, die ursprüng- 
lich vor consonantisch anlautendem Suffix erscheint. Germ. 
skulum = skolmS kann nur einer Sprachperiode angehören, 
in welcher das germ. noch die beiden aus der idg. Grund- 
sprache geerbten schw. Stammformen besass ; skolmS für eigtl. 
skeskolmS wäre idg. 8ka i 8ka i lfnd i . Die Periode, in der skolmS 
entstand, muss also noch jene eben angesetzten bhebhorme, 
sesedmS besessen haben. Dasselbe gilt von germ. munum = 
monmS, memonmS, das auf eine Grundform ma x ma l nmd } zurück- 
zuführen und daher mit gr. usf.taf.isv zu identificiren ist. Bei 
beiden Prät.-Präs. ist der schw. Typus, der in der 1. Pers. Plur. 
erscheint, permanent geworden ; der syncopirte Typus, der in 
der 3. Plur. stehen sollte, ist durch jenen Typus verdrängt. Sind 
die gemeingerm. skolmS und monmS auf diese Weise zweifellos 
als alterthümliche Sprachreste aufzufassen, so bleiben bei an- 
dern Prät.-Präs. einige Bedenken. 

Zunächst handelt es sich um die schw. Form zum Sg. 
maga c ich kann. Im got. finden wir magum, im hd. magum 
und mugum, im as. mugun, im ae. magon und im an. 
megum. Welche von den drei Formen mugum, magum, 
megum ist als germ. anzusetzen? Wenn uns der zu 
Grunde liegende Wurzelvocal bekannt wäre, könnte die Ent- 
scheidung nicht schwer sein. Wahrscheinlich müssen wir, 
da begrifflich wie lautlich durchaus unzweifelhafte Angehörige 
des Prät.-Prä8. in den verwandten Sprachen fehlen, vom Sg. 
mdga ausgehen und eine \Z° mangln ansetzen. Zu dieser 
Wurzel aber könnte die 1. Plur. Perf. ursprünglich nicht 
anders als idg. ma^m^ghmS = germ. meghmS = megum ge- 



LEHRE V. D. PRÄTER1TALEN STAMMBILDUNG IM GERM. 63 

lautet haben; augenscheinlich wäre das an. megum dieser 
Grundform gleich. Die Formen der übrigen Dialecte wären 
leicht begreiflich: sie wären zu erklären aus einem Be- 
streben der Sprache, den sonst nicht auftretenden Ablaut 
a : e (mdga mggmi) in den geläufigeren Ablaut a : o (sk&la, 
skolumS) umzusetzen oder durch Uniformirung in a : a 
umzuwandeln. Zeigt das got. bei mag : magum die letzte 
Art der Neubildung, so scheint die erstere bei nah* vor- 
handen gewesen zu sein ; nach dem Part, nauhts zu schliessen 
bestand ein Plur. *nauhum = ae. nugon, der mit ahd. 
mugum : mag auf einer Stufe stehen würde. Auch hier 
wäre ein gerin* negumS (= got. nigwn oder naihum) das 
regelmässige. Die zugehörige Wurzel naß** ist aus allen 
idg. Sprachen bekannt; vgl. Curtius Grdz. 4 309. Dass sich 
im germ. neben dem Ablaut a : o auch ein Ablaut a : 6 
findet (germ. gandgas u. s. w.) ist von keinem Belang; wir 
haben hier ein sicheres Beispiel des Uebergangs einer 04- 
Wurzel unter die a } -Wurzeln; der Vorgang ist leicht zu be- 
greifen. 

Die bisherigen Auseinandersetzungen bezogen sich auf 
die 04 -Wurzeln mit einfacher Consonanz im An- und Aus- 
laut. Wir sahen, dass das germ. beide Stammformen theil- 
weise recht deutlich gewahrt hat. Als Formen von unan- 
fechtbarer Alterthümlichkeit sind Stum (etumi) und skolum 



* Dem entsprechenden neah des ae. gibt man oft diphthongisches 
ea. Das got. nah (Part, nauhts) zeigt, dass neah nugon wohl denkbar 
wäre; ae. neah : nugon = hd. mag : mugum; ae. nohte wie ahd. und 
as. mohta. Dooh konnte man im ae. von Plur. nugon aus ein Sg. 
neah mit diphtongisohem ea gebildet sein nach Analogie von deag : 
dugon = germ. daug dugum. 

** Ich kann mich nicht entschliessen, neben najc eine V° nannte 
gelten zu lassen. \Z° vex erscheint im gr. stets mit prothetischem Vocal ; 
ohne inneren Nasal ist gr. TroS-q-vex-ygi di-q-vexqg, rjvsyxov fasse ich als 
redupl. Aor. mit synkopirtem Wurzelvocal für i}-vtv€xov\ die eigentliche 
Form c-vtyxov verhält sich zu y/^ vtx wie fnwpvov zu V^ <p*v oder wie* 
$t€t/uov zu >/^ reju. Dasselbe gilt von gr. rjv&yxa. Man setzt im ind. 
verschiedene Wurzeln mit innerem Nasal an; sobald die Wurzel mit 
Nasal anlautet, liegt sehr oft der Verdacht nahe, dass das Präs. Redupli- 
cation gehabt hat und nachher von der Präs. -Formel nanx- aus (zu \Z° 
na x x) eine V~* nanx erschlossen wurde. 



64 LEHRE V. D. PRATERITALEN 8T AMMBILDUNG IM GERM. 

(skolumS) besonders hervorzuheben ; in jenem haben wir viel- 
leicht einen Ausgangspunkt für den germ. ^-Typus zu sehen ; 
in diesem erkennt man leicht eine Form, die den schw. Stamm 
repräsentirt, wie er ursprünglich stets bei consonantisch an- 
lautendem Personalsuffix galt. Die Bemerkungen, die sich 
auf Verben beziehen, deren Wurzel mit einfacher Consonanz 
an- und auslautet, gelten auch den Verben, deren Wurzeln 
mit unechter Doppelconsonanz an- und auslautet; das versteht 
sich nach den obigen Auseinandersetzungen von selbst. 

Es bleiben jetzt nur noch die Verben mit echter Doppel- 
consonanz im Anlaut zu besprechen. Ich habe oben schon 
angedeutet, dass ich mit meiner Auffassung von germ. brSkumi 
nicht allein stehe. Wir sahen dort, dass es unmöglich ist brökumS 
irgendwie lautgesetzlich zu erklären; ein idg. bhrabhragmd 
hätte durch bhrafihraigmS hindurch zu urgerm. brökum werden 
müssen, und von einer solchen Form verlautet nichts, brekum 
kann eben nur durch das Fortwuchern und Umsichgreifen 
des alten, ursprünglich sicher auf nur wenige Verba be- 
schränkten e-Typus erklärt werden : braka brekumS bildete sich 
nach sdta setumi, bdra bSrumS, die den 3-Typus ihrerseits 
auch selber nur durch Uebertragung haben können. Dasselbe 
gilt von germ. vrikumi (zu vrikö), dripumS (zu dr&pä), tr&dumi 
(zu trodo). Hier entsteht die Frage, ob das germ. keine 
Beste der alten Bildung mehr erhalten hat. Allerdings 
finden sich solche, aber sie wurden bis jetzt anders er- 
klärt. Es sind lauter Verben, deren Basis mit unechter 
Doppelconsonanz schliesst. Indem man bisher echte und 
unechte Doppelconsonanz nicht auseinander hielt, stellte 
man Verba wie prSskö, vrSsqd, grUsto, bristo ohne Bedenken 
zur Ablautsreihe bindd. Es versteht sich von selbst, dass 
der Vocal der Participia durchaus irrelevant für den Classen- 
charakter ist. Zur Ablautsreihe Hr6 gehörten ursprünglich 
einige Participia mit innerem ö, das bisher gänzlich missver- 
standen wurden, brokands, vrokands, trodands, dropands, 
flohtands sind aber Bildungen von unzweifelhaft urgerm. 
Gepräge, vgl. p. 39. Der innere Vocal dieser Participia ver- 
dankt seine Entstehung der vorausgehenden Liquida. Dasselbe 
gilt, wie wir eben daselbst sahen, von den Part, brostands 



LEHRE V. D. PEÄTERITALEN STAMMBILDCJNG IM GERM. 65 

proskanäs vrosqands (zu brestd priskd vrSsqo); sie ver- 
danken ihr tf nicht der — nur scheinbaren — Doppel- 
consonanz im Auslaut der Verbalbasis, sondern der vor- 
hergehenden Liquida. Wenn aber die unechte Doppelcon- 
sonanz mit einfacher Consonanz gleichwertig ist, so müsste 
man nach Analogie von brekumS, sprökumS, dripumS auch bei 
Verben mit auslautender unechter Doppelconsonanz in der 
schw. Präteritalform den ^-Typus erwarten. Das Thatsächliche 
über diese Verben, soweit die Formen belegt und nicht im 
Einzelleben eines Dialectes durch dessen specielle Lauteigen- 
thümlichkeiten irrelevant geworden sind, ist dies: 

gnSsto: an. Prät. gnast gnustum. 

bristö: an. as. ahd. brast brustum; ahd. auch brästum. 

prtekb : ahd» drask druskum. 

Wir können nach diesen Belegen den Satz aufstellen, 
dass der e-Typus im urgerm. die Verben mit unechter Doppel- 
consonanz im Auslaut noch nicht ergriffen hat. Während für 
altes bebrokmS (bhebhrogmS) ein brökumö, für spesprokmi ein 
sprekumS nach Analogie von sHumS u. s. w. eintrat, dauert 
altes bebrostmS weiter fort. Wir haben also in den Präterital- 
stämmen brost-, gnost-, prosk- nicht sowohl Bildungen wie 
bundumi, vordume u. s. w., sondern vielmehr Beste des alten 
schw. Typus, der ursprünglich bei Verben wie brekö sprSkd 
u. s. w.' vorhanden gewesen sein muss. 

Fassen wir die Resultate über die Bildung des schw. 
Präteritalfitammes bei den Verben der Ablautsreihe bird zu- 
sammen, so ergeben sich folgende Gesichtspunkte. 

Der aus der Grundsprache geerbte doppelte Typus des 

schw. Präteritalstammes dauerte in der ältesten Periode des 

germ. lebendig fort. Derjenige Typus, welcher ursprünglich 

vor consonantisch anlautendem Suffix berechtigt war, hat sich 

nur bei den Prät.-Präs. ( skal man mag nah) erhalten und zwar 

über die ganze schw. Präteritalform verallgemeinert. Der 

syncopirte Typus wurde nach der Entstehung der Prät.-Präs. 

durch den räthselhaften ^-Typus ersetzt und dieser beherrschte 

dann den schw. Präteritalstamm mit Verdrängung des Typus, 

der vor consonantisch anlautendem Suffix bestand. Die Verba 

mit anlautender Doppelconsonanz, deren zweites Element Nasal 
qf. xxxn 5 



66 LEHRE V. D. PRATERITALEN STAMMBILDUNG IM GERM. 

oder Liquida war, bildeten ursprünglich eine Ablautsklasse 
für sich; sie hatten nur eine schw. Präteritalform ; derVocal 
derselben (9) stimmte überein mit dem entsprechenden Ab- 
lautsvocal der Reihe bindö. Die Präteritalbildung derselben ge- 
rieth noch in vorhistorischer Zeit in Unordnung, indem einzelne 
Verba in die Analogie der Ablautsreihe b&rö übertraten. Zu- 
letzt blieben nur noch die Verba mit unechter Doppelconsonanz 
im Wurzelauslaut in der alten Classe ; sie behielten ihre Bildung 
bei, doch auch hier nicht ohne Schwanken nach dem £-Typus. 

3) Es bleibt noch die präteritale Stammbildung der a 1 - 
Wurzeln im germ. zu untersuchen. Die Erklärung, die hier 
im Anschluss an die oben aufgestellten idg. Paradigmata ge- 
geben wird, hängt mit den Untersuchungen über den Voca- 
lismus so eng zusammen, dass derjenige, welcher sie verwirft, 
zuerst ihre Grundlage, das im 1. Kapitel entworfene System 
des Vocalismus, widerlegen muss. Aus demselben Grunde 
halte ich es für unnöthig mich hier in eine Polemik anderer 
Auffassungen einzulassen. Ich behandle zunächst die ab- 
lautenden a 1 -Wurzeln. 

a) Die Ablautsreihe dkö unterscheidet sich von den 
Reihen bird und Mndd durch den Mangel der Stammabstufung 
im Präteritum, bdra : birumi und bdnda : bundumS stehen sich 
streng gegenüber; oka ökume sind ohne Ablaut. Mit derselben 
Gewissheit, mit der man jene Abstufung heute allgemein als 
uraltes Erbgut ansieht, hat man das Fehlen derselben bei 
oka dkumi für unursprünglich zu halten. Das Princip der Ab- 
stufung durchdringt die ganze Perfectbildung des idg. und 
für die a 1 -Wurzeln wird sie, wie wir oben sahen ; durch das 
gr. und lat. erwiesen. Dem germ., das die verbale Stamm- 
abstufung sonst weit treuer erhalten und geschützt hat als 
andere idg. Dialecte, ist sie hier völlig fremd. Wie hat man 
sich dies zu erklären? 

Zu >/** ka } p lässt sich nach den obigen Bemerkungen 
folgende präteritale Stammbildung construiren : ka*kä 2 p- als st., 
k a Jca\p- als schw. Stammform; jenem sollte germ. hehof-, diesem 
hehab-, resp. hof~, hab- entsprechen ; wir finden hof- und hdb-.' 

Dem germ. Sprachgefühl drängte das Princip der Ab- 
stufung bei den a A -Verben das Vorurtheil auf, als wäre eine 



LEHRE V. D. PRATERITALEN STAMMBILDUNG IM GERM. 67 

strenge Sonderung des ganzen Prät. gegen das Präs. zur 
Tempuscharakteristik nothwendig: birö unterschied sich in 
der Formation der Wurzelsilbe nicht allein von bdra (= 
bhebhdraj, sondern auch von Mrumi; bindo wich von bundurni 
so scharf wie von bdnda ab ; vgl. auch bt'tö gegenüber bdita, 
bitumS; bSudö gegenüber bduda budumS, Dieser Unterschied 
des Präs. gegen das ganze Prät. wurde Princip der Tempus- 
bildung. Ein Plur. habumS (zum Sg. hofaj konnte sich wegen 
der Uebereinstimmung des inneren Vocals mit dem Präs.-Vocal 
nicht halten ; die Sprache sondert das Prät. dadurch vom 
Präs. ab, dass die st. Stammform an die Stelle der angeerbten 
schw. Stammform eindrang. Ist diese Erklärung richtig, so 
scheint sich zu ergeben, dass die Uniformirung von hofa habumS 
zu hofa köbumi erst mit dem Schwunde der Reduplication 
eingetreten sein kann. Doch fehlt es an weiteren Beweis- 
punkten für diese Chronologisirung. Wir hatten oben bei der 
Untersuchung über die Ablautsreihe bSrd einen bedeutenden 
Anhalt für die Chronologie an den aller Wahrscheinlichkeit 
nach einer sehr frühen Sprachperiode entstammenden Prät.- 
Präsentien. Für die a x -Wurzeln fehlt uns ein solcher An- 
halt ; denn das einzige gemeingerm. mota mötumS könnte sehr 
wohl auf einer späten Uniformirung für älteres und echtes 
mota matumS beruhen; und got. 6g dgum beweist für das 
germ. ebensowenig als got. mag magum. 

Folgende Verba des germ. sind nach Ausweis der ver- 
wandten Sprachen mit Bestimmtheit auf a 1 -Wurzeln zurück- 
zuführen : 

1) dkö trage, gr. ayo), lat. ago. v° <^g* 

2) dlö nähre, lat. alo. y° aH. 

3) dnö hauche, gr. avspoc, lat. animus. y/~ a^n. 

4) dgo erschreche, gr. ayoq. \Z° a : gh. 

5) hdfjo = lat. capio. y/^ jca^p. 

6) sdfjö = lat. sapio. y/^ sa l p. 

7) Idho tadle, gr. y° Xay. in XdoxM. y° la l k. 

8) Idpd lecke, lat. lambo. y/^ la ] b? 

9) rafö = lat. rapio. y^ ra*p. 

10) skdbd — lat. scabere. y° ska ] bh. 

11) vddd waten vgL lat. vädum. \/~* va } dh. 



5* 



68 LEHRE Y. D. PRÄTERITALEN STAMMBILDUNG IM GERM. 

12) skdkd schüttle, Kz. 23, 214. \T ska^g. 

13) dabo, Fick VII, 144; Bb. II, 198. \T dha>bh. 

14) skapjd = gr. axanva). \/~ ska l ph. 

15) dräbö haue, Pick Bb. II, 199. \f> dhra l bh. 

16) stdpjd schreite, Fick VII, 345. \T sta^ph. 

17) hndbd schneide; gr. y^ xw*y-. 

18) stando (?J stehe; \P staH? 

In der Ablautsreihe dko sind eine Reihe Verba, denen 
a^ -Wurzeln zu Grunde liegen ; der Uebergang aus der einen 
Reihe in die andere vollzog sich vom Präs. aus, das unten 
seine Erklärung finden wird. 

Die übrigen Classen ablautender a 1 -Wurzeln gehören 
zu den redupl. V. Ihr Präsens hat nicht starke Vocalstufe, 
sondern Dehnung; daher erhielt sich ihre Präteritalredupli- 
cation. 

Aufschluss über die präteritale Stammbildung bei redupl. V. 
gibt uns nur das got., da die übrigen Dialecte die ursprünglich 
zweisilbigen Stämme fast durchweg in einsilbige umgewandelt 
haben. Wir wissen daher von manchen redupl. Verben nicht, 
wie ihr Prät. im urgerm. gelautet haben könnte. Natürlich 
bezieht sich diese Bemerkung nur auf solche Verba, bei denen 
Ablaut möglich war. Und wenn wir dem got. in so vielen 
Fällen auch trotz seiner hohen Alterthümlichkeit hinsichtlich 
der Bestimmung der germ. Grundformen nur die geringste 
Bedeutung von allen Dialecten beimessen dürfen, so hat es 
uns doch zweifellos in der präteritalen Stammbildung der 
Verba mit präsentischem $ das urgerm. Princip bewahrt. 
Got. saisö beruht auf einer y° sa 1 (vgl. lat. sa-tusj; germ. 
sSsoa steht daher ebenso fest wie etwa germ. öna ich habe 
gehaucht (got. 6n) zu y/~* a * n (gr. uvs[.to<;). Wie aber wird 
die Grundform des ae. cneow (zu cnäwanj sein? DerPräsens- 
vocal des germ. knäjö wird dem gr. yiyvwoxw zu Folge kaum 
als Vocal der a 1 -Reihe gelten dürfen; daher ist die Frage 
berechtigt, ob ae. cneov auf kiknöa und nicht vielmehr auf 
kSknea beruht. 

Wir können also nicht immer die germ. Grundformen 
der redupl. Prät. sicher construiren, sobald das got. versagt. 

Zu got. Uta lautet das Prät. lattdt, dessen innerer Vocal 



LEHRE V. D. PRATERITALEN STAMMBILDUNG IM GERM. 69 

unbedingt germ. sein muss, da wir durch nichts zur Annahme 
einer spontanen Vocalfarbung resp. Steigerung für das got. 
genöthigt werden. Das Verhältnis von saislip zu &Upa bleibt 
allerdings dunkel; vielleicht war der Präsensvocal nicht ä l , 
sondern Vocal der a L -Reihe, dann könnte die Anomalie nur 
eine scheinbare sein. Man wird aber durch Formen wie 
saisUp aufmerksam, dass es voreilig wäre redupl. Prät. der 
aussergot. Dialecte zu Präs. mit ä ($J ohne weiteres mit 6 
anzusetzen, sobald eine entsprechende Form des got. fehlt: 
ae. dregrd (zu dr&danj kann an und für sich ebenso gut 
auf didroda als auf dSdrSda beruhen. Präs. mit innerem 6 
können im Prät. wohl nur den Präsensvocal gehabt haben; 
eine Steigerung von 6 ist undenkbar; aus dem got. sind nur 
hvaihvop und faiflök (zu hvdpa und *flöka) belegt. 

Die präteritale Abstufung ist den redupL-abl. V. in Ueber- 
einstimmung mit den bloss ablautenden Verben der Reihe dkö 
fremd. Die Theorie, die eben für den Mangel des Ablauts 
in oka dkumS aufgestellt ist, bedarf hier der Nachprüfung. Ich 
sprach mich dahin aus, dass erst unmittelbar nach dem Verlust 
der Reduplication die Angleichung des Plur. an den Sing, 
stattgefunden hat. Gegen diese Annahme scheinen die redupl. 
Prät. wie got. laildt lalldtum, gaigrdt galgrötum u. s. w. zu 
sprechen; sie scheinen folgende Parallelentwicklung als ge- 
meingerm. vorauszusetzen. 

lelöda : leUdmS = kekopa : kekapmS 
lelöda : lelddmS — kekopa : kekdpmS 
lelöda : lelMum6= kopa : kdpumS 
Ulota : Ul6tume= hofa : hobumi 
Ulöt : Uldtum = hdf : hobum. 
Möglich ist diese Entwicklung an sich sehr wohl. Ich 
sehe aber nicht, wie dann der Mangel der Abstufung in der 
zweiten Reihe zu erklären ist. 

Oder sollte das Princip der Erklärung, das oben für 
hofa, höbumi aufgestellt würde, am Ende doch Geltung haben? 
Das Fehlen der präteritalen Abstufung — dieser Punkt 
ist .allein schwierig in der Flexion der redupl.-abl. Verba — 
müsste dann als Nachbildung des Fehlens des Ablauts in hofa 
hdbumS erklärt werden. Halte ich an dieser Hypothese fest, 



70 LEHRE V. D. PRATERITALEN STAMMBILDUflG IM GERM. 

so besteht für mich folgender chronologischer Zusammenhang 
für die Uebereinstimmung der permanenten Steigerung in hofa: 
hobutnS und Ulöta : Ulötume; 

leloda : lelidmS = keköpa : kekapmi 

leloda : IdHmS — köpa : kopmS 

leloda : lelodmS = köpa : kopmi 

Ulöda : Ulddme = köpa : kopmL 
Zu festen Resultaten wird man — befürchte ich — über- 
haupt in Betreff des Ablauts reduplicirender Verba nicht ge- 
langen können, da die aussergot. Dialecte wegen der Um- 
wandlung der redupl. in abl. V. versagen. Das aber scheint 
doch durch das got. erwiesen zu werden, dass bereits im ur- 
germ. die Verba mit präsentischem & (ä) nur eine Stamm- 
form im Prät. gehabt haben. 

4) Ueber die reduplicirenden Verben, bei denen Ablaut 
nicht möglich ist, haben wir nichts wesentliches zu bemerken. 
Zu Grunde liegen denselben a 1 -Wurzeln mit auslautender 
Doppelconsonanz, deren erstes Element die Halbconsonanten 
l n i u bilden; dass Verba der Formel a l rx und a ] mx fehlen, 
kann nur zufällig sein. Das Fehlen des Ablauts bei Wurzeln 
der Formel a l xx ist urgerm. und zugleich idg. wie wir bereits 
sahen. Nur für wenige redupl. nicht abl. V. lassen sich zu 
Grunde liegende a 1 -Wurzeln nachweisen; z. B. germ. aukd, 
Prät. eauka beruht auf V° a 1 w#; vgl. lat. augeo. Es finden 
sich hier einige Verba, die ursprünglich der redupl. Classe 
nicht angehören, da sie aus a i -Wurzeln hervorgehen und ihr 
a im Präs. auf speciellen Präs.-bildenden Principien beruht, 
über die unten zu handeln ist. Der Uebertritt dieser Verba 
zu den redupl. V. erklärt sich vom Präsens aus ohne Schwierig- 
keit. 



§2. 

DIE GERMANISCHE REDÜPLICATION UND IHRE GESCHICHTE. 

Man hat oft eine Chronologie des starken Verbs im 
germ. verlangt. An sich könnte manchem die Forderung 
so unberechtigt scheinen wie etwa die Forderung einer Ge- 



DIE GERM. REDUPLICATION UND IHRE GESCHICHTE. 71 

Geschichte des gr. und ai. Yerbs. Aber am germ., so viel 
stellt sich immer mehr heraus, lässt sich besser als an anderen 
idg. Dialecten die Entwicklung der Sprache studiren. Wir 
können für das germ. wirklich von einer Geschichte des st. 
Prät. reden und ich werde im folgenden den Versuch machen 
alle Erscheinungen der Perfectbildung nach lautlichen That- 
sachen chronologisch zu ordnen. 

Der Ausgangspunkt der Chronologie und zugleich der 
interessanteste Theil der germ. Perfectbildung ist die Redupli- 
cation. Ich habe über sie einiges vorauszuschicken, ehe ich 
an die eigentliche Aufgabe gehe. 

1) Es gehört zu Scherers Verdiensten um die germ. 
Grammatik, der bis zum Erscheinen von zGDS herrschen-, 
den Auffassung des ai der got. Reduplication als Diphthong 
ein Ende gemacht zu haben. Schon Ettmüller Lex. Ags. lx 
f. hat auf Grund der redupl. Prät. des ae. mit Entschieden- 
heit die Annahme vertreten, die jetzt durch Scherer bei uns 
zur gesetzmässigen Alleinherrschaft gelangt ist, mit weniger 
Entschiedenheit auch Aufrecht Kz. I, 475 und Gislason (vgl. 
Sievers PBb. 1, 505). 

Während der Reduplicationsvooal e auch durch die ausser- 
got. Dialecte bezeugt wird, sind wir, was die consonantischen 
Verhältnisse der Reduplication anbetrifft, durchaus auf das got. 
angewiesen. Die schöne Uebereinstimmung, in der wir das- 
selbe in diesem Punkte mit den übrigen idg. Sprachen finden, 
zwingt uns, die got. Gesetze der Reduplicationsbildung als 
urgerm. anzuerkennen : einfache Consonanz und unechte Doppel- 
consonanz im Wurzelanlaut werden in der Reduplicationssilbe 
treu reflectirt; lautet die Wurzel mit echter Doppelconsonanz 
an, so erscheint nur das erste Element in der Reduplications- 
silbe.* Daher können die got. fatf&h, faifalp, staistald, 
skaiskdid, faifldk, gaigrot, saislep, faifräis in Bezug auf die 
Bildimg der Reduplication als treue Reflexe germanischer und 



* Got. hvaihvdp kann natürlich nicht als Ausnahme gelten J hv 
ist keine Doppelconsonanz. Dass es den "Werth einfacher Consonanz 
hat, lässt sich daraus erklären, dass es meist die regelmässige Ent- 
wicklung eines k ist. 



72 DIE GERM. REDUPLICATION UND IHRE GESCHICHTE. 

vorgerm. Formen gelten. Dass man von den aussergot. Dia- 
lecten keine Berechtigung erhält urgerm. redupl. Prät. mit 
echter Doppelconsonanz in der Reduplicationssilbe anzusetzen, 
ist fast allgemein zugegeben; dem germ. darf man ebenso 
wenig Ungeheuerlichkeiten des Typus hlihlaupa (an. hljop = 
ae. ' hleop = hd. hliof) aufbürden als etwa dem idg. Unformen 
wie bhrabhrdma bhrabhräga u. s. w. (s. oben S. 55). Den 
psychologischen Vorgang, der verbunden ist mit den schein- 
baren Unregelmässigkeiten der westgerm. und an. Prät. von 
redupl. V., die mit echter Doppelconsonanz anlauten, hat 
Scherer in seiner bekannten Behandlung der redupl. V. (Z. 
f. östr. Gymn. 24, p. 296) schön klar gelegt: 'Sowie durch 
einreissende Verschweigung des Wurzelvocals die Integrität 
des Wortes in Frage gestellt ist, so tritt auch die Correctur 
ein. Strenge Durchführung der Regel würde (von germ. 
dedrdda) zu dedrd, etwa derd, schliesslich dSd führen. Da 
bilden die übrigen nicht reduplicirenden Formen des Wortes 
ein Correctiv: dr- tritt in den Anlaut. Die Sprache ahnt, 
dass dSd entstehen müsste, sie beugt rechtzeitig ein durch ein 
an sich ganz irreguläres, nach keiner Regel zu rechtfertigendes 
dreord*. Auch Joh. Schmidts Bemerkungen über denselben 
Gegenstand (Vocal. II, 436) verdienen hervorgehoben zu 
werden. 

Aus seinen wie aus Scherers Erörterungen folgt ? dass 
die einsilbigen Präteritalstämme reduplicirender Verba im 
westgerm. und an. durchaus nicht dazu angethan sind die 
Gesetze zu widerlegen, welche wir für die Bildung der Präte- 
ritalreduplication aus dem got. und den übrigen idg. Sprachen 
als urgerm. erschliessen können. 

2) Den Unterschied in der Bildung der reduplicirten 
und der nicht reduplicirten Präterita hat meines Wissens zu- 
erst Th. Jakobi Beitr. p. 64 erkannt: das Prät. von salto 
trug im Prät. den Accent auf der Reduplication, das Präs. 
von gibd auf der Wurzelsilbe: sSsalta stand einem gegaha 
gegenüber. Auch nach Jakobi hat man die Betonung der 
redupl. Prät. des öfteren hervorgehoben. Seit wir aber über 
die urgerm. Accentuation Aufschluss haben, ist die Thatsache 
nicht mehr in derselben Weise wie früher beachtet worden. 



DIE GERM. REDUPLICATION UND IHRE GESCHICHTE. 73 

Sie soll hier nach allen Seiten hin geprüft werden. Zunächst 
entsteht die Frage, in welcher Periode ist die Accentverschie- 
bung des später xar iioy^v redupl. Prät. eingetreten? Denn 
dasseine solche vorliegt, bedarf nach den Auseinandersetzungen 
des § 1 keiner weiteren Beweise. Die chronologische Bestimmung 
der Accentverschiebungen ist nach dem Verner'schen Gesetz von 
der Lautverschiebung aus zu fixiren : die grosse Accentverschie- 
bung des germ. fällt in die Periode nach der Lautverschiebung. 
Es kann a priori nicht zweifelhaft sein, dass die Accentver- 
schiebung, welche wir für die redupl. Prät. vorauszusetzen 
haben, mit der grossen Accentverschiebung in gar keinem 
Connex steht. Denn das Wesen der letzteren besteht darin, 
den formbildenden Elementen den ihnen ursprünglich zu- 
kommenden Accent zu entziehen und ihn den Wurzeln, resp. 
Stammsilben zu geben. Aber die Accentverschiebung, welche 
wir für die redupl. Prät. voraussetzen müssen, hatte umge- 
kehrte Wirkung : der Accent wurde der Wurzelsilbe entzogen 
und auf ein formbildendes Element übertragen. Man sollte 
glauben, dies sei nur nach der Accentverschiebung möglich 
gewesen ; denn wenn in einer Periode vor der grossen Accent- 
verschiebung eine Uebertragung des Accentes von der Wurzel- 
silbe auf die Reduplication stattfand, so hätte das alte Ver- 
hältnis durch die grosse Lautverschiebung in integrum restituirt 
werden müssen; wenn also sesdlda zu sisalda, dann sisalta 
geworden wäre, so würde die Periode der grossen Accent- 
verschiebung dies zu sesdlta umgeändert haben müssen. Das 
ist aber nicht der Fall. Es bleibt noch folgende zweite Mög- 
lichkeit: Die Reduplication hatte sich über die Lautverschie- 
bung und die grosse Accentverschiebung hinaus bei allen 
Verben erhalten ; es bestand gegdba neben sesdlta (nicht ghe- 
ghäbha neben sesdlda) und hieraus wurde gdba und sesdlta. 
Aber diese Möglichkeit streitet gegen die Thatsachen des 
Verner'schen Gesetzes; urgerm. sesdlda konnte durch die 
Lautverschiebung nur zu sezdlta werden. Wir finden aber 
thatsächlich nirgends die Spur eines redupl. Prät. des Typus 
sezalta, vielmehr weist alles mit Notwendigkeit auf ein germ. 
sesalta hin und damit wird die Form als Proparoxytonon für 



74 DIE GERM. REDUPL1CATI0N UND IHRE GESCHICHTE. 

die Zeit vor der Lautverschiebung erwiesen. Ich bringe zu- 
nächst den Beweis für diesen Satz. 

Verner in seinem berühmten Aufsatz eine Ausnahme 
der ersten Lautverschiebung (Kz. 23, 97 — 130), welcher der 
germ. Grammatik neue Arbeiten und der idg. Philologie neue 
Bahnen angewiesen hat, kommt einmal (p. 107) unserm 
Problem nahe, doch ohne sich in eine ernste Untersuchung 
einzulassen. Ich schreibe folgende zwei Paradigmen aus, die 
Verner dort gegeben hat. 

1) \P fanh, fang 'capere 

an. fd fekk (für *fSnk *fing) fdngum fenginn 
ae. fön (aus fdhan) f&ng fengon fangon 
as. fähan fing fingum fangan 
ahd. fähan fiang fiangum fangan. 

2) y° hanh, hang 'pendere 

an. (hanga) hikk hengum hanginn 
ae. hdn heng hingon hangen 
as (h&han heng hengunj hangan 
ahd. hdhan hiang hiangum hangan. 

Verner hatte kurz vorher den grammatischen Wechsel 
der abl. V. an zahlreichen Beispielen veranschaulicht und 
glaubte in den beiden genannten redupl. V. eine Störung 
desselben annehmen zu können: 'die tonlose Fricativa zeigt 
sich nur in den Präsensformen, während das Prät. Sg. sich 
den übrigen Präteritumsformen anschliesst und tönende Ex- 
plosive aufweist'. Diese Annahme ist entschieden zurückzu- 
weisen. Der grammatische Wechsel des st. Prät. ist bei den 
abl. V. ganz ohne Störung im germ. gewesen; es gibt kein 
Beispiel, in welchem bereits grundsprachlich der grammatische 
Wechsel des st und des schw. Präteritalstammes bei einem 
ablautenden Verb in derselben Weise wie bei y/~* fanh und 
hanh in Schwanken gerathen ist. Und es ist auch nicht zu 
begreifen, wie es gekommen sein könnte, dass der gramma- 
tische Wechsel in den obigen zwei Beispielen gestört sei. Die 
Sache verhält sich vielmehr folgender Massen. 

Der germ. Ablaut der beides Basen fanh und hanh war 
folgender : 



DIE GERM. REDUPLICATION UND IHRE GESCHICHTE. 75 

fdnhd fifanga fifangume fangands 
hdnhd hShanga hShangume hanganäs. 

Ich behaupte also, dass der gemeingerm. Mangel des 
grammatischen Wechsels im Prät. bei beiden Verben auf ur- 
germ. Betonungsverhältnissen beruht; und zwar trug die Re- 
duplicationssilbe in der starken wie in der schw. Stammform 
den Accent. Die oben geforderte Accentverschiebung muss 
nach dem Vernerschen Gesetz vor die Lautverschiebung fallen ; 
denn jene Formen können nur auf unverschobenen 
pdnkd pSpanka pipankme pankands 
kdnko kikanka kikankme kankands. 
beruhen. 

Aber hiermit ist nicht erschöpft, was sich zu Gunsten 
meiner Annahme beibringen lässt. Zunächst stelle ich hierher 
folgendes a-Verbo. 

skdipö skeskaida skiskaidume skaidanäs. 

Diese Formen bedürfen einer eingehenden Erörterung 
um endlich der noch immer cursirenden Annahme einer y° 
skid, die weder für die urgerm. noch für die hd. Lautver- 
schiebung empfindlich gewesen wäre, ein- für allemal ein Ende 
zu machen. In der Dentalreihe ist das germ. von früh an 
bis ins hd. hinein der Lautverschiebung am zugänglichsten 
gewesen; und in hd. scheiden sollen wir einen Angehörigen 
der \Z° skid sehen? Wem Verners glänzende Untersuchung 
über den Accent den alten Glauben an so und so viele 
sporadische Ausnahmen der Lautverschiebung nicht benommen 
haben, der hat ihren Werth nicht begriffen. Seit die grosse 
Ausnahme der Lautverschiebung ihre Erklärung gefunden 
hat, ist die Annahme von sporadischen Ausnahmen durch- 
aus unstatthaft. Ich verweile, ehe ich zu germ. skaip- 
zurückkehre bei zwei Beispielen, von denen das eine die 
Gesetzmässigkeit der Lautverschiebung darthun soll, das 
andre die Nothwendigkeit mit doy gründlichen Verwerthung 
des Verner'schen Gesetzes Ernst zu machen. Man hat bisher 
den germ. Stamm mazga- (m. n.) == Mark (Fick VII, 236) 
allgemein mit einem idg. Stamme mazga- identificirt und sich 
aus wer weiss welchen Gründen für berechtigt gehalten eine 
Ausnahme der Lautverschiebung anzunehmen. Das ist ent~ 



76 DIE GERM. REDUPLICATION UND IHRE GESCHICHTE. 

schieden zurückzuweisen. Es ist nach dem Vorgang von 
Hübschmann Kz. 24, 406 ein idg. Stamm mazgha- anzusetzen ; 
germ. mazga- ist regelmässig verschoben (vgl. mizdds = idg. 
mizdhäs); ksl. mozgü und zd. mazga (beide = Mark) er- 
heben keinen Einwand gegen idg. mazghd-, und sk. majjä 
kann sehr wohl für majjhä stehen, da die Lautgruppe jjh 
bekanntlich unsanskritisch ist. Somit liegt nichts vor, was 
ein idg. mazga- und die Annahme einer Unregelmässigkeit in 
der germ. Lautverschiebung nöthig macht. 

Ueber got. parf paurbum hat das eigenthümliche Ge- 
schick gewaltet, dass es vom Entdecker des germ. Accent- 
gesetzes selbst missverstanden ist. Ich finde bei Pick VII, 
132 die germ. Wortsippe mit ksl. treba /. negotium ver- 
glichen, also auf eine V° tarbh zurückgeführt; und Verner 
hält ZfD A 21, 433 an dieser Wurzel fest. Aber wir haben als 
germ. Basis nicht parb, sondern parf anzusetzen und ein ur- 
sprüngliches tapp zu Grunde zu legen. In Betreff des 
grammatischen Wechsels in got. Parf paurbum hatte bereits 
Holtzmann ad. Gr. p. 34 theilweise das richtige erkannt : das 
hds darf durfum beweist, dass das / von got. parf und der 
grammatische Wechsel von parf : paurbum echt germ. ist. 
Wir haben demnach mit Braune PBb I, 523 eine y^ tarp 
anzusetzen und ksl. treba von der germ. Wortgruppe fern zu 
halten. Vielleicht kann man, worauf mich Prof. Hübschmann 
aufmerksam macht, an zd. y/~* trp denken, die Js. 11, 17 in der 
Bedeutung wegnehmen erscheint ; die Stelle lautet : yd mäm tat 
draond zindt vd trfydt vd apa vd yasäte, yaf dathat ahurö maz- 
ddo . . . = wer mich dieser Opfergabe beraubt oder sie wegnimmt 
oder mit Gewalt entwendet, welche Ahura Mazda gab .... 
(vgl. Ztsch. d. deutsch. Morgenl.-Ges. 26, 457). Der Sinn der 
Stelle ist zweifellos, die Bedeutung der y° trp durch die 
Pehlevi - Uebersetzung gesichert. Wir hätten, wenn die Zu- 
sammenstellung mit germ.. per f, parf berechtigt ist, woran ich 
nicht zweifle, der idg. v^ ta v rp die Doppelbedeutung *1) ent- 
behren 2) entbehren machen = wegnehmen, zuzuschreiben. 
Germ, pärfa bedeutete dann Ich habe des . . . entbehrt* = 
'ich bedarf des . . .' Begrifflich wie formell scheint das germ. 



DIE GERM. REDÜPLICATIOK UND IHRE GESCHICHTE. 77 

Yerb nach dieser Erörterung völlig aufgeklärt. Eine andre 
Erklärung hat Zimmer QF 13, 303 vorgeschlagen. 

Man sieht an dem letzten Beispiele, wie schwer es viel- 
fach ist, sich von älteren Aufstellungen loszusagen. Ficks 
germ. Wörterbuch darf bis auf weiteres eher als hinderlich denn 
forderlich bezeichnet werden; seine Grundformen haben oft 
keinen Werth mehr und ohne Nachprüfung wird man seinen 
Aufstellungen nie glauben dürfen. Ich verweise zum Belege 
meiner Behauptung auf p. 335, wo man über got. skaidan 
und verwandte Aufklärung zu finden hofft. Hfl. skeidan und 
as. skedan skeihan weisen zweifelsohne auf germ. skaipan 
hin. Wäre nun der grammatische Wechsel von skäipö dem 
der abl. V. völlig gleich gewesen, so Hesse sich die Störung 
nicht begreifen, die wir für das got. skdida = ae. scdde 
voraussetzen müssen. Im got. zeigt sich bei den abl. V. fast 
überall, wo das germ. grammatischen Wechsel hatte, Ver- 
allgemeinerung im Anschluss an die st. Stammform; wir 
hätten bei skdida bei jener Annahme ein vereinzeltes Bei- 
spiel einer Verallgemeinerung der schw. Stammform. Im ae. 
ist der grammatische Wechsel der abl. V. treu bewahrt; ein 
ursprüngliches scdda seid seidon seddan aufzugeben hätte kein 
Grund vorgelegen. Die Disharmonie, in der wir die germ. Dia- 
lecte finden, erklärt sich nur bei der Annahme des an die Spitze 
gestellten a-Verbos: der grammatische Wechsel der redupl. 
V. gegenüber dem der abl, V. wurde der Sprache völlig un- 
verständlich ; so gerieth jener, nur bei wenigen Verben be- 
rechtigt, früh ins Schwanken. Und das Product dieses 
Schwankens ist die Uniformirung der Dentale im got. und ae. 
einerseits und im as. und ahd.* andrerseits. Sind, wir auch 
diesen Bemerkungen zu dem Ansatz eines germ. 

skäipö skeskaida skSskaidme skaidanas 
berechtigt, so müssen wir diese Formen dem Verner 'sehen 
Gesetz zu Folge auf ältere 



* Die Formen dieses Dialects sind am auffälligsten. Grimm setzt 
— und mit Recht, Tgl. Graff — ein seeidan sciad sciadumös seeidan 
als ahd. a-Verbo an. Das Fehlen des grammatischen Wechsels wäre 
durchaus unbegreiflich, wenn derjenige der redupl. V. identisch mit dem 
der Abl. V. wäre. 



N 



78 DIE GERM. REDUPLICATION UND IHRE GESCHICHTE. 

skditd skSskaita skSskaitme skaitands 
zurückzuführen. Die Annahme einer y° skait wird manchem 
anstössig sein; sie ist meines Wissens aus den verwandten 
Sprachen nicht zu belegen. Wer aber dem ai. oder dem gr. 
die Berechtigung zugesteht, für die idg. Wurzelperiode, bis 
zu welcher die historische Grammatik der Grundsprache noch 
kaum vorgedrungen ist, Wurzeln zu erweisen, 4ie wir in den 
übrigen Dialecten nicht finden, wird sich doch wohl seit Ver- 
ners Entdeckung zu dem Glauben haben bekehren lassen, dass 
das germ. wie in der Laut- und Formenlehre, so auch im 
Wortschatz an Alterthümlichkeit jenen beiden Dialecten nichts 
nachgibt. Zudem haben die Wurzeln für uns nur den Werth 
als Mittelpunkt einer lautlich zusammengehörigen Wortgruppe 
zu dienen; die Art und Natur der Wurzellaute ist an sich 
völlig gleichgiltig. 

Ich komme zu einem vierten Verb, das meine Theorie 
der Accentverschiebung bei den redupl. Prät. stützt, 
fdlpd fefalda föfaldme faldands. 

Hier wie bei fäha und häha kann got. falpa faifalp 
nichts beweisen ; der Plur. Prät., der nicht belegt ist, in- 
teressirt auch wenig. Das Hauptinteresse concentrirt sich um 
das ahd. Verb. Schon Holtzmann ad. Gr. p. 292 hat auf 
das Schwanken zwischen faldan und f altern hingewiesen und 
es aus dem grammatischen Wechsel erklärt; aber darin irrt er 
mit Verner, dass er den grammatischen Wechsel der redupl. 
V. identificirt mit dem der abl. V. Mit Recht setzt Grimm 
als ahd. a-Verbo ein faldan fiald ßaldumSs faldan. Nur aus 
einer Verschiedenheit zwischen beiden Arten des grammatischen 
Wechsels erklärt sich das Schwanken des Dentals von faldan 
xmdfaltan. Das ae. V. fealdan ist für unsere Frage gleichgiltig, 
da Id nach engl. Lautgesetzen germ. Ip und Id entsprechen kann. 
An. falda hat für uns ein Interesse. Lautgesetzlich hätte 
germ. falpan ein an. falla ergeben ; diese Form ist aber in 
vorhistorischer Zeit durch ein von den Präteritalformen aus- 
gebildetes falda ersetzt, um, wie Wimmer p. 23 richtig be- 
merkt, einer Vermischung mit falla = fallen auszuweichen. 
Dass aber in vorhistorischer Zeit ein Präs. falpa gegolten hat, 
zeigt das ein paar Mal belegte Prät. f£ll, gleichsam *fofalp; 



DIE GERM. REDUPLICATION UND IHRE GESCHICHTE. 79 

vgl. jedoch Wimmer ib. Wir haben also für das nord. zwei 
Arten der Uniformirung anzunehmen: der Präs.-Dental war 
der Ausgangspunkt demselben oder der Dental des Prät. Nach 
diesen Bemerkungen sind die oben als germ. angesetzten Formen 
zurückzuführen auf ältere 

pdltd pSpalta pipatttne paltands. 
Wir sehen also, dass germ. Verbalstämme reduplicirender 
Prät. eine eigenthümliche Art des grammatischen Wechsels 
haben, zwei mit der tonlosen Fricativa h, zwei mit der tonlosen 
Dentalspirans p im Auslaut. 

fdnhd fifanga fS/angume fangands 

hdnhö Mhanga Mhangume hangands 

skdipd skeskaida skeskaiditme skaidands 

fdipd fifalda fifaldume faldands. 

Sie beruhen der Reihe nach auf unverschobenen 

pdnkö pipanka pipankme pankands 

kdnkö kikanka Mkankme kankands. 

skditd skiskaita skiskaitme skaitanüs 

pdltd pipalta pipaltme paltands. 

Hiermit aber ist die Untersuchung über den grammatischen 
Wechsel der redupl. V. nicht abgeschlossen. Das Gesetz, 
welches sich aus der bisherigen Untersuchung ergibt, erleidet 
eine Ausnahme durch alle Dialecte: redupl. V. mit s im 
Auslaut der Basis entbehren des grammatischen Wechsels. 
Folgende Formen zeigen die Regelmässigkeit dieser Ausnahme : 

an. ausa jo$ josum ausinn 

an. bldsa bles bUsum bldsum 

ahd. bldsan blias bliasumes bldsan 

ahd. zeisan zias ziasumes zeisan 

ae. [hwdbsan?] hweos. 

Nach meinen Sammlungen sind dies die einzigen Verba, 
welche hier in Betracht kommen können ; das got. bleibt natür- 
lich aus dem Spiele. Man sieht, dass die wenigen Fälle, 
die meist nur aus einem Dialect nachzuweisen sind, nie- 
manden berechtigen, das obige Gesetz umzustossen. Auch 
muss man sich daran erinnern, dass auch bei den abl. Y. der 
grammatische Wechsel des s vielfach in Schwanken gerathen 



80 DIE GERM. REDUPLICATION UND IHRE GESCHICHTE. 

ist. Ich vermuthe demnach ohne Rücksicht auf das an. ausa 
ein urgerm. 

dusö eauza iauzme auzanäs. 

Noch ein drittes Beispiel von grammatischem Wechsel 
ist zu erwähnen. Ich werde unten nachweisen; dass die ost- 
germ. Lautverschärfung gg vor v urgerm ist und nur in be- 
tonter kurzer Silbe eintrat. 

Ich führe an. höggva = got. *haggvan auf ein urgerm. 
hauvan = ae. heawan, hd. houwan zurück. Nach jenem Ge- 
setz und der hier behandelten Theorie der Accentverschiebung 
im redupl. Prät. nun hätten wir folgendes a-Verbo als ur- 
germ. anzusetzen. 

hdyvd hihdva hikdvume havands* 
Im an. müssten wir darnach ein 

höggva hjö *hjöm hdinn 

erwarten. Somit kann nur der Sg. berechtigt sein; der 
Plur. hjoggum und das Part, höggvinn haben ungesetzliches gg, 
das vom Präs. aus eingedrungen ist. Dass der Sg. hjo alter- 
thümlich ist, zeigt die Ueberlegung, dass aus einem hjogg 
kein hjo entstehen konnte. Im westgerm. ist die Lautver- 
schärfung u vor w überhaupt nicht mehr rein erhalten; da- 
durch dass vielfach parasitische w eindrangen, wurde das alte 
Princip gestört. Die döm an. Ablaut von höggva ent- 
sprechenden Formen des westgerm. sind daher von , keiner 
Bedeutung. 

Mit diesen Bemerkungen haben wir die Theorie der 
Accentverschiebung im redupl. Prät. sicher gestellt ; wir haben 
gefunden, dass die Betonung der Reduplication im redupl. Prät. 
aus einer Zeit vor der grossen Accentverschiebung und vor der 
Lautverschiebung datirt. Es liegt daher die Vermuthung nahe, 
dass um dieselbe Zeit die abl. V. ihre Präteritalredupli- 
cation verloren haben. Ein strenger Beweis lässt sich für diese 
Annahme nicht führen. Denn kaum wird man etwa folgendes 
mit Recht behaupten können: wenn sich die Reduplication 



* Der Präteritalablaut ist angesetzt nach an. deyja dö döum und 
Qeyja gö göum, welche germ. ddujö dö'va ddvutni — gdujd gfiva gövutne 
lauten müssten. 



DIE GERM. REDUPLICATION UND IURE GESCHICHTE. 81 

über die Lautverschiebung hinaus erhalten hätte, so wäre der 
Anlaut der Prät. wie färipa, hdnpa, pdnsa (zu finpö hilpo 
hinpo pinsö) unberechtigt; denn urgerin. pepdnta, kekdnta 
u. s. w. hätte nach dem Verner'schen Gesetz febänpa hegdnpa 
u. s. w. werden müssen und daraus hätten nach Schwund der 
Reduplication nur bänpa gänpa (also mit grammatischem 
Wechsel im Wurzelanlaut) entstehen müssen. Stringent ist 
ein solcher Beweis nicht; denn <lie Sprache müsste diese 
Formen, noch vor ihrem Aufkommen, durch Bildungen wie 
fdnpa, hdnpa u. s. w. ersetzt haben. Lässt sich also auch 
der Beweis nicht erbringen, so steht doch nichts der obigen 
Annahme im Wege, dass der Schwund der Reduplication bei 
den abl. V. und die Accentverschiebung im Prät. der redupl. V. 
so ziemlich derselben Sprachperiode angehören. Wir werden 
nachher sehen, wie sehr die Chronologie des germ. Prät. diese 
Annahme begünstigt. Auch auf die Erklärung der Accent- 
verschiebung im redupl. Prät. werde ich später zurückkommen. 
3) Wir haben für die Chronologie des germ. Verbs 
einen, gar nicht hoch genug zu schätzenden Anhalt an den 
Prät.-Präs. Aber freilich nicht, wenn man sich der land- 
läufigen Hypothese anschliesst, wonach die Prät.-Präs. nie 
präteritale Reduplication gehabt haben sollen. Ganz abge- 
sehen davon, dass sie bis jetzt nicht erwiesen ist — und sie 
wird sich auch nie erweisen lassen — , fordert die oben ge- 
machte Zusammenstellung von germ. mdna monmS, mit gr. 
fLis/tiova fj.bf.iat.isv unbedingt dazu auf, für die älteste Periode« 
des germ. ein memdna memonme aufzustellen. Auch ist es 
mir unmöglich, einen Grund zu finden, wesshalb germ. ddrsa 
dorzumi gegenüber ai. dadhdrsa dadhrnmd von Haus aus 
reduplicationslos gewesen sei. Und warum sollte germ. ndha 
es genügt' gegenüber ai. nanäga (s/~" nag reichen, treffen; 
vgl. oben S. 63) auf einem alten reduplicationslosen Perf. 
beruhen? Meiner Ansicht nach beweisen die verwandten 
Sprachen, dass die Prät.-Präs. ursprünglich ebenso gut wie 
alle andern Prät. Reduplication gehabt haben. Vom germ. 
allein aus lässt sich unter Berücksichtigung der Bedeutung 
dasselbe vermuthen. Ursprünglich — und damit sage ich 

nichts neues — war die Bedeutung der spätem Prät.-Präs. 
qf. xxxn. 6 



82 DIE GERM. REDUPLICATION UND IHRE GESCHICHTE. 

eine echt präteritale; man kann den Versuchen Gririims' 
(GDS S. 901) und Paulis (über die deutschen Prät.-Präs.) 
im einzelnen seine Zustimmung versagen; aber damit haben 
sie zweifellos Recht, wenn sie die abstracte Bedeutung des 
Prät.-Präs. auf eine sinnlichere und zugleich ursprünglich 
präteritale Bedeutung zurückführen. därsa für dhdrsa, 
dhedhdrsa heisst 'bin kühn, tapfer geworden, d. h. ich wage 
(\^ dha^rs kühn sein); pdrfa = tdrpa, tetdrpa heisst 'habe 
entbehrt' = bedarf (oben p. 76). Idisa = leldisa 'habe er- 
fahren = weiss (die Bedeutung der \/^ la^is muss 'fahren = er- 
fahren' gewesen sein) ; kann 'habe erkannt' = weiss u. s. w. u. s. w. 

Diese Beispiele sollen die Notwendigkeit darthun, dem 
germ. Prät.-Präs. echt perfectische Bedeutung zu sichern und 
damit ist zugleich erwiesen, dass sie formell echte Präterita 
sein müssen. Wie sich nun das Schwinden der Reduplication 
bei ihnen erklärt, ist schwer zu sagen. Nach den obigen 
Bemerkungen steht das fest, dass der Schwund der Re- 
duplication bei den abl. V. einer weit späteren Periode 
angehört als die Entstehung der Prät.-Präs. Dass die Analogie 
von vdita — vaida, idg. vd.jdai im Spiele ist, versteht sich 
von selbst. Schwierigkeit macht das Aussterben des Präsens- 
stammes; und hierfür finde ich keinen zureichenden Grund. 

Wie dem aber auch sei, für die vorliegende Frage ist 
dieser Punkt ziemlich gleichgültig. Ist aber die Annahme der 
Genesis der Prät.-Präs. aus echten redupl. Perf. richtig, so 
erhalten wir einen neuen Anhalt für die Chronologie des germ. 
Verbs durch folgende Erörterung. 

Heyne Ulf. 6 276 und Laut- und Flexionsl. 3 171 schreibt 
got. dih, aihum, aigum, aihta. Diese Auffassung wird durch 
die Uebereinstimmung sämmtlicher Dialecte widerlegt: das 
ai des got. Verbs ist constant Diphthong. Das urgerm. Prät.- 
Präs. diha aigumi ist auffällig ; man sollte diha igumS erwarten 
und wahrscheinlich hat sich Heyne wirklich durch germ. vdita 
vitumi irre führen lassen. Wir müssen aber wegen des con- 
stanten Diphthongs der germ. Basis aih und auf Grund der 
ai. y/~* ig eine idg. y/^ aHU ansetzen; und wir hätten demnach 
einem idg. diJcä entsprechend ein redupl. V. 

äihd tmga eaigume aigands 



DIE GERM. REDUPLICATION UND IHRE GESCHICHTE. 83 

anzusetzen. Ein solches a-Verbo aber verbieten die That- 
sachen. Germ, diha aigume, also unverschoben dika aikmS 
stimmen nicht zu jeneü Postulaten. Die Schwierigkeit, welche 
sich uns hier bietet, löst sich einfach durch die Annahme, 
dass die Entstehung der Prät.-Präs. weit yor die Accentver- 
schiebung im spätem redupl. Prät. fällt. Also in der Periode, 
welche pSpanka pSpankme (fefanga fifangume) hatte, bestand 
bereits dika aikme (diha aigmSJ; damit aber wird zugleich aus 
dem germ. bewiesen, dass pSpanka pSpankme auf älterem 
pepdnka pepankmS beruht, ein Schluss, zu dem wir bereits 
durch Berücksichtigung der verwandten Sprachen gekommen 
sind. 

4) Bezzenberger hat, wie wir oben sahen, den Nachweis 
eines sporadischen Auftretens der Perfectreduplication im germ. 
verlangt, wenn man wünsche, dass er sich der gang und gäben 
Theorie anschliesse. Ich weiss nicht, ob er folgende That- 
sachen übersehen hat oder wie er sich ihnen gegenüber stellt : 
es scheint als ob das germ. wirklich hie und da reduplications- 
lose Prät. zu Verben hat, die ihrem Präsensbau nach redupli- 
ciren müssten, und als ob Verba, denen nach der Präsens- 
form kein reduplicirtes Prät. zusteht, vereinzelt im westgerm. 
einen redupl. Präteritalstamm haben. 

Ich behandle zunächst den ersten Fall. 

Im an. finden wir (vgl. Cleasb. 608; Wimmer 110) 
ein a-Verbo 

sveipa sveip svipum sveipinn 

Joh. Schmidt behauptet Vocal. II, 442 in seiner Be- 
sprechung der redupl. Prät., 'sveipa sei durch einfaches Auf- 
geben der Reduplication in die Analogie der sg. abl. V. ge- 
treten, welche die Reduplication schon viel früher aufgegeben 
hätten. Schmidt hat im Uebrigen bei seiner Untersuchung 
den vollen Werth auf die Accentverschiebung der redupl. 
Prät. gelegt. Um so auffälliger ist es, wie leicht er sich hier 
über das Prät. sveip beruhigt. Das redupl. Prät. hätte germ. 
sesvaip (ae. sweop) lauten und der Accent die Reduplication 
für alle Zeiten schützen müssen. Für sveip hat "Wimmer 
bereits die einzig mögliche Erklärung gegeben : es beruht auf 
einem abl. V. svipa. Ueber das Verhältnis des Präsens sveipa 

0* 



84 DIE GERM. REDUPLICATION UND IHRE GESCHICHTE. 

zu svipa ist im 5. Kapitel zu handeln. An und für sich Hesse 
sich auch wohl die Möglichkeit denken, dass in der Periode, 
in welcher die Accentverschiebung bei den redupl. V. statt- 
fand , zunächst ein Schwanken in der Accentuation einge- 
treten sei : die Sprache mag zwischen pSpanka (fifanga) und 
pepdnka geschwankt haben, ehe sie sich für die 1 . Form ent- 
schied und die 2. aufgab. Aber es fragt sich, ob pepdnka, 
selbst wenn es bereits zu pänka geworden wäre, nicht später 
doch durch ein vom Präs. aus nahe liegendes pepanka hätte 
ersetzt werden müssen. Es ist also durchaus unwahrschein- 
lich an. sveip etwa als einen Zeugen jener Periode des 
Schwankens aufzufassen. 

Dasselbe gilt von dem ae. gang zu gangan; es ist be- 
legt nur aus Beow. 1009. 1295. 1316. Es kann weder für 
gegange stehen noch aus jener Periode des Schwankens 
zwischen gSgange und (ge)gdnge stammen. Ich stimme Grein 
I, 499 zu, der ein abl. V. ansetzt. Einem germ. [glngö gdnga 
gungume gungands] müsste ae. ginge u. s. w. entsprechen; 
das Präs. ist in dieser Gestalt aber nicht bezeugt; wir finden 
dafür nur ein Präs. gqongan; ae. gi~ wird, wenn der Anlaut 
Palatal ist, sehr oft zu g$o- (also yu?J; in alten Urkunden und 
auch sonst finden wir unendlich oft für gif an und gitan ein gfofan 
und gfotan; ich notire folgende Belege aus Thorpes Diplom: S. 
129. 168. 460. 470. 476. 481. 482. Holtzmann ad. Gr. p. 
190 hält das öfters belegte (ic) forgfofu p. 29. 123 für eine 
Bestätigung seiner Annahme, dass vereinzelt das u von Flexions- 
silben umlautende Kraft hat; er, schreibt also gepfu. Bei 
dieser Annahme bleibt das eo des Inf. und Part, unerklärt. 
Auffallig ist freilich der Wandel von ji- zu ju-, aber er kann 
auf Grund der Thatsachen nicht in Abrede gestellt werden. 
gqongan fasse ich daher mit Möller Palatalreihe p. 39 als 
Reflex eines germ. gingan } das auf einer a x -Wurzel gha^ngji 
beruht und im Vocalismus mit lit. zengiu 'schreite' schön über- 
einstimmt. Ueber das Verhältnis von gingö zu gdngö unten. 

Noch vereinzelter als die gang des Beow. ist Prät. Plur. 
hlupon zu hleapan, welche Form, mir in Thorpe's Ags.-Chron. 
I, 346 = 347 begegnet ist (hör Eadwine eprl and Morkere 
eprl hlupon iit and misttce ferdon on wudu and on felda etc.). 



DIE GERM. REDUPLICATION UND IHRE GESCHICHTE. 85 

Die Form hlupon, für die mir weitere ae. Belege fehlen, wird 
durch me. lupen, vielleicht auch durch das me, Partie, dopen 
(vgl. Stratmann 3 p. 314) bestätigt. Die Uebereinstimmung 
derselben mit an. hlupu (zu hlaupa) ist auffallig; an. hlupu 
erscheint nach Cleasb. als moderne Form neben älterem und 
regelmässigem hljupu. Wir finden ausser ae. hlupon = 
nord. hlupu aber durchaus keine Berechtigung zum Ansatz 
eines abl. Verbs hUupo; denn was aus hd. Dialecten dafür 
angeführt werden könnte, ist durch Heyne in Grimms Wb. 
(s. laufen) überzeugend beseitigt. Auch wissen wir nicht, 
ob dem redupl. V. germ. hldupö eine « 1 oder eine a^-Wurzel 
zu Grunde liegt. Wäre das letzte der Fall, so könnte dem 
hlupun kein (he)hlupünp zu Grunde liegen, weil a '-Wurzeln 
ihren Vocal nie schwinden lassen ; man könnte also auch hier 
seine Zuflucht nicht zu jener gemuthmassten Periode des 
Schwankens der Accentuation im redupl. Prät. nehmen. Ich 
wage über ae. hlupon = an. hlupu kein entscheidendes 
Wort. 

Ich komme nun zu redupl. Prät. von Verben, die ihrer 
Präsensform nach nicht redupliciren dürften. 

Dem ahd. ier (zu erren pflügen) gegenüber bin ich rath- 
los. Denn Joh. Schmidts Erklärung desselben aus urgerm. 
e-ar Voral. II, 455 schwebt in der Luft; arjd, das in allen 
ausserhd. Dialecten und auch in den verwandten idg. Sprachen 
nicht stark flectirt, müsste als starkes Verb eine Prät. eora, 
nicht Sora bilden. Daran ist nicht zu zweifeln, dass ier nicht 
der Reflex einer germ. Grundform, sondern ein speeifisch 
hd. Anomalie ist, deren Ausgangspunkt aber nicht klar am 
Tage liegt. 

'Eine kleine Zahl Anomalien liefert weiterhin das ae. Es 
sind stets nur einmal belegte Formen von nicht viel Gewähr. 
Wir finden hie und da reduplicirte Prät., ohne dass wir zu- 
gehörige Präsentia mit starkem Vocal weder im ae. noch in 
einem andern Dialect nachweisen können. 

Dieser Art ist das von Grein (II, 42) zweimal belegte 
heof } zu dem wir weder ein ae. heafan noch ein ausserengl. 
haufan nachweisen können. Wir kennen nur ein abl. V. 
h&ufd wehklage' als urgerm. Wer nun das lat. als Mass- 



86 DIE GERM. REDUPLICATION UND IHRE GESCHICHTE. 

stab für germ. Spracherscheinungen- betrachtet, kann leicht 
auf den Gedanken kommen, dass ae. heof (vorausgesetzt, dass 
es unzweifelhaft überliefert ist; vgl. weiter unten) einem ur- 
germ. haufa 'ich habe geklagt', nicht anders zur Seite stehe 
als im lat. scictdi neben scidi, pepigi neben pegi, d. h. dass 
auch im germ. eine Zeit lang ein Schwanken zwischen dem 
Erhalten der Reduplication und ihrem Schwunde herrschte. 
Eine solche Annahme wird der Germanist mit aller Ent- 
schiedenheit zurückweisen müssen: das germ. darf durchaus 
nicht mit dem Massstabe des lat. gemessen werden. Lautete 
das germ. Präs. hiufd, so konnte das Prät. nur haufa lauten 
für unverschobenes kdupa = kekdupa; und neben dem letz- 
teren ist ein damit identisches kikaupa undenkbar. 

Ich bekämpfe hier eine Theorie, die noch von keiner 
Seite aufgestellt ist, aber wenn ae. Formen wie heof weiter 
bekannt wären, leicht dazu benutzt werden könnten, Bezzen- 
bergers Postulat eines sporadischen Erscheinens der Redupli- 
cation damit zu erweisen und auf diese Weise seine Theorie 
über Reduplication und nicht-Reduplication zu widerlegen.* 
Es ist vielmehr an der bisherigen Erklärung von heof fest- 
zuhalten, die es auf ein heafan zurückführt, also keine Un- 
regelmässigkeiten zur Voraussetzung hat. 

Im ae. besteht ein Prät. hneop; es lässt sich aber nicht 
stricte ein germ. Präs. hndupo nachweisen; iih got. besteht 
hniupa, das ein ae. Prät. hneap voraussetzt. Ueber das Ver- 
hältnis von hneap zu hneop gilt das eben bemerkt^. Die Präs. 
mit gesteigertem Vocal haufö, hnaupö werden im 4. Kapitel 
noch einmal zur Sprache kommen. Hier mögen die kurzen 
Bemerkungen zur Abwehr künftiger Theorien über das germ. 
Prät. genügen.** 



* Nicht erwähnt sind im Text die ae. speon zu spanan und tceohs 
zu tveqhsan, neben welchen seltener spön und wöhs erscheint. Sie sind 
bisher noch nicht missverstanden worden, haben auch zu verkehrten 
Theorien über die Präteritalbildung noch nicht Anlass gegeben. Doch 
möchte ich nicht mit diesem Hinweise dazu aufgefordert haben. Das- 
selbe gilt' von einigen bekannten Anomalien des an., die man bei Wimmer 
§156» findet. 

** Nach Wimmer § 131 ist an. spyja ein redupl. V. Doch will 



DIE GERM. REDUPLICATION UND IHRE GESCHICHTE. 87 

Das Resultat dieser Untersuchung ist: Wir haben für 
das germ. weder sporadisches Auftreten noch sporadischen 
Schwund der Reduplication anzunehmen, vielmehr beruht die 
Präteritalbildung durchaus auf Gesetzmässigkeit, die nirgends 
durchbrochen wird. 

5) Ich habe noch zweierlei zu erledigen, ehe ich die 
Resultate unserer Untersuchung in Chronologie umsetze: 

In welchem Verhältnis steht das starke Prät. zum schw. P 
War das schwv Prät. ursprünglich auf schw. V. beschränkt? 
Nach Scherer — und seine Ansicht verdient mehr Beachtung 
als ihr zu Theil geworden ist — haben wir das schw. Perf. 
als Aor. periphrast. aufzufassen; ich kann an dieser Auf- 
fassung gar nichts anstössiges finden und gedenke sie auch 
im 3. Kapitel über allen Zweifel zu erheben. Ist nun 
das schw. Prät. ein Aor. periphrast., so entsteht die Frage: 
konnten st. V. einen Aor. periphr. haben? Entschieden nein ! 
denn das urgerm. besass bei starken Verben ja stets Aor., 
die unmittelbar aus der Wurzel gebildet wurden; wozu dann 
noch einen Aor. periphr.? Allerdings können wir nur mit 
annähernder Sicherheit erschliessen, wann der alte Aor. dem 
Untergange verfiel; es scheint nach den Thatsachen, die ich 
unten zusammenstellen werde, dass er noch in die allerletzte 
gemeingerm. Periode (also die unmittelbar nach dem Aus- 
lautsgesetz) ganz bedeutend hineinragt. Wäre der Aor. in 
einer der ältesten germ. Perioden ausgestorben, was mir 
unwahrscheinlich ist, so Hessen sich allerdings wohl Aor. 
periphr. zu starken Verben denken. Diese Bemerkungen 
bitte m ich für einen folgenden Theil der Untersuchung im Auge 
zu behalten, wo ich über schwache Prät. zu starken Verben 
handle. 



mir scheinen, als ob nicht die Sprache eine falsche Analogie begangen 
hat, sondern Wimmer selbst, indem er sich durch Prät. Sg. spjö hat 
täuschen lassen, spjö ist aber lautgesetzlich aus altem spaiv entstanden 
(aiv = an. jö Holtzm. p. 101). Wäre spjö als redupl. Prät gefühlt, 
so würde der Plur. spjoggum nach hjoggum bjoggum lauten. Wir finden 
aber spjöm, das einfach dem Sg. nachgebildet sein wird, da es nicht 
gleich spivum ist. Und das Part, spuinn wird wohl altem spivanz 
entsprechen (Holtzm. p. 89)- 



88 DIE GERM. REDUPLICATION UND IHRE GESCHICHTE. 

6) Der Schwund der Reduplicationssilbe im Prät. der 
abl. V. bedarf noch einiger Worte der Erläuterung. 

Da es mir nicht auf eine Geschichte dieser Frage an- 
kommt, hebe ich nur die Bemerkung Potts Kz. 19, 23 heraus, 
wo der Schwund der Reduplication im lat. und germ. durch 
die Annahme erklärt wird, dass jede Wiederholung im An- 
laut zweier auf einander folgender Silben nichts angenehmes 
hat.' Ich weiss nicht, ob diese Worte Beifall gefunden haben ; 
jedenfalls erklären sie das nicht, was sie sollen. Denn das 
germ. kennt absolut keine Rücksichten des Wohllauts etc. 
Und dann kommt Pott mit seiner Erklärung nicht durch; er 
sieht sich bald zu der Behauptung gedrängt: In der That 
erweist sich im Punkte der Reduplication des Gothen Sinn 
für Wohllaut sehr stumpf und schwach,' daher so vielfach 
die Erhaltung der Reduplication. Also Wohllautsgefühl hat 
die Reduplication zernichtet, Mangel an Wohllautsgefühl hat 
sie erhalten. Diese Contradictio ist zu augenscheinlich, als 
dass Potts Theorie einer Widerlegung bedürfte. 

Der Schwund der Reduplication im germ. lässt sich nicht 
mit Pott aus irgend welchen Wohllautsrücksichten erklären, 
obwohl auch Joh. Schmidt Vocal. II, 435 zu gleichen Motiven 
zu greifen scheint. Damit aber hat letzterer sicher Recht, 
dass ein auf der Wurzelsilbe betontes bhebhdra schwerlich 
zunächst zu bhbhdra oder ebhdra und erst danach zu bhdra 
(got. bar) geworden ist, sondern die unbetonte Reduplications- 
silbe als Ganzes mit einem Male aufgegeben haben wird'. 
In der Betonung aber kann natürlich nicht die Ursache des 
Schwundes der Reduplication liegen, sondern nur eine Vor- 
bedingung desselben. Als eigentlichen Grund für das Fehlen 
der Reduplication bei den abl. V. glaube ich folgenden er- 
mittelt zu haben. 

Das Verhältnis von Sg. bhdra zu Plur. bherumS führt 
uns auf die rechte Spur. Man kann nicht ohne Vorbehalt 
die Behauptung aufstellen, dass den abl. V. im Prät. die 
Reduplication fehlt. Wie die Entstehung des e-Typus auch 
immer erklärt werden mag, soviel steht fest, dass wir im 
langen Vocal der Stammsilbe (bherumS) einen Ersatz für den 
kurzen Reduplicationsvocal und den eigentlichen Wurzelanlaut 



DIE GERM. REDUPLICATION UND IHRE GESCHICHTE. 89 

haben. bhirumS oder besser Marne (wir assen) haben also die 
Reduplication noch deutlich genug — für uns ; für das Sprach- 
gefühl war sie in diesen Formen geschwunden. Sobald der 
syncopirte Typus der schw. Stammform des Prät. durch den 
^-Typus ersetzt wurde — die Verallgemeinerung des ^-Typus 
beruht auf der germ. Vorliebe für Einheitlichkeit der Formen 
gleicher Categorien, also für Uniformirung* — , war dem Sprach- 
bewusstsein die Erkenntnis der nur noch latenten Redupli- 
cation benommen, und sobald bherumS reduplicatiouslos schien, 
verlor bhebhära sein Tempuscharakteristicum. Ein sonderbarer 
Zwiespalt, der für das germ. geradezu typisch ist, herrscht 
also zwischen bhdra und bherume : er verdient Beachtung. Dass 
weiterhin auch alle übrigen abl. V. (d. h. diejenigen st. V., 
welche im Prät. keine Accentverschiebung erlitten haben) ihre 
Reduplication nach dem Muster von bhdra und bhSrumS ver- 
loren, versteht sich von selbst. Wir haben demnach den 
Schwund der Reduplicationssilbe bei den abl. V. abf eine 
grosse Analogisirung nach nicht mehr verstandenen Formen 
mit latenter Reduplication zurückzuführen : also eine besondre 
Art falscher Analogiebildung.** 

7) Nach den vielen Einzeluntersuchungen, welche mit 
der Reduplicationsbildung im Zusammenhange stehen, komme 



* Dasselbe Princip erklärt auch das ai der got Reduplication, 
an dessen Stelle man vielfach nach den got. Lautgesetzen i erwarten 
sollte. Berechtigt und gesetzmässig ist das ai von haihald, haihdh, 
haihdit, hvaihvöp, [haihlaup] ', rairöp, natürlich auch von einigen, die in 
un8ern Texten nicht vorkommen wie rairö ruderte, haihlö brüllte, 
haihaggv hieb, hvaihvös hustete. Von diesen Bildungen aus unterblieb 
der "Wandel von e zu i in der Reduplication. Ich glaube, wir haben 
hier einen Fall , in welchem der Systemzwang mit Notwendigkeit 
wirken musste. Uebrigens haben wir, wenn diese Theorie richtig ist, 
auch eine Thatsache des got., welche beweist, dass der Reduplications- 
vocal betont war : nach einem von Job. Schmidt aufgefundenen Gesetz 
hätte ein germ. hehdita im got.. zu hihäit werden müssen; got. haihait 
weist auf eine durch alle übrigen Dialecte vorausgesetztes hehaita. 

** Die für das germ. aufgestellte Theorie über den Schwund der 
Reduplication lässt sich auf das lat. übertragen. Ihre Richtigkeit wird 
durch das griech. bewiesen : da dieser Sprache der e-Typus der Perfects 
fehlt, ist auch kein Muster eines nur scheinbar reduplicationsloson 
Perfects vorhanden ; daher denn die Reduplication durchweg erhalten. 



90 DIE GERM. REDUPL1CAT10K UND IHRE GESCHICHTE. 

ich endlich zum Ziel : das Kapitel über das st. Prät. der germ. 
Grundsprache wird abgeschlossen mit einer Geschichte desselben. 
Die Art der Darstellung ist folgende : ich gebe für jede 
einzelne Periode die Facta an, durch welche innerhalb der 
Conjugation Umänderungen geschehen, und illustrire die ein- 
zelnen Perioden durch 10 Paradigmen, auf die ich scharf zu 
achten bitte. Die ersten Perioden fallen in eine Zeit, die 
der Lautverschiebung weit vorausliegt; daher erscheinen die 
Wurzeln der einzelnen Verba in folgender Gestalt: 

1) V^ hha^r (heran) 

2) v^ ska^l (skulanj 

3) y/~* bha^ndh (bindan) 

4) \/^ ta^rp i got. paurban) 

5) \/^ bha x id (bitan) 

6) y/~* katf (ha f jan) 

7) \T lä l d (Utan got.) 

8) >/** pa x nk (fahan) 

9) v^ o^ik (aigan) 
10) \/° va { id (vitanj. 

Zur Erläuterung dieser Paradigmen bemerke ich, dass 
ihre Wahl nicht willkürlich ist. Besonders gilt dies von Nr. 2. 
4. 9; es sind die Wurzeln der späteren Prät. -Präs.; und 
zwar ist aHk speciell eine Wurzel, die eigentlich ein redupl. 
Prät. bilden sollte. Als Beispiele der redupl. V. sind Nr. 7 
und 8 gewählt. 

Erste Periode. 

Das st. Perf. des germ. zeigt durchaus die idg. Prin- 
cipien. Die ßeduplication ist stets erhalten; sie fehlt nur 
dem Reflex des idg. Prät. -Präs. vä^ida^ ich weiss. Die 
Stammabstufung geschieht nach den idg. Gesetzen ; wir haben 
desshalb für die beiden ersten Nr. zwei Stammformen im 
Vocal anzusetzen, die eine vor consonantisch, die andre vor 
vocalisch anlautendem Suffix. 

1) bhebhdra bhebhormS bhebhrünt 

2) skeskdla skeskolmS skesklünt 

3) bhebhdndha bhebhttndhmS bhebhundhünt 

4) tetdrpa tetorpmi tetorpünt 



DIE GERM. RE 


DUPLICATION u* 


<D IHRE GESCH 


5) bhebhd 2 ida 


bhibhidme 


bhibhidünt 


6) kekopa 


kekapmi 


kekapunt 


7) leloda 


lelddmS 


lelädünt 


8) pepdnka 


pepankme 


pepankünt 


9) edika 


eaikmi 


eaikünt 


10) väida 


vidmS 


vidünt. 



91 



Zweite Periode. 

Es entstehen nach Nr. 10, dem idg. Prät. -Präsens, 
einige neue Prät.-Präs., durch Aufgeben des alten Präsens 
und der Präteritalreduplication; bei denjenigen Verben, die 
in der ersten Periode dem Paradigma 1 (= 2) folgten, 
verdrängt weiterhin die erste schw. Stammform die zweite; 
(ske)sklünt wurde zu skolünt. Im übrigen bleiben alle Para- 
digmata unverändert. 

1) bhebhdra bhebhormS 

2) skdla skolmS 

3) bhebhdndha bhebhundhnü 



4) tdrpa 

5) bhebhdida 

6) kekopa 

7) leloda 

8) pepdnka 

9) dika 
10) vdida 



torpmS 

bhibhidme 

kekapme 

lelddmS 

pepankmi 

aikme 

vidme 



bhebhrünt 

skolünt 

bhebhundhünt 

torpünt 

bhibhidünt 

kekapunt 

lelädünt 

pepankünt 

aikünt 

vidünt. 



Dritte Periode. 



Bei Nr. 1) wird der syncopirte Typus durch den &- 
Typus ersetzt und weiterhin stirbt die 1. schwache Stamm- 
form des 1. Paradigmas aus. Im Anschluss daran wird der 
Pluralstamm nach dem u der 3. Plur. um ein u erweitert.* 
Noch in derselben Periode tritt der allgemeine Schwund der 
Reduplications8ilbe ein; nicht betroffen werden hiervon die 
Verba mit schwerem Präsensvocal, also Nr. 7) u. 8). Wir 
haben daher am Schluss der Periode die Paradigmen in 
folgender Gestalt: 



* Ich halte das u der 1. Dual. Perf. mit Bopp vgl. Gr. 3 § 441 
entschieden für lang, setze also gebü an (got. auch diu wir beide sind). 



92 



DIE GERM. REDUPLICAT10N UND IHRE GESCHICHTE. 



1) bhdra 


bhSrumS 


bherünt 


2) skdla 


skolumS 


skolunt 


3) bhdndha 


bhundhumi 


bhundhünt 


4) tdrpa 


torpumS 


torpünt 


5) bhdida 


bhidume 


bhidünt 


6) köpa 


kapumi 


kapünt 


7) lelöda 


leledumS 


leUdünt. 


8) pepdnka 


pepankumö 


pepankünt 


9) ai&a 


aikume 


aikünt 


10) vdida 


vidumS 


vidünt. 



Vierte Periode. 

Es vollzieht sich bei den Paradigmen 7 und 8 die prä- 
'teritale Accentverschiebung : also Entstehung der später aar 
iioyjv redupl. Prät. Vielleicht trat gleichzeitig in den Para- 
digmen 6 und 7 eine Angleichung der Pluralstammform an 
die Singularstammform ein ; dieser Punkt war wie wir sahen 
nicht genau zu chronologisiren. 

1) bhdra bMrumS 

2) skdla skolumS 

3) bhdndha bhundhumS 



4) tdrpa 

5) bhdida 

6) köpa 

7) ISlöda 

8) pSpanka 

9) dika 
10) vdida 



torpumS 

bhidumS 

köpumS 

Ulödume 

pSpankume 

aikumS 

vidumS 



bherünt 

skolunt 

bhundhünt 

torpünt 

bhidünt 

köpünt 

ISlödunt 

pSpankunt 

aikünt 

vidünt. 



Fünfte Periode. 



Die Lautverschiebung tritt ein und wandelt die Para- 
digmata folgender Maassen. 



1) bdra 


berumS 


bSrünp 


2) skdla 


skolumS 


skolünp 


3) bdnda 


bundumS 


bundünp 


4) pdrfa 


porbumS 


porbünp 


5) bdita 


bitumS 


bitünp 


6) hofa 


höbumS 


höbünp 



DIE GERM. REDUPL1CATI0N UND IHRE GESCHICHTE. 



93 



7) Ulota 


Ulotume 


8) fifanga 


fefangume 


9) diha 


aigumi 


10) vdita 


vitumi 



Ulötun(il?) 
fifangun (d ?) 
aigünp 
vittinp 

Sechste Periode. 

Das germ. Accentgesetz tritt ein: der Accent wird in 
den schw. Formen von der Suffixsilbe auf die Stammsilbe ge- 
worfen; wo der Accent auf der Reduplication steht, wird er 
durch die Accentverschiebung nicht alterirt. Am Ende dieser 
Periode mag das consonantische Auslautsgesetz eingetreten sein. 



1) bdra 


berume 


bö'run 


2) skdla 


.skölume 


skölun 


3) bdnda 


bündume 


bündun 


4) pdrfa 


pörbume 


pörbun 


5) bdita 


biturne 


bitun • 


6) hofa 


höbume 


höbun 


7) Ulöta 


Ulotume 


. Ulötun 


8) fifanga 


fefangume 


fefangun 


9) diha 


digume 


digun 


10) vdita 


vltume 


vitun. 



' Siebente Periode. 

Das vocalische Auslautsgesetz wirkt; und damit ist die 
letzte Periode erreicht, in der das st. Präteritum eine Um- 
wandlung erleidet; für eine weitere Chronologisirung des 
germ. Verbs ergibt das 3. Kapitel eine 8. Periode. Wir 
finden am Schluss der 7. und während der angekündigten 
8. Periode die Paradigmata in folgender Gestalt. 



1) 


bar 


börum 


berun 


2) 


s/cal 


skolum 


skolun 


3) 


band 


bundum 


bundun 


4) 


parf 


porbum 


porbun 


5) 


bau 


bituni 


bitun 


6) 


h6f 


häbum 


höbun 


7) 


um 


Ulötum 


Ulötun 


8) 


fSfang 


fSfangum 


fSfangu 


9) 


aih 


aigum 


aigun 


10) 


vait 


vitum 


vitun. 



94 DIE GERM. REDUPLICATION UND IHRE GESCHICHTE. 

8) Die Resultate der Chronologie des st. Prät. der germ. 
Grundsprache sind folgende. 

Die älteste That des germ. innerhalb des Lebens der 
st. Conjugation ist die Bildung einiger Prät.-Präs., deren 
Chronologie Holtzmann (Abi. S. 29) theilweise sehr richtig be- 
stimmt hatte. Die wichtigsten Facta der späteren Zeit sind : 
die Accentverschiebung im Präteritum von Verben mit schwerem 
Präsensvocal, die Ersetzung des syncopirten Typus durch den 
e-Typus und der damit verbundene Schwund der Redupli- 
cation. 

Ich muss auf den ersten Punkt hier noch einmal zu- 
rückkommen. Die Chronologie hat die Annahme einer Aus- 
nahme von der grossen Accentverschiebung über allen Zweifel 
erhoben, da in der 6. Periode der Accent der Paradigmen 7 
und 8 nicht die oben p. 73 postulirte Verschiebung erlitten 
hat. Diese Ausnahme aber scheint einzig dazustehen und 
erfordert eine Erklärung. Ich könnte mir deren zwei denken,* 
gebe aber der zuletzt anzuführenden ohne Schwanken den 
Vorzug. 

Entweder statuirt man für diesen speciellen Fall eine Aus- 
nahme der Accentverschiebung und rechtfertigt sie folgender 
Maassen : Formen wie/Sfanga konnten nicht zu fe fang a werden, 
weil aus diesem ein fanga werden musste ; das germ. aber hatte 
die Accentverschiebung im Tedupi. Prät. nur zur Vermeidung 
der Aehnlichkeit von Präs. und Prät. unternommen; hier 
wäre bei der Durchführung der Accentverschiebung das ein- 
getreten, dem flie Sprache hatte ausweichen wollen. 

Aber Ausnahmen sind und bleiben Ausnahmen ; wer sie 
umgehen kann, umgeht sie. Ich für meine Person verwerfe 
daher diese Erklärung und stelle folgende auf. 

Das germanische Accentgesetz in der bisherigen Fassung 
ist nicht genügend; es muss vielmehr so formulirt werden: 
die Accentverschiebung traf nur den Ton suffigirter Flexions- 
silbeu, alterirte aber die Betonung präfigirter Flexionssilben 
nicht. 

Diese Annahme empfiehlt sich demjenigen, der mit mir 
sporadische Unregelmässigkeit verwirft, sie wird annähernd 
zur Nothwendigkeit für denjenigen, der meinen Erörterungen 



ZUM REDUPL. PRÄTERITUM IM ALTENGL. 95 

über den Aor. im germ. Beifall schenkt. Ich scheide mit 
diesen kurzen Andeutungen vorläufig von einem interessanten 
Punkte der germ. Formenlehre,* werde aber nach Abschluss 
der Untersuchung über den Aor. auf das germ. Accentgesetz 
ausführlicher zu reden kommen. 



§3. 

ZUM REDUPLICIRTEN PRÄTERITUM IM ALTENGLISCHEN. 

Den Mittelpunkt, um den sich die Frage nach der Um- 
wandlung der zweisilbigen Perfectstämme in einsilbige dreht, 
bildet das altengl. Es fragt sich, ob dieser Dialect an sich 
die Berechtigung hat, der Ausgangspunkt und das Centrum 
der Frage zu sein. Die Lautverhältnisse des ae. sind nicht 
so klar und einfach wie die der verwandten Dialecte. Dazu 
fehlt uns ein erschöpfendes Wörterbuch nach Art des an. von 
Cleasby, Prosa und Poesie umfassend und erschöpfend. Wie 
jeder weiss, ging die Prüfung der Frage nach der Umwand- 
lung der redupl. V. in abl. davon aus, dass im ae. der Wurzel- 
anlaut vielfach nicht geschwunden , also die Zweisilbigkeit 
des Stammes andeutungsweise wenigstens noch vorhanden ist ; 
man kennt die Prät. heht (zu hätan), dreqrd (zu drdedan, 
öndr&dan), regrd (zu rcedanj, leprt (zu lobt an) f leplc (zu 
läcan). In dieser Thatsache besteht aber keine Eigenthüm- 
lichkeit des ae. Das ahd. ist theilweise noch alterthümlicher, 
indem es die Zweisilbigkeit des Stammes — und zwar nicht 
andeutungsweise wie das ae. — bewahrt hat. Ich stimme 
nämlich Joh. Schmidt (Vocal. II, 429) in der Erklärung 
der ahd. ki-screrot und ca-pleruzzi vollkommen bei: screrot 
(zu scrötan) ist eine Bildung wie ae. dregrd, nur dass bei 
diesem der Wurzelvocal geschwunden, bei jenem aber er- 
halten ; dreqrd beruht auf drSrod, dSdrod ; screrot auf screraud, 
skeskraud* Und der innere Zitterlaut von pleruzzi ist sicher 



* Wir finden ganz ähnliche Erscheinungen im zd., das in der 
RedupHcatioii des Intensiv« stets den ganzen Wurzelanlaut (auch 



96 ZUM REDÜPL. PRÄTERITUM IM ALTENGL. 

nicht anders zu beurtheilen als der von ae. leyrt (zu IdetanJ. 
Dass Joh. Schmidts Erklärung von ana-sterozun nicht be- 
friedigt, ist durch das Verner'sche Gesetz klar gelegt, das 
den Rhotacismus des germ. fixirt hat. stestaut kann nicht 
durch stSsaut zu steroz geworden sein, denn eine Erleich- 
terung von st zu s in der eigentlichen Wurzelsilbe wäre ganz 
beispiellos im germ. und sonst. Vielmehr ist letzteres als ein- 
fache Analogiebildung nach dem Muster von screrot pleruz 
aufzufassen, und für birum bleibt auch keine andere Auf- 
fassung übrig (sein i ist gesetzmässig, weil die Grundform bibü 
für älteres bebüva oder bSbüa ist). Es ist nicht zu übersehen, 
dass ahd. hlouffan mit stdzzan zur selben Reihe gehört; das 
Prät. von hlouffan (es würde hlerof t sein) als einem sehr viel 
gebrauchten Worte könnte mit den von scrötän bluozzan und 
fluohhan (Prät. unbelegt = got. faiflök) leicht der Ausgangs- 
punkt einer Analogisirung gewesen sein, so dass steroz nicht 
all zu auffällig wäre.* 

Aber trotz der Existenz der älteren zweisilbigen Stamm- 
formen im ahd. ist die Entstehung der einsilbigen Stamm- 
formen überaus dunkel. Jene Formen waren nur bei Verben 



echte Doppelconsonanz) gibt, dafür aber vereinzelt im eigentlichen 
Wurzelanlaut Erleichterung eintreten lässt. \^ yrä bildet das Intens. 
yrdrayeiti für yräyraypti ; vgl. Bartholomä p 90. Ueber die Factoren, 
die bei der Genesis von Formen wie dregrd wirkten, ist auf Scherers 
feine Auseinandersetzung Zeitschr. f. östr. Gymn. 24, p. 296 f. zu ver- 
weisen. 

* Ich möchte glauben, dass wir das 'hiatusfüllende r des Prät. auf 
die Dauer entbehren können, es ist eine so singulare Annahme «und nach 
meinem Gefühl grammatisch so durchaus unberechtigt, dass wir uns 
eine andere Erklärung suchen müssen: sie ist oben im Anschluss an 
Joh. Schmidt gegeben und ich fasse jene scrirum zu scriän u. s. w. als 
redupl. Prät., deren Genesis z. Th. in birum zu suchen ist. Zweifeis- 
ohne war auch für spirum der Sg. spio (für speo) von grosser Wichtig- 
keit vgl. hliof. stioz ; für das ahd. ist also wirklich Uebertritt unter die 
redupl. Prät. anzunehmen im Gegensatz zu an. spjö vgl. p. 86 Anm. 
Im got. und ae. zeigt sich naturgemäss keine scheinbare oder wirkliche 
Anomalie: dazu bot der Reflex des alten spdiva in diesen Dialecten 
keine Gelegenheit, scrirum zu scrlan ist Analogiebildung nach spirum 
zu sptan, der Nebenform von spiwan. Auch im an. haben wir ein 
paar redupl. Prät. zu abl. V.. deren Ursprung sehr spät sein rauss. 



ZUM REDUPL. PRÄTERITUM IM ALTENGL. 97 

mit präsentisehen 6 und au (ü) erhalten. Meiner Meinung 
nach ist es reiner Zufall, dass wir die zweisilbige Stammform 
nicht bei Verben mit präsentischem ai finden; dies kommt 
daher, dass bei keinem der hergehörigen V. im ahd. ein r 
(oder l) im Spiele ist ; vgl. sceidan, zeisan, meizzan, sweiffan. 
Dagegen wird es bei den Verben mit präsentischem a vor 
Doppelconsonanz doch wohl auf innerem Gründe mitberuhen : 
in demselben Maasse als ein altes au und 6 zu o (u) gekürzt 
wurde, konnte ein einfaches a schwinden, und mit dem Schwund 
des Wurzelvocals trat für den syncopirten Typus ein neuer 
£-Typus ein — freilich auf unerklärliche Weise. Im ae. 
finden wir neben dem ^-Typus und den oben genannten 
Resten des syncopirten Typus einen neuen Typus: den 
eo-Typus. Die Angabe der Litteratur über die redupl. Prät. 
des ae. übergehe ich und stelle hier eine Liste zusammen, 
die möglichst sichere Resultate einer Sammlung hergehöriger 
Formen bietet. Ich hoffe, dass einzelne Bemerkungen auch 
denjenigen willkommen sein werden, die ihrerseits Hypothesen 
über denselben Gegenstand aufgestellt haben, aber bemerke, 
vorher, dass ich mich in Bezug auf die. Quantität der Vocale 
im ae. Prät. zu den Ansichten ten Brinks Angl. I, 513 ff. 
bekenne. 

Wo zahlreiche Beispiele aus Poesie und Prosa zur Hand 
waren, fehlt jedes Citat ; wo die Namen Grein oder Ettmüller 
genannt sind, habe ich keine eignen Belege ; wo Prosabelege 
gegeben werden, beruhen sie, wenn nicht ausdrücklich das 
Gegentheil bemerkt wird, auf eigner Sammlung. 
fön ßng 
hon häng 

gangan geong Grein; man findet in der einschlägigen 
Litteratur neben geong stets geng und gien(g) an- 
gesetzt ; beide Formen sind nur je einmal belegt und 
zwar aus Genes. (B) 834 und 626; es liegt daher 
nach einer Vermuthung des Herrn Prof. ten Brink 
nahe, beide zu den von Sievers Heliand p. XXXII f. 
Anm. zusammengestellten stehengebliebenen as. For- 
men zu gesellen. In Prosa herrscht ganz ausschliess- 
lich eode. 
qf. xxxu. 7 



98 ZUM ÄEDÜPL. PRÄTERITUM IM ALTENGL. 

bannan beon(n); Leo ags. Gl. p. 419 belegt das Prät. 

aus Thorpe Diplom, p. 201 (= Kemble Cod. Dipl. 

II, 387) und p. 139. 
spannan speonn; spinn ist bei Grein nur einmal belegt, 

und wieder nur aus Genes. (B) 445; im as. ist 

spannan nicht belegt ; aber da das V. ahd. ist, wird 

es uns nur durch Zufall im as. nicht erhalten sein. 

spinn steht daher auch im Verdacht eine stehenge- 
bliebene as. Form zu sein. 
spanan speon; spdn kommt bei Grein nicht vor, öfter in 

Prosa; Oros. p. 26; Päst. Care p. 214. 222. 350. 401; 

doch scheint speon in Prosa durchaus vorherrschend 

zu sein. 
blandan blind: Grein. 
heqldan heold; hold Ags. Chron. I, 374 (ad a. 1123), 

p. 379 (a. 1139) und p. 382 (ad a. 1135). 
feql&an feold: Grein; auch Pros.-Bibl. I, 67. 107; Godsp. 

110. 122. 178. 
wepldan weold. 

weglcan weolc: Grein; auchHomil. I, 448; vit. Gudl. 14? 
siejldan steold: Grein. 
weyllan weoll: Grein; auch Pros.-Bibl. I, 192; Homil. I, 

86; ags. Chron. p. 364; Past. Care p. 49. 
feqllan feoll. 
weqhsan weohs (selten wöhs). 



hätan hM; heot Kemble Cod. Dipl. V. 29; Thorpe Dipl. 

524; ags. Chron. S. 50Anm.; S. 52 Anm.; S. 122 

Anm. p. 352 ; heht Grein und Sweet Past. Care Einl.36. 
läcan legte Grein; lec nur Genes. (B) 647 (weder im 

as. noch im hd. ist das entsprechende V. vorhanden); 

Prosabelege fehlen mir. 
swdpan sweop: Grein. 
[swäfan sweof: Grein]. 
scädan seid: Grein; seeod Ettmüller ; seid Past. Care 

p. 38. 290. 350 (im Cotton Ms. ; im Hatten Ms. dafür 

seeod, das möglicherweise seeäd ist und sich zu scpddan 

verhält wie gang zn gangan. 



m 

ÄÜM REDÜPL. PRÄTERITUM IM ALTENÖL. 99 

hleapan fdeop. 

beatan beot: Grein (auch Godsp. S. 67. 98. 107 Pros.- 

Bibl. S. 197. 198). 
heawan heow. 
breatan breot: Grein. 
spreatan spreot: Grein. 
büwan beo (Zimmer Ost- und Westgerm. 48 — 56). 



JMan leprt: Grein; Ut herrscht in Prosa und Poesie; 

leot ags. Chr. p. 122 Anm. (ad a. 852); p. 220 Anm. ; 

p. 377 (ad a. 1126). 
röbdan reprd: Grein. 

drdbdan dreprd: Grein; in Prosa stets dr$d. 
sldbpan sUp. 
hwdesan hweos (Präs. hwcesan? hwdsan? hwdsan? auf 

das Prät. Homil I, 86 hat Holtzmann ad. Gr. p. 206 

aufmerksam gemacht; weitere Belege sind seitdem 

nicht bekannt geworden; Zupitza Jen. Litt. -Zeit. 1878, 

S. 214). 
säwan seow: Grein; auch Godsp. S. 28. 30. 31. 133. 151. 
bläwan bleow: Grein und Ettmüller ; in Prosa sehr häufig. 
präwan preow: mir nur aus Hom. II, 510 bekannt; das 

Part, präwen belegt Leo). 
cnäwan cneow: in Prosa sehr häufig (Godsp. 113. 125. 

175. 179 u. s. w.); cnöw vgl. Sweet Pastor. Care 

XXVIII. 
cräwan creow: Godsp. 67. 107. 174. 229. 
wäwan; Prät. unbelegt? 
mäwan meow unbelegt? 



spowan speow. 

röwan reow: Grein; auch Hom. II, 148. 378. ags. Chr. 

176. 307. 
grdwan greow: Grein; auch Hom. II, 8; Past. Care 336. 
bldwan bleow: Grein; auch Hom. II, 8. 
flowan fleow: Grein und Ettmüller; auch Hom. II, 58. 

158. 162. 202. 250. 312 und sonst. 
Jüöwan Jüeow: Grein. 

7* 



100 ZUM REDÜPL. PRÄTERITUM IM ALTENGL. 

glowan: Prät. unbelegt? 

hr&pan hreop. 

hwdpan hweop: Grein. 

bldtan bleot: Grein; ist bJM belegt? 

swigan: Prät unbelegt? 

wSpan weop. 

Ehe ich meine Erklärung für das ae. eo biete, muss ich 
folgende Punkte der Erwägung anempfehlen. 

1) Bei den Verben der germ. Reihe haldan haben wir 
im ae. bald eo, bald L Die Verba auf alx haben consequent 
eo; denn jene ö von httd können nichts beweisen; sie ge- 
hören einer späten Periode an , wo bei einigen Verben 
Schwanken zwischen eo und e eintritt; derselben späten Zeit 
gehören leot und heot neben let und hH an. Die Verba der 
Formel anx haben theils $ (feng hing blind) theils eo (geong 
beonn speonn speon) ; auf eine Regel kann man in Betreff 
derselben nicht kommen. 

2) Die Verba der Reihe haitan haben bald S bald eo; 
eine Regel lässt sich nicht gewinnen. Die ganz späten heot 
kommen nicht in Betracht. 

3) Die Verba der Reihe hlaupan scheinen durchweg eo 
zu haben. 

4) Die Reihe Idetan: die auf Consonanten auslautenden 
Wurzeln scheinen in den ältesten Denkmälern stets den 
syncopirten Typus erhalten zu haben. Nur zu stöbpan ist 
derselbe nicht nachweisbar; ob zufällig? Neben dem synco- 
pirten Typus scheint der £-Typus zu herrschen. Das sehr 
späte leot kommt nicht in Betracht. Ursprünglich vocalisch 
auslautende Basen scheinen stets den eo-Typus zu haben; 
man beachte jedoch die cnöw aus König Alfreds Ueber- 
setzung der Cura Pastoralis. 

5) Die Verba mit innerem 6 haben soweit mir beleg- 
bar stets eo. 

Der eo-Typus ist also vorherrschend; Schwanken zwischen 
diesem und dem ^-Typus ist vielleicht nur für scddan zuzu- 
geben; der sehr späte, wohl erst der letzten Hälfte des 11. 
und dem 12. Jahrhundert eigenthümliche Wechsel von eo 



ZUM REDUPL. PRÄTERITUM IM ALTENGL. 101 

und t in heold~h$ld, Ut-leot, het-heot kann für die Unter- 
suchung von gar keinem Interesse sein. Der ^-Typus zeigt 
sich mit Constanz nur in hing und fing (und blond), in sUp 
und neben dem syncopirten Typus in Ut und drid und htt. 
Es lässt sich demnach keine bündige Regel über das Auf- 
treten der beiden Typen geben. 

Dies ist der Ausgangspunkt der folgenden Hypothese. 

Der eo-Typus ist an einigen Stellen durchaus gesetz- 
mässig. eo als Diphthong ist germ. eu. Sobald bei Verben 
mit anlautendem w der "Wurzel vocal unterdrückt, also vivald 
zu vevld wurde, musste der eo-Typus entstehen; wewld wird 
zu weuld weold. Kann ae. weold noch länger auffällig sein? 
und weoll aus vSvall zu vegllan? und weohs aus vSvahs zu 
veqhsan ? und weolc aus vivalc zu veglcan ? und weop zm vdpan 
= vöpian für vivop? Und wäre zu wäwan nicht ein weotv 
denkbar und naqh Analogie der Verba derselben Reihe er- 
forderlich? Wir haben also zunächst 6 Verba, bei welchen 
die 00-Bildung durchaus gesetzmässig ist;' und von diesen 
Formen aus wurde die 00-Bildung zum 00-Typus. 

Noch günstiger stellt folgende Hypothese meine An- 
nahme, dass der 00-Typus von einigen regelmässigen Formen 
ausgegangen ist. In 5 Verben bildet w das zweite Element 
anlautender Doppelconsonanz. Erinnert man sich nun an das 
bekannte dreprd, welches durch drSrod aus germ. dSdrdd ent- 
standen ist, so wird man die Möglichkeit folgender Annahme 
zugeben : germ. siswaip wurde durch die Mittelstufen seswop 
< swewop < swewp zu sweop. Dieselbe Erklärung lässt sich 
ausserdem auf hweop (hwopan) = got. hvaihvöp, auf hiveos 
(hvShvds ?), auf *sweog (swigan) [und sweof : swdfan] an- 
wenden. Wir hätten hiernach 10 Formen mit berechtigtem 
eo im redupl. Prät. Nun besitzt das ae. nicht ganz 50 redupli- 
cirende Verba. Etwa 35 Verba zeigen überhaupt den eo- 
Typus. Es ergibt sich also, dass etwa 25 Verba sich nach 
der Analogie von etwa 10 gerichtet haben. Ein günstigeres 
Resultat kann kaum erzielt werden.* 



* loh merke hier an, dass meine Erklärung des eo-Typus im ae. 
sieh aus einer Uebertragung derjenigen Prinoipien ergeben hat, die 



102 ZUM BEDUPL. PRÄTERITUM IM ALTENGL. 

Auffällig bleibt im ae. trotz oder grade wegen der An- 
nahme von Analogiebildung doch manches. Ich fasse beonn 
speonn geong u. s. w. als Analogiebildung nach weold u. s. w. 
Wesshalb aber — frage ich mich vergeblich — wesshalb 
trat bei geong Analogiebildung nach weold ein und wesshalb 
haben wir nicht feong, nicht heong, sondern nur, fing, nur 
hing? Man kann sich leicht mit allgemeinen Redensarten 
aus dieser Klemme helfen wollen, etwa: die Wirkung der 
Analogie sei nicht nothwendig, sondern willkürlich und un- 
berechenbar. Aber ich glaube nicht, dass man sich in unserm 
Falle bei solchen Worten beruhigen kann. 

. Ich hatte ursprünglich vor, an die Darlegung meines 
Standpunktes in Betreff des ae. eo eine Erörterung über die 
mehr oder weniger glücklichen Theorien meiner Vorgänger 
in der Behandlung dieser Frage zu knüpfen. Wie sie aus- 
gefallen wäre, mag jeder an sich prüfen, der meiner Er- 
klärung Beifall schenkt. Doch hebe ich zwei Punkte hervor. 
Die Scherer-Sievers'sche Theorie nimmt verschiedentlich Aus- 
fall des wurzelanlautenden Consonanten an: ein solcher wider- 
spricht den Lautgesetzen.* Joh. Schmidt nimmt an, ae. eo 



Hübschmann Ez. 24, 405—406 Anm. für die Genesis des l-Typus im 
ind. aufgestellt hat. 

* Man führt gern das aussergot. Zahlwort für Vier' gegenüber 
got. fidvör, fidur t &\% sicheres Beispiel für die Möglichkeit des spur- 
losen Schwundes von Consonanten an. Den richtigen Weg zur Er- 
klärung hat Zimmer Ost- und Westgerm. p. 16 gezeigt. Ein d konnte 
nicht schwinden, dagegen ist der Schwund von g vor v (oben p. 12) 
gesetzmässig, und wir finden wirklich im an. noch ein g. Die ausser- 
got. Formen beruhen auf (fegv&r =) fevör- und fegur-; die letzte 
Form hat sich nur im an. erhalten in fiögur; die Form fevör liegt in 
allen Dialecten ausser im got. vor. Wie verhalten sich nun fegvör : 
got. fidvör und fegur : got. ßdur? Mit Zimmer an wirklichen Wechsel 
von d und g glauben ist mir nicht möglich, solange Beispiele fehlen. 
Ich denke mir die Genesis der germ. Formen vorläufig so : die ältesten 
Formen sind ketvör und ketur ; es stellte sich für t im Inneren ein k 
ein im Ansohluss an den Anlaut. Für diese Annahme lassen sich Pa- 
rallelen beibringen: lat. quingue für pinque; sk. shash für sash. So ent- 
standen kekvor und kekür neben ketvö'r und kettir. Und von da an 
geht die Entwicklung ihren ruhigen Gang. Auffällig bleiben die Formen 
jedenfalls auch bei dieser Erklärung; wenn die got. Formen mit d 



ZUM REDUPL. PRÄTERITUM IM ALTENGL. 103 

und d hätten in jeder Sprachperiode ganz promiscue ge- 
wechselt; so gewiss man überhaupt von Sprachchronologie 
reden kann, so sicher ist es, dass der d-Typus und der eo- 
Typus in keinem causalen Verhältnis zu einander stehen. Man 
kann die Probe mit einzelnen Denkmälern, etwa mit der Elene 
(oder dem Beow.) machen: es stehen sich fing, hdng- heold, 
geong strenge gegenüber, und nirgends zeigt sich in alten 
Denkmälern eine Contraction von eo in L 

Im übrigen muss ich diejenigen, die sich für die Frage 
speciell interessiren, auf Scherers, Sievers und Schmidts eigne 
Auseinandersetzung verweisen. 



§• 4. 

DAS PRÄTERITUM DER V° dhä 1 IM WESTGERMANISCHEN. 

Die Perfectbildung der v° dhä 1 verlangt eine besondere 
Besprechung; sie ist an und für sich interessant und steht 
mit weitern Fragen im engsten Zusammenhange. 

Dass die Wurzel .dhä 1 eine a 1 -Wurzel ist, ergibt sich 
aus dem 6 des germ. Präs. und aus dem i des sk. hitäs 
(germ. dänäs resp. d&näs deckt sich in der Dehnung mit zd. 
data; Gdf. dhd l -tä8, -näs). Das Prät. muss daher Steige- 
rung gehabt haben und, weil der Präsensvocal schwer ist, 
reduplicirend gewesen sein: der Sg. lautete also didda di~ 
dösta didde* , nach dem Wirken des Auslautsgesetzes <Mdd 



fehlten, würde sie mehr Wahrscheinlichkeit haben. Ich stelle meine 
Annahme nur in der Hoffnung auf, dass sie bald durch eine schlichtere, 
einfachere ersetzt werden möge. Jedenfalls aber berechtigen die ver- 
schiedenen Formen für die Zahl 4 im germ. keineswegs zur Annahme, 
dass überall einmal gelegentlich ein Consonant schwinden könne. Und 
desshalb habe ich die Formen hier besprochen. 

* Holtzmann in seiner Schrift über den Ablaut brachte die Acoent- 
verschiebung im germ. in didöa (Holtzmann p. 72 setzt zaudernd und 
fragend ein got. daidö mit ai als KeduplicationsTOcal an: ein Nach- 
trag zu S. 71) in causalen Zusammenhang mit sk. dddhdu. Diese Con- 
jeetur spricht nicht wenig für H's. immensen Scharfsinn in Saohen der 
Grammatik. Dass sich dieselbe aber nicht mehr halten lässt, beruht 
auf der vorgerückten Eenntniss der Veden, die noch stets dadjiä' bieten. 



1 

104 DAS PRAT. DER \^ dhä 1 IM WESTGERM. 

dSdöst dtdö. Nur das got. könnte diese Flexion in aller 
Reinheit bewahrt haben als daidö dalddst daidö. Sonderbarer 
Weise fehlt sie im ostgerm. überhaupt, und Wunder über 
Wunder! das westgerm. hat diese Formen annähernd treu 
bewahrt, während es sonst stets die zweisilbigen Präterital- 
stämme in einsilbige umgewandelt hat. 

Eine Erklärung hat dies Factum bis jetzt nicht ge- 
funden, obwohl es — ich glaube seit Holtzmann — allgemein 
anerkannt ist. 

Die Grundform, in der wir das alte Prät. der >/~* dhä 1 im 
westgerm. finden, ist didd (= got. daidö). Wir haben als 
Ausgang der schw. Prät. für die westgerm. Grundsprache ein 
dö anzusetzen. Ja wir finden sogar in den westgerm. Dia*" 
lecten eine durchgängige Besponsion des schw. Prät. und der 
Flexion des Prät. der y^ dhä 1 . 
ahd. nerita : teta 

\ nerida, neridos, nerida : deda, dedos, deda- 

\ neriduri : dedun 

\ nerede, neredest, nerede : dide, didest, dide 

\ neredon : didon (dedon Sw^et Pastor. Care XXVII). 
Wir dürfen aus dieser Uebereinstimmung einen doppelten 
Schluss ziehen: einmal, dass bereits im urwestgerm. Gleich- 
heit der . Formen vorhanden war, und dann, dass dieser 
Parallelismus die Ursache der Erhaltung der Reduplication 
war, indem das Sprachgefühl neri-dd und de-dö zerlegte, 
also in dem letzteren auch ein schw. Prät fühlte. Freilich 
ist es schwierig alle urwestgerm. Formen zu construiren. Sicher 
ist didd : nazidd für die 1. Pers. und wahrscheinlich auch 
für die 3. Pers. Sicher ist mir ferner die 3. Plur. didun : 
nazidun; über nazidun ist unten zu handeln, didun ent- 
spricht dem ai. dadhüs; das Princip beider Bildungen besteht 
darin, dass der Wurzelvocal im Auslaut der Basis dhä 1 vor 
unmittelbar folgendem vocalisch anlautendem Personalsuffix 
schwindet* Sk. dadhüs = germ. didun (ae. didon) beruhen 
demnach auf dha x dh(a*)d x nt. In der 2. Pers. Sg. scheint sich im 



f Von hier aus fällt neues Licht auf meine Annahme eines idg. 
prti (= got. filu) zu V° pra ; vgl. p. 23. 



DAS PRÄT. DER \/~* Mhä 1 IM WESTGERM. 105 

ae. neridest nach didest (germ. didost; vgl. got. saisdst) ge- 
richtet zu haben; im as. umgekehrt der Auslaut von dedös 
nach dem von neridös. 

Die Ansicht, wonach das da der schw. Prät. des got. 
(und germ.) Perf. der v° dhä 1 sei, möchte ich am liebsten 
auf sich beruhen lassen, da sich kein einziger Punkt für sie 
geltend machen läset und Scherers Annahme eines germ. Aor. 
mit Unrecht so gern ignorirt wird. Erstens weil die y/^ dha 1 
ein reduplicirtes Perf. bilden muss und der Schwund der 
Beduplication in dem zu construir enden Perf, didöa durch- 
aus beispiellos wäre, zweitens weil wir bei der Annahme 
eines Perf. im got. nicht da u. s. w., sondern do u. s. w. 
nach Analogie von saisd u. s. w. erwarten müssten, drittens 
weil westgerm. dd und cUdd nicht beide zugleich Perf. sein 
können: ist erstens das Suffixelement der schw. Prät. kein 
Perf. der \P dhä 1 und zweitens nur westgerm. didd echtes 
Perf. «der \T dhd\ 

Ueber got. dfa herrscht grosse Meinungsverschiedenheit. 
Mir scheinen Holtzmann Germ. 9, 185 und Joh. Schmidt 
Vocal. I, 57, wofern ich die Stelle richtig auffasse, die allein 
mögliche Erklärung gegeben zu haben: got. dis ist germ. 
dessa, dhässä für dhädhtd. Im ind. herrscht für die 2. Sg. Pert. 
bekanntlich eine doppelte Möglichkeit der Bildung: das Suffix 
tha wird entweder an die st. oder an die schw. Stammform 
gefügt. Nun beruht wie sich gleich zeigen wird der Plur. 
didum (got.) auf einer idg. v° dha^dh; dazu lautete die 
st Perfectform dha^dhd^dh; diese um Suffix ta vermehrt, 
musste ein germ. däst ergeben: die schw. Form lautete 
död (wie bdr-, set- u. s. w.) und diese um Suffix ta gemehrt, 
x ergab regelrecht dSssd = d$s. Ich sehe sehr wohl, dass das 
Fehlen anderer Formen, die nach demselben Princip gebildet 
sind, dieser Erklärung nicht grade günstig sind; aber ich finde 
keine Möglichkeit einer bessern Erklärung. Dunkel ist an. 
dir; es ist aber sehr die Frage, ob es dem got. dis antwortet, 
oder ob es nicht vielmehr echte Aor.-Form (gr. sdrjg^ sk. 
ddhäs, urgerm. idöz) ist. Und die westgerm. Formen (ae. 
-dest = as. dos = ahd. tds) können ihren Vocal möglicher 
Weise den übrigen Singularformen entlehnt haben; das s 



106 DAS PRAT. DER V° dhä x IM WESTGERM. 

der ahd. = as. Form ist vielleicht alt und ursprünglich und 
möglicherweise der Ausgangspunkt für das s in findis, biris* 
das nicht zu dem z von germ. finpezi, birezi stimmt. Dunkel 
und verworren — soviel ist nach allem, was man über da und 
seine Verwandte gesagt hat, niemandem zweifelhaft — ist die 
Flexion der schw. Prät. in hohem Maasse, und wir gelangen 
nicht zu leicht zur richtigen Einsicht. 

Ich komme jetzt zu got. -dddun = ahd. tätun. Ich sehe 
keinen Grund, wesshalb man sich vielfach gegen die Annahme 
einer idg. Wurzel dha^dh so sehr gesträubt hat; die Wurzel 
an sich kann nicht auffallig sein und sie wird durch das ai. 
dadh durch ksl. dezdq, (= dedjd ; Präs.-Bildung nach der 4. 
sk. Classe) und durch die germ. Formen so sicher gestellt 
wie irgend welche andere Wurzel. An germ. dHum (dädum) 
ist mir ebensowenig etwas unverständlich als an b$rum(bdrum). 
Dass sich die Flexion des schw. Prät. im got. aus Bruch- 
stücken eines alten Aor. und eines alten Perfects aufbaut, 
daran wird wohl auch diq Syntax nichts auszusetzen haben. 
Und dass sich im ahd. und spurenweise auch im ae. echte 
Perfectformen beider Wurzeln zu einer Formeneinheit ver- 
binden, ist doch nicht beispiellos. 

Fasse ich die Resultate dieser kurzen Bemerkungen in 
Paradigmata zusammen — auf einzelne Punkte der schw. 
Präteritalbildung komme ich unten zurück — , so haben wir 
folgende urgerm. Perfectformen gefunden. 



V° dha 1 

Sg. 1. didöa, dido 

2. dtddsta, didost 

3. didoe, dedö 

Plur.l. — — 

2. — — 

3. dtdunp, didun 



V° dha^dh 
dössä, dess, d$s 



dedumi, dödum 
dedudi dddud 
dödunp didun 



DRITTES KAPITEL. 

DER AORIST IM GERMANISCHEN. 

Man erwartet hier vielleicht eine Besprechung von Joh. 
Schmidts Hypothese, welche zu den zahlreichen feinen Be- 
merkungen der nicht genug geschätzten Anzeige von Leo 
Meyers got. Spr. Kz. 19, 268—296 gehört, dass das einmal 
überlieferte digands und das zweimal belegte hatands Part. 
Aor. seien. Die Möglichkeit dieser Erklärung leuchtet ein; 
sie lässt sich völlig rechtfertigen durch das Verhältnis di- 
gands : deigands = gr. Xmwv Xsinwv. Es liegen aber noch 
andre Möglichkeiten bes. bei digands vor, und diese hat 
Schmidt übersehen. 

Im altind. flectirt y° dih nach der 2. sk. Classe dShmi 
dhimds; das zugehörige Part. Präs. dthat- deckt sich mit got. 
digand-. Man könnte für das germ. auch eine Präsensbildung 
nach der 6. sk. Classe annehmen, von der zwei ostgerm. 
Beispiele vorhanden sind. Einem sk. dihami müsste germ. 
dXgö entsprechen und dazu würde das Part. cKgands lauten. 
Dieser Annahme wird derjenige seinen Beifall nicht ver- 
sagen können, der meiner obigen Annahme got. gadigis stehe 
für gadeigis (== gr. rst/og) nicht zustimmt. Ich kann hier 
die Bemerkung nicht unterdrücken, dass man aber viel- 
leicht mit Unreeht got. gadigis auf einen alten as-Stamm 
dhd i igha 2 s zurückführt. Zwar an sich könnte der Wechsel 
des s und z in got. Nominibus, die wir auf alte os* 
Stämme zurückführen, nicht viel besagen bei den Laut- 
verhältnissen des got. Aber die Uebereinstimmung von got. 
agisa- m. und ahd. egisa- f. und die Discrepanz zwischen der 



108 DER AORIST IM GERM. 

Gdf. agSsar, agteo und einem zu postulirenden dgeza- (zu 
idg. d ] ghas-) mahnen doch zu einiger Vorsicht bei der An- 
nahme alter as -Stämme für das germ. Vorausgesetzt nun, 
dass got. gadigis auf echtem as-Stamm beruht, ergeben sich 
von selbst folgende Möglichkeiten: da das Princip der as- 
Stämme starke Vocalstufe erfordert, so ist gadeigis zu schreiben 
und daher vielleicht auch gadeigands — beide Worte kommen 
unmittelbar nebeneinander vor, Rom. 9, 20 — oder gadigis 
durchbricht dieses Princip und hat schw. Vocalform und zwar 
könnte dies nur aus der Annahme eines nebenher laufenden 
Präs. Inf. d/tgan, also einer Präs.-Bildung nach der 6. sk. 
Classe, zu welcher digands gehören würde, erklärt werden. 

Ich wage nicht unter den verschiedenen Möglichkeiten 
der Erklärung eine als die wahrscheinlichere auszuwählen. 

Lag bei digands die Möglichkeit einer Verschreibung 
für deigands nahe, so ist in folgendem Falle die Zahl der 
Alternativen geringer. 

Das einmal belegte hulundi st. f. Höhle ist augen- 
scheinlich ein Particip und gehört zu germ. hild hehlen, ver- 
bergen'. Die Wurzelsilbe hat schw. Vocalstufe dem st. Verb 
gegenüber. Das Verhältnis von dsQxo/uai tdgaxov legt die 
Annahme nahe, dass hulundi ein Part. Aor. ist. Es könnte 
aber auch als Part. Präs. eines hSlö sein, das ursprünglich 
der 2. sk. Classe folgte; hild, häamez wäre ursprünglich 
liümi Jcolmis. Die Möglichkeit, dass hulundi das Part, eines 
Präs. nach der 6. sk. Classe sei, hat keine Wahrscheinlichkeit. 
Das auslautende -di im Nom. von hulundi entspricht genau 
dem gr. -oa = sk. ti, Grundform tiaK Das -un- von hulundi 
ist dem von got. tunpus zu vergleichen und ist ind. a = 
idg. a lW . Auch bei diesem Nomen ist die Entscheidung 
schwer. Ueber got. püsundi weiss ich nichts neues beizu- 
bringen; ob wirklich ein tus ai ntya l Grundform ist? Soviel 
ist sicher, dass got. püsundi und hulundi und tunpus mit 
ihrem innerem -ww- eine Alterthümlichkeit bewahrt haben, die 
dem gr. verloren gegangen ist. 

Ich habe diese Bemerkungen über einige Participia, 
die möglicherweise für das Vorhandensein eines Aor. im germ. 
resp. got. Zeugnis ablegen, vorausgeschickt. Der eigentliche 



DER AORIST IM GERM. 109 

Gegenstand dieses Kapitels sind nicht sporadische Formen, 
die theilweise zu wenig belegt sind, sondern zwei Bildungen, 
von denen die eine für alle germ. Dialecte bis auf unsere 
Tage von der weittragendsten Bedeutung ist, während die 
andere in zwei Dialecten lange Zeit hindurch ein jugendfrisches, 
üppig wucherndes Leben hatte. 



§1. 

DER AORIST DER V° dha IM GERMANISCHEN. 

Begemann hat bei seinen Untersuchungen über 'das schw. 
Prät.' 1873 und 1874 in der Polemik gegen verfehlte Theorien 
seiner Vorgänger theilweise viel Scharfsinn, im Aufstellen 
eigner Ansicht aber noch mehr Methodenlosigkeit gezeigt. 
Was seine Darlegungen I, 1 — 25 anbetrifft, wo er die Ge- 
schichte der Frage nach dem zweiten Element im schw. Prät. 
behandelt, so wird man im ganzen und grossen seinen Ein- 
wänden gegen frühere Ansichten durchaus Beifall schenken 
müssen, Aber seine Polemik gegen Scherers Annahme eines 
Aor. mus8 als äusserst unglücklich bezeichnet werden. Nichts- 
sagend nämlich ist die Bemerkung: es wird sich schwerlich 
jemand für einen urgerm. Aor. begeistern, um daraus die 
speciell germ. schw. Prät. zu erklären, da von einem Aor. 
innerhalb des germ. sonst keine Spur zu entdecken ist.'. Aber 
selbst wenn letzteres richtig wäre, hätte Scherers Annahme 
ebenso eingehend widerlegt werden müssen als die der übrigen 
Gelehrten, die über das schw. Prät. conjicirt haben. Später 
mag Begemann die Misslichkeit der Unterlassung einer Wider- 
legung von Scherers Ansicht empfunden haben und er holt 
daher II, XVII einige Punkte nach. 

Scherers Hypothese in Betreff des schw. Prät. gilt mir 
als eine der geistvollsten Theorien, an denen sein zGDS so 
reichhaltig ist und von denen nicht wenige der Conjugation 
in hohem Maasse zu gute kommen. Dass das -da der schw. 
Yerba kein altes Perfect sein kann, steht nach den obigen 
Bemerkungen und nach allem, was Begemann beigebracht 
hat, vollkommen fest. Scherers Theorie hat einige «Lücken 
und Unvollkommenheiten; auch betont er ja selber ausdrück- 



110 DER AOR. DER y^ dha IM GERM. 

lieh, dass er seine 'Conjectur nur als eine aufgeworfene Frage 
angesehen wissen wolle. Es ist allgemein bekannt, dass er 
das -da, -d$s, -da des got. auf alte dhäm, dhäsi, dhät zurück- 
führt. Die Misslichkeit einer Grundform dhäsi für got. dös 
hat Begemann richtig hervorgehoben; sk. ddhds, gr. sdijg 
setzen ein idg. ddhäs mit Secundärsuffix voraus; und dies 
hätte durch ein got. *das (nicht durch da wie Begemann will) 
reflectirt werden müssen. Aber eine andere Schwierigkeit 
der Scherer'schen Erklärung hat Begemann übersehen; ur- 
germ. dhäm oder vielmehr genauer dhdm hätte durch das 
Auslautsgesetz nicht zu da werden können; urgerm. p6m(= 
gr. Tfjv y sk. täm) ist got. pd; wir hätten also ein got. dd zu 
erwarten, mit einem Wort: auf dhöm, dorn hätte nicht das 
vocalische Auslautsgesetz der Mehrsilbner, sondern das der 
Einsilbner wirken müssen. Man wird auf Grund von Be- 
merkungen Scherers hiergegen einwenden, nicht ddm wäre 
zu da geworden, sondern nazidorn zu nazida. Freilich 
bleibt bei dieser Annahme das vocalische Auslautsgesetz in- 
tact, aber es entstehen neue Schwierigkeiten. Wir kommen 
hiermit zu demjenigen Punkte, dessen Berührung man meist 
behutsam gemieden hat, zur Theorie der Zusammensetzung der 
schw. Prät. Die Frage lautet: was ist das erste Glied der 
Zusammensetzung im schw. Prät.? 

Auch über diese schwierige Frage hat uns Amelung 
einen eingehenden Aufsatz hinterlassen, der ZfDA XXI, 
229—253 abgedruckt ist. Er geht davon aus, dass im got. 
nazida das erste Glied nicht der Verbalstamm sein könne, 
weil dieser nasja- laute. Dasselbe muss vielmehr der Accusa- 
tiv eines Nomens gewesen sein, und zwar bei trans. V. der 
Accus, eines Adjectivs, bei intrans. der Accus, eines Substantivs. 

Got. nasida (rettete), weil trans., soll als 1. Glied einen 
durch das Auslautsgesetz zu nasi gekürzten Accus. Neutr. 
naziam (zu einem Nom. Masc. nasjis) enthalten; das Neutr/ 
wird angenommen, 'da sich das umschriebene Perf. in gleicher 
Weise auf ein Object im Masc. Femin. oder Neutr» beziehen 
könne'. Diese Annahme setzt voraus, dass das germ. eine 
grosse Zahl adjeetiver ja- Stämme besessen hat ; für nasja- 
läset sich Amelungs Annahme in keiner Weise wahrscheinlich 



J>ER AOR. DER y^ ^a IM GERM. 111 

machen; bei nivida zu got. mu/ts hat sie allerdings Anhalt. 
Bei fullida (füllte) kann an einen Stamm fullja- nicht ge- 
dacht werden. Am unwahrscheinlichsten ist Amelungs Theorie 
bei der Erklärung der schw. Präterita zu echten Causativen, 
die doch sicher einen Hauptbestandteil und ein uraltes Con- 
tingent der 1. schw. Conjugation bilden. Er muss zu Er- 
klärung von satida einen Adjectivstamm satja = positus con- 
struiren ; aber er ipricht seiner Theorie selber das Todesurtheil, 
wenn er behauptet: es ist dabei durchaus nicht erforderlich, 
dass diese Adjectiva auch in weiteren Gebrauch kamen; ja 
es ist keine Paradoxie, wenn ich meine, dass sie nicht einmal 
wirklich geschaffen, sondern bloss gedacht zu werden brauchten, 
um daraus den hier nöthigen Accusativ zu bilden/ Amelung 
hat immer den Zustand der Formen nach dem Wirken des 
Auslautsgesetzes vor Augen. Er beachtet nicht, dass auch in 
allen vorhergehenden Perioden das periphrastische Prät. vor- 
handen gewesen sein muss ; denn man kann doch nicht im 
Ernst glauben, dass man erst nach dem Wirken des Aus- 
lautsgesetzes die Causativa in der Vergangenheit zu brauchen 
anfing. Die ideellen Verbaladjectiva wie satjis = positus 
sind Phantasiegebilde ohne historische Berechtigung. Und 
somit entbehrt auch Amelungs Theorie über nasida u. s. w. 
der inneren Wahrscheinlichkeit. 

Den iritrans. schw. ja -Verben legt A. neutrale Nom. 
Action. auf ja- zu Grunde. Für einzelne Verba wie andvaur- 
dida (antwortete) zu got. andvaurdi liesse sich diese Erklärung 
halten; bei andren passt sie nicht. 

Auch Amelungs Erwägung der 2. schw. Conjug. reizt 
nicht weniger zum Widerspruch. Im 1. Glied des Zusammenge- 
setzten Prät. sieht er den Accusativ eines Femin. mit Suffix 
ä- (genauer 6-). Das got kennt zwar 8 Verba, neben 
denen st. Femin. der a -Deklination stehen; für die Mehrzahl 
der Verben aber fehlen dieselben ; L. Meyer Got. Spr. S. 619 ff. 
Amelung gibt zahlreiche Beispiele aus andern Dialecten zur 
Stütze seiner Annahme. Schwierigkeit machen ihm die trans. 
V., die er wieder von Adject. herleiten will; er nimmt, nur 
weil er keine andere passende Form findet, seine Zuflucht 
zum schw. Acc. Neutr. Aber man sieht nicht, warum bei 



I 

112 DER AOR. DER \P dha IM GERM. 

der 1. schw. Conjugation Derivata von Adjectiven im starken 
Accus. Neutr., diese im schw. Accus. Neutr. gestanden haben 
sollen. 

Für die dritte schw. Gonjug. sucht A. nach Nominal- 
bildungen, die als erstes Element der Zusammensetzung im 
schw. Prät. fungiren könnten; er nimmt, freilich ohne selber 
von seiner Annahme sehr überzeugt zu sein, Nominalstämme 
auf aja an; libai(da) soll auf libajam beruhen. Von der- 
artigen Stämmen finden wir aber im germ. kein Beispiel und 
das stürzt A's. Erklärung. 

Amelung gebührt das Verdienst die Zusammensetzungs- 
theorie zuerst eingehend zur Discussion gebracht zu haben; 
abgeschlossen ist sie nicht, und mein Versuch soll dazu bei- 
tragen, die Frage etwas in den Vordergrund zu drängen; 
bisher stand sie ziemlich im Dunkeln und man scheute sich 
sie ans Licht zu ziehen. 

Ich gehe aus von der 1. schw. Conjugation. Wir haben 
jetzt für das got. eine gute Zusammenstellung bei L. Meyer 
got. Spr. p. 320 ff. Darnach scheiden sich die schw. ja- 
Verba folgender Maassen: etwa 40 echte Causativa; etwa 50 
Derivata von Adjectiven auf a- ; etwa 20 Derivata von Adjec- 
tiven auf ja- und i-. Derivata von Substantiven mit Suffix 
a- etwa 35, mit Suffix i- etwa 12. Dieses Zahlenverhältnis 
nun, glaube ich, darf man wohl auch ohne weiteres für den 
Bestand der ersten schw. Conjugation des urgerm. voraussetzen; 
auf dieser Annahme ist die folgende Theorie der Zusammen- 
setzung des schw. Prät. z. Th. mit aufgebaut. 

1) Ich beginne mit den Adjectivderivaten und weiss 
das neue Erklärungsprincip nicht besser klar zu machen als 
durch Paradigmata. 

Got. fullida = föU- eda = foUäm Hörn füllte = 
machte voll; 

got. natida = nat- eda = natam idörn benetzte = 
machte nass; 

got. lausida = laus- eda = läusatn id6m löste = 
machte los; 

got. qivida = qiv* eda = qivdm Sdöm belebte = 
machte lebend. 



DER AOR. DER V° dha IM GERM. 113 

Beispiele dieser Art Hessen sich in Masse beibringen; 
man beachte das Zahlenverhältnis im got. Die 4 genannten 
aber werden genügen das neue Princip zu veranschaulichen 
und dies lautet : wir haben im zusammengesetzten Prät. von 
schw. ja -Verben, denen Adjectiva mit Suffix a (und i) zu 
Grunde liegen, als erstes Element den Acc. des Adj. anzu- 
setzen ; und zwar den Acc. Masc. Neutr. Sg. (Wir brauchen 
für dieselben nicht anzunehmen, dass sie von den ältesten 
Zeiten an das Pronominalsuffix im Nom. Acc. gehabt haben; 
die Anfügung wird wohl nach dem Auslautsgesetz geschehen 
sein). Ein Satz wie 'den Krug füllte ich', got. kas fullida 
würde ins germ. übersetzt lauten kazäm folldm Sdöm = 'den 
Krug machte ich voll'. Ein 'ich löste ihn' got. ina lausida 
muss ins urgerm. mit im Idusam Sddm übersetzt werden. Ist 
also das Object des zusammengesetzten Prät. ein Masc. oder 
Neutr., so sind zunächst Zweifel an der neuen Theorie nicht 
gestattet : die Zusammensetzung ist durchaus nicht wider Laut- 
gesetze eingetreten, sie geschah nach dem Wirken der Aus- 
lautsgesetze. Nun lässt sich aber ein got. graba diupida 
'ich machte den Graben tief nicht auf ein germ. grabdm 
diupöm idom zurückführen, noch weniger ein grabös diupida 
'ich mache die Gräben tief auf ein grabös diupös edom. Viel- 
mehr ist folgende , Erklärung dafür aufzustellen : diejenige 
Form, die das Adjectiv bei masculinen und neutralen Nomini- 
bus im Sg. gesetzmässig haben musste, wurde in der Periode 
der Zusammensetzung die herrschende für alle Genera und 
Numeri. Wenn man diese Annahme theilt, so sind alle 
Schwierigkeiten beseitigt; got. Ada ist nach dem Auslauts- 
gesetz der Mehrsilbner regelmässig aus edom entstanden, und 
die Formen der übrigen Dialecte stehen durchaus im Ein- 
klang: schliessendes dm der Mehrsilbner wurde im ahd. as. 
zu a } im ae. zu e } im an. zu a. Die Zusammensetzungstheorie — 
jede, nicht bloss die eben vorgetragene — hat eine Voraussetzung : 
die Wortstellung des germ. Satzes muss ziemlich regelmässig ge- 
wesen sein : dem Adj. muss der Aor. stets unmittelbar gefolgt 
sein, wenn eine Zusammensetzung beider nach dem Auslauts- 
gesetz möglich gewesen sein soll. Wir haben soeben Unter- 
suchungen über die idg. Wortstellung von Delbrück erhalten, und 
QF. xxxit. 8 



114 DER AOR. DER y/^ dtia IM GERH. 

diese zeigen, dass der Satz ursprünglich immer auf die Formel 
OP (d. h. Object = Accusativ + Prädicat) auslautete. Ob sich 
diese Annahme durch Thatsachen des germ. stützen lässt, kann 
man bezweifeln; unsere ältesten Prosadenkmäler stehen zu sehr 
unter lat. (und gr.) Einflüssen ; und in der Poesie herrscht nicht 
die Wortstellung der Umgangssprache. — Die Zusammen- 
setzungstheorie hat noch eine andere Voraussetzung : sie konnte 
nur eintreten, wenn der Aor. seinen selbständigen Accent ein- 
büsste. folldm idom wurde. zu föll ido und die Zusammen- 
setzung wurde erst möglich, wenn ido accentuationslos wurde : 
erst föll edd konnte zu föUedd führen; läusam idom wird 
Mus idö, Idus edd, läusedö. Wir nehmen also an, dass der 
Aor. der \P dha } , wo er als periphrastisches Element auftritt, 
seinen Accent eingebüsst, d. h. sich enklitisch an den zu- 
gehörigen Accus, angelehnt hat. Jetzt erklärt sich auch, 
warum wir als urgerm. eine Betonung fölledtf, läusedö* an- 
zusetzen haben; man braucht nur an die Accentuation von 
gr. toxi für älteres son zu erinnern: gr. «rr/, wo es bloss 
Kopula ist, verliert seinen Accent, sobald das vorhergehende 
Wort es erlaubt; sonst wird es pxytonirt. Im germ. konnte 
ido nirgends als Hülfsverb vollen Accent behalten, es erhielt 
stets den Nebenton wie gr. Zari* 

Für die Derivata von adjectivischen a- und i-Stämmen 
gilt die vorgeschlagene Erklärung zunächst. Die Adjectiva 
mit Suffix ja- und folglich auch Denominativa zu denselben 
stehen an Zahl weit hinter den eben behandelten zurück; ebenso 
die w-Stämme. 

1 2) Die Derivata von Substantiven mit Suffix a und * 
stützen meine Theorie der Zusammensetzung. Got. pragida = 
'ich lief ist urgerm. prdgam idom gleichsam gr. tqo/ov ed-qv 'ich 
machte einen Lauf. Zu got. hrükida 'krähte' gehört ein 
Nomen, von dem der Acc. hrük belegt ist; hrükida ist also 



* Man könnte für einen Augenblick daran denken, in der postu- 
lirten Unbetontheit von edö einen Rest des idg. Gesetzes über den 
Satzaccent zu sehen, wonach dem Verb des Hauptsatzes kein Accent 
zukommt. Einem ind. pürndm adhäm (nicht ädhdm) würde 



DER AOR. DER y^ dha IM GERM. 115 

germ. hrük Sdö (= hrükam? — im? idöm). Bei intransitiven 
Verben zeigen sich nirgends Schwierigkeiten. Für Transitiva 
ist ein Punkt zu bemerken. Got. maürprida mordete', also 
germ. mörpram idöm = machte einen Mord', konnte vor der 
Periode der Zusammensetzung nur mit dem Genet. des Ob- 
jectes construirt werden; sobald aber das Auslautsgesetz ge- 
wirkt hatte und mörpedd entstanden war, trat eine syntaktische 
Aenderung im Satzgefüge ein: das Prät. periphrast., als 
Flexionsform des Denominativs morprian gefühlt, erhielt dessen 
Syntax, d. h. als Object stets einen Accusativ. 

Die Zahl der Denominativa von Substantiven mit Suffix 
a und i ist sehr zahlreich im got. und so auch im germ. 

3) Es bleibt noch die Besprechung der schw. Prät. der 
Causativa; meine Zusammensetzungstheorie fügt sich hier aufs 
schönste. Ich zerlege got. Formen wie satida, lagida, drag- 
kida, sagqida in derselben Weise wie fullida und sehe im 
ersten Gliede der Zusammensetzung Nomina Masc. oder Neutr. 
mit Suffix a. Es gibt derartige Nomina mit Steigerung in 
der Wurzelsilbe in allen idg. Sprachen; für das gr., welches 
am meisten ins Gewicht fällt, verweise ich auf Fick in Bb. I, 
p. 10. In ihrer Bedeutung schliessen sie sich eng an die 
Wurzeln an. Ueber die Bedeutungslehre haben wir höchst 
verdienstvolle Untersuchungen von Begemann II, 1—96. Wir 
wissen, dass die Wurzeln für Transitivität und Intransitivität, 
für Activität und Passivität völlig indifferent sind: bei No- 
minibus liegt die Sache ebenso klar : gr. ndai c bedeutet Trunk 
und Trank, ^aa/c Essen und Speise, öoaiq Geben und Gabe. 
Derselbe Bedeutungswechsel lässt sich überall verfolgen. Ander- 
weitig wechselt häufig transitive und intransitive Bedeutung: 
in der Zusammenstellung 'das Trinken des Knaben ist das 
Nomen intr., in der Zusammenstellung 'das Trinken des Weines' 
aber trans. das got. dragkida tränkte enthält als erstes Glied 



germ. folldm edötn und weiterhin foll edö entsprechen. Aber es scheint 
doch nach den Thatsachen der Lautverschiebung, dass im germ. der 
Wortaccent den Sieg über den Satzaccent davon getragen hat wie im 
gr., das freilich auch Einzelfälle von bewahrtem Princip der Satz- 
accentuation aufweist, vgl. Kz. 23, 457 ff. 

8* 



116 DER AOR. DER \/^ dhd IM GERM. 

der Zusammensetzung den Accusativ eines alten a-Stammes, 
der im got. in der passivischen Bedeutung 'Trank 1 erscheint, 
natürlich ursprünglich ebenso gut auch 'Trinken bedeutete. 
dragkida, ursprünglich also drank edö, drankam idöm be- 
deutete 'ich machte das Trinken des . . .' (Trinken also in- 
trans. gebraucht). Got. lagida = germ. Idgam Sddm machte 
das Liegen des . . .' ; das Nomen erscheint im gr. "koyoc in 
der Bedeutung 'Liegen, Lauern im Hinterhalt'; 'ich fällte' 
wäre germ falledö = fallam eddm machte das Fallen des . . .' 
germ. hlaupidö (zu hlaupijö sporne das Pferd) ist hlaupam 
Sddm machte das Laufen des Pferdes ; die Nominalstämme 
hlaupa- und falla- sind urgerm ; vgl. Pick. Vereinzelt könnte 
auch ein Adjectiv bei der Zusammensetzung verwendet sein : zu 
hnigd, hnigvö (neige V^ kna^ghj gehört das Adj. hnaivds 
niedrig (für hnaigvds) und das Causat. hnaivijö (für hnaigvijö) 
erniedrige; das schw. Prät. got. hnaivida könnte also als 
hnaivdm Hörn aufgefasst werden. 

Ueber die Syntax der Causativa im zusammengesetzten 
Prät. ist dasselbe zu bemerken, was eben über die transitiven 
Denominativa von Substantiven gesagt ist. 

Ich habe hiermit die Hauptbestandtheile der schw. ja- 
Conjugation einzeln durchgegangen und kann jetzt die Re- 
sultate der bisherigen Untersuchung über die Zusammen- 
setzungstheorie so formuliren. 

1) Das schw. Prät. beruht auf einer Zusammensetzung, 
die nach dem Wirken der Auslautsgesetze stattgefunden hat, 
aber mit einer Voraussetzung in frühere Perioden hineinreicht; 
diese . Voraussetzung ist : die Wortstellung im Satz, der mit 
einiger Regelmässigkeit auf OP auslauten musste. Eine andre 
Voraussetzung ist : das zweite Glied der Zusammensetzung, das 
Verb, muss sich nach dem Wirken des Auslautsgesetzes mit 
Verlust seiner eignen Betonung enklitisch an das erste Glied, 
den regierten Accus. , angeschlossen haben. 

2) Das erste Glied der Zusammensetzung ist ein Accus. 
Sg. und zwar theils von Substantiven, theils von Adjec- 
tiven; für die letzteren wird angenommen, dass der Accus. 
Sg. Mascul. (und Neütr.) für die Composition stehend ge- 



DER AOR. DER V^ dhd IM GERM. 117 

worden ist, also die Function des Fem. Sg. und des ganzen 
Plur. trägt. 

3) Das zweite Glied der Zusammensetzung ist der Aor. 
der v° dha x in seiner augmentirten Gestalt, wie wir ihn im 
gr. und ind. finden. 

4) Das syntaktische Leben des zusammengesetzten Prät. 
steht durchweg unter der Herrschaft des zugehörigen schw. Verbs. 

Für die schw. Präteritalbildung der 6- und ai-Conjugation 
ergibt sich, die Richtigkeit der 4 Sätze vorausgesetzt, folgendes : 
in ihrer historischen Gestalt kann sie nicht als eine eigen- 
artige Bildung angesehen werden. Sobald folledd zu follidd 
wurde, also i für e in unbetonter Silbe eintrat, wurde das 
innere i in Causalzusammenhang mit dem präsentischen i 
von fidlian gebracht ; und sobald die Sprache ein fulli-da 
auf fulli-an bezog, war salböda, habaida von selbst gegeben. 
Vielleicht aber lässt sich diese Annahme theilweise umgehen. 
Denn ich glaube, dass die Präsentia der 2. schw. Conjugation 
eigentlich thematisch flectirten, dass aber ihr Themavocal 
latent geworden ist. Dass sich neben 6 ein schw. Vocal wie 
das thematische i nicht halten konnte, sondern nach Art des 
/ in gr. (o sich verflüchtigte, scheint möglich ; und man könnte 
daher got. vundöda 'verwundete' auch wohl als vundd edo = 
vundörn edöm machte eine Wunde' auffassen ; dann Hesse sich 
Amelungs Erklärung des 1. Gliedes der Zusammensetzung 
des schw. ö-Prät. bis zu einem gewissen Punkte halten. Aber 
für das schw. af-Prät sehe ich keine andere Möglichkeit 
als die Annahme einer Analogiebildung nach dem i- und 6- 
Präteritum. 

Wenn ich mich auch hinsichtlich meiner Compositions- 
theorie keinen grossen Hoffnungen hingebe, so habe ich doch 
kein Bedenken getragen, eine schwierige, vielleicht die schwie- 
rigste Frage im Bereich der germ. Conjugation von neuem 
in Discussion zu bringen. Amelungs Arbeiten sind vielfach 
einer unverdienten Geringschätzung anheimgefallen ; er besass 
einen äusserst scharfen Blick in der Beobachtung sprachlicher 
Erscheinungen und wenn dem hochbegabten Germanisten ein 
günstigeres Geschick beschieden gewesen wäre, so hätten wir 
von ihm die Lösung der schwierigsten Probleme unsrer 



118 DER AOR. DER V° dha IM GERM. 

Grammatik erwarten dürfen; was er hinterlassen hat, be- 
rechtigt zu diesen Erwartungen. 

Wer eindringt, wird erkennen, dass mein Lösungsver- 
such, der sich auf die Bildung des zusammengesetzten Futurs 
im sk. (ddtäsmi = daturus sum ; dätdsmas gleichsam ddturt(s 
sumus für daturi sumus) stützt, eine Combination der Theorien 
Amelungs und Scherers ist. 

Man sieht nicht recht die Gründe, die A. bewogen haben 
mögen, der Scherer'schen Aoristtheorie nicht zu gedenken. 
Ich wenigstens halte es nach dem oben beigebrachten durch- 
aus für unmöglich in dem zweiten Glied des Prät. periphrast. 
ein echtes Perf. zu sehen. Unumgänglich nothwendig scheint 
mir zunächst die Annahme eines Aor. für das got. ida der 

1. 3. Pers. und die Reflexe der übrigen Dialecte. Für die 

2. Pers. Sg. habe ich mich oben zu Gunsten einer Annahme 
Holtzmanns und Joh. Schmidts entschieden, wonach got. dös 
eine echte Perfectform wäre; das ihm vorausgehende i wäre 
dem ida entlehnt. Doch bemerke ich ausdrücklich, dass mir 
für die Formen der aussergot. Dialecte andre Annahmen nicht 
unmöglich scheinen. Auf die neueren Untersuchungen über das 
Auslautsgesetz kann ich hier selbstverständlich nicht eingehen, 
vielleicht bietet sich dazu eine andre Gelegenheit. Eine dritte 
Form, die ich als Aor. -Bildung auffasse, ist das idiin der 
aussergot. Dialecte, das mit sk. ädhus zu identificiren ist. 
Denn mir ist es unmöglich das aussergot. nazidun mit dem 
got. nazidSdun irgendwie zu vermitteln; und die Formen 
-idum, -idud halte ich für Analogiebildungen nach Hund 
Q= idunj = sk. ädhus. Die allem. Formen -itdn, -itdt 
reichen zweifellos in die germ. Zeit zurück (Scherer zGDS 
p. 203), können aber nicht den ältesten, noch unerreich- 
baren Formbestand des urgerm. repräsentiren. Die got. dHun 
dSdup dddun (das ihnen vorhergehende * ist den übrigen 
Formen der Zusammensetzung entlehnt) habe ich oben bereits 
besprochen. 

Es fragt sich nun, ob das zusammengesetzte Prät. bereits 
in gemeingerm. Zeit theils Aor.-Formen theils Perf.-Formen 
im zweiten Gliede enthielt. Von den aussergot. Dialecten aus 
dürfen wir folgenden germ. Aor. ansetzen. 



DER AOR. DER V° dhü IM GERM. 119 

Sg. PL 

idom edöme — Sdume 

Sdöz bdode — edude 

idöd edand. 

Darnach besass also das germ. einen durchflectirenden 
Aor. und man kann mit einiger Sicherheit erwarten, dass das 
germ, wenn es einige Singularformen für das zusammen- 
gesetzte Prät. verwendete , den ganzen Aorist durchweg 
zuzog. Besass aber das germ. einen zusammengesetzten 
Aor., so wird es eben kein zusammengesetztes Perf. besessen 
haben, und alle Dialecte mit Ausnahme des got. bringen 
auch nicht einen vollgültigen Beweispunkt für ein Perf. peri- 
phrast. bei. Daraus aber würde folgen, dass die Flexion des 
schw. Prät. im got. unursprünglich wäre. Und daraus er- 
gäbe sich diese nicht unwichtige Consequenz: wenn im got. 
einige echte Aor.-Formen im zusammengesetzten Prät. durch 
alte Perfectformen verdrängt sind, so müssen beide auch 
ausserhalb der Zusammensetzung zunächst mit einander riva- 
lisirt haben, bis endlich die Perfectformen den Sieg über einige 
Aoristformen davontrugen; mit einem Wort: noch in einer vor- 
historischen Periode des got. lebte der Aor. der y^ dJia 1 in 
selbständigem Gebrauch. Wir hätten also urgot. einen Plural 
idom iddd idun anzunehmen, der sowohl in der Zusammen- 
setzung als auch selbständig erschien; das selbständige idöm 
wechselte anfangs mit dödun, wurde aber später durch dedun 
gänzlich verdrängt und damit war der Untergang der unselb- 
ständigen Formen idom u. s. w. (in der Zusammensetzung) 
verbunden, auch an ihre Stelle trat dedun. 

Einerlei nun wie man sich zu diesen Combinationen über 
das got. stellt, soviel ist sicher, dass die Zusammensetzungs- 
theorie überhaupt für die germ. Verbalchronologie von einigem 
Werth ist. Wir sahen oben, dass das germ. / Auslautsgesetz 
in der Chronologie der Präteritalbildung die 7. Periode charak- 
terisirt. Wir haben nun eine 8. Periode anzusetzen, die sich 
unmittelbar an die vorige anschliesst : die Periode der schw. 
Präteritalbildung; wir können darin zwei kleinere Abschnitte 
machen; in der ersten Zeit herrschte die regelmässige Be- 
tonung : föll ido; dann wurde der Aor, enklitisch: föli edo; 



1 20 DER AOR. DER V° dha IM GERM. 

zuletzt geschah die echte Zusammensetzung, die den Ueber- 
gang von e in i bedingte: folledo fullidö. 



EXCÜKS. 

SCHWACHE PRATER1TA ZU STARKEN VERBEN. 

t 

Begemann hat I, 26 ff. 'die bindevocallosen schw. Prät. 
im got/ einer eingehenden Besprechung unterzogen, und es 
lässt sich nicht leugnen, dass er auch* hier wieder im Auf- 
decken von Schwierigkeiten einen scharfen Blick gezeigt hat. 
Aber wenn er behauptet, die Zusammensetzungstheorie stünde 
ihnen rathlos gegenüber, so irrt er sich. 

Wir haben (vgl. Begemann) folgende schw. Prät. ohne 
'Bindevocal' als germ. anzusetzen: skoldd (skolan), mundo 
(rnonan), vildd (velan), mahtd (magan), aihtö (aigan), bohtd 
(bugjanj, brähtd (bringan : brangian), pähto (pavkian), 
pühtö (punkian), vorhtd (vurkian), porftö (porban), porsto 
(porzan), mdstd-mossd (mdtanj kunpo konstd (kunnanj, visso- 
vistd (vitanj. Dazu kommt aus dem got. noch das sicher 
alte brühtet, also ursprünglich brühto zu bräkian; vielleicht 
auch naühta zu naiigan und *natihta zu naühan (ae. nohte, 
germ. nohtdj und *daühta = ae. dohte (germ. dohtd) zu dugan. 

Zunächst ist zu bemerken, dass ein Theil der schw. 
Prät. zu Prät.-Präs., ein anderer Theil zu Präsensbildungen 
nach der 4. sk. Classe gehört; letzteres ist bei bugjo punkiö 
brükid vurkio und *brangid (as. brengu) der Fall; über sie 
unten einige Notizen. 

Der Hauptpunkt nun, mit welchem Begemann einsetzt, 
sind die Prät. zu Verbalbasen mit auslautenden k und g : 
brük vork pank punk mag aig 6g brang bug dug noh. Die 
Zusammensetzungstheorie, die in ihrer früheren Fassung als 
zweites Glied der freilich unerklärten Compositum ein da an- 
nahm, musste den Uebergang von k + d und g + d in 
ht erweisen, um die historischen Formen wie bohtd brühto 
zu erklären. Ein solcher Nachweis ist nicht geführt und, wie 



EXCURS. 13CHW. PRÄT. ZU ST. VERBEN. 121 

Begemann gezeigt hat, unmöglich, ht ist eine sehr beliebte 
Lautgruppe im germ., erscheint aber stets als Product einer 
sehr alten Verbindung gutturaler und dentaler Verschluss- 
laute. Es gibt aber keine Beispiele, die beweisen könnten, 
dass in den germ. Perioden, die der Laut- und Accentver- 
schiebung unmittelbar folgten, ein k -j- d oder g + d zu ht 
werden musste; es gibt keine Beispiele, weil es eben keine 
andern Fälle secundärer Composition gibt. Ebenso steht aber 
fest, dass die gd der historischen Zeit keineswegs ein magda : 
bogda u. s. w. erwarten lassen, von kd ganz zu geschweigen, 
das als germ. nicht nachzuweisen ist. Ich kenne drei ur- 
germ. Beispiele für gd: die beiden Verba brSgdö schwinge 
und strSgdö streue und das Nom. Act. Pemin. gahugdis Ge- 
sinnung. Die beiden ersten Fälle können wohl kaum zweifel- 
haft sein ; wir haben für sie Wurzeln mit auslautendem ghdh 
anzunehmen bhra t ghdh und sra^ghdh; letztere scheint in gr. 
tQ-Jxfrio mit der Bedeutung Schwingen vorzuliegen (das gr. 
setzt auch sonst Wurzeln mit auslautendem ghdh voraus). 
Wir haben für beide Verba wie es scheint eine gesetzmässige 
Ausnahme von der obigen Regel über ht anzuerkennen und 
diese würde lauten: ghdh wird nicht ht, sondern gd. Ueber 
gahugdis weiss ich nichts positives beizubringen; sicher scheint 
zu sein, dass ein kugh-tls zu Grunde liegt und dass gh + t 
sonst stets durch ht reflectirt wird: vgl. dohtär Tochter = 
dhughtär; bohtds verkauft = bhughtäs. 

Nach diesen Bemerkungen muss ich mich folgender 
Maassen über die lautliche Seite der Frage nach den schw. 
Prät. zu st. V. aussprechen: es lässt sich weder ein Bei- 
spiel dafür beibringen, dass in der letzten germ. Periode, wo 
die betreffende Zusammensetzung stattgefunden haben müsste, 
das altgerm. Gesetz in Betreff der Verbindung gutturaler und 
dentaler Verschlusslause noch nachgewirkt hätte, noch kann 
Begemann beweisen, dass aus mag -f- dö ein mahto entstehen 
musste: die Frage ist wegen Mangel anderweitiger Beispiele 
nicht zu entscheiden. 

Und so sollte man die Frage nach der Genesis unserer 
Formen in suspensu lassen? Ich glaube nicht, dass wir zu 
solcher Resignation berechtigt wären. 



122 EXCURS. SCHW. PRÄT. ZU ST. VERBEN. 

Ich stimme einer von Braune Litter. Centralbl. 1873 
S. 1625 erneuten These Leo Meyers (got. Spr. p. 103 ; 
vgl. Begemann I, 36) bei, wonach unsere Perfectformen 
sich eng an die zugehörigen Participia anschliessen und 
ohne Zweifel auch nur durch deren Einfluss ihre beson- 
dere Gestalt erhalten haben sollen'.' Und wie verhält sich 
Begemann zu dieser 'Erklärung aus der äusseren Analogie' 
wie er sie nennt? Er sagt p. 37: 'sie ist nur ein Nothbehelf 
und eine ziemlich willkürliche Vermuthung, obgleich sie mit 
grosser Sicherheit vorgetragen wird' — charakteristisch für 
Begemann wie seine Abfertigung der Aoristhypothese Scherers. 
In der That ergibt sich nach dem obigen negirenden Satz 
über die lautliche Seite der Frage keine andre Möglichkeit 
der Erklärung als diese : wie neben nazidö ein Participialstamm 
nazida-, neben salbodd ein salböda- bestand, so konnte oder 
musste vielleicht die Sprache zu Part, nohta- ein Prät. nohto, 
zu Part, bohta- ein Prät. bohto, zu kuripa- ein kunpo bilden. 
Man kommt also vom rein Lautlichen aus mit Notwendig- 
keit zur Annahme, dass die oben aufgezählten schw. Prät. 
sehr junge Bildungen sind. 

Aus diesem Grunde wird man sie auch nicht zur Pole- 
mik gegen meine in § 1 vorgetragene Zusammensetzungs- 
theorie geltend machen können. Alte Aor. periphrast. hätten 
nach den dort vorgetragenen Grundsätzen nur auf -idd = 
Sdöm, also mit erhaltenem Augment auslauten müssen. Als 
die spätesten Schöpfungen im Bereich des Lebens der germ. 
Conjugation kommen sie bei der Erklärung des zusammen- 
gesetzten Aor. nicht im mindesten in Betracht. Aber hier- 
mit haben sie ihr Auffälliges noch nicht ganz verloren. 

Ich habe oben darauf hingewiesen, dass es an sich ziem- 
lich unwahrscheinlich sei, dass ursprünglich st. V. ein schw. 
Prät. bilden. Diese Bemerkung bezieht sich natürlich nicht 
auf die schw. Präteritalbildung zu den Prät.-Präs., bei welchen 
die neue Bildung sich ohne weiteres begreift. Es handelt 
sich hier nur um die st. V. vurkiö punkiö pankiö bugjd 
*brangiö brükid. Wie unwahrscheinlich es ist, dass diese 
von früh an einen Aorist periphrast. gehabt haben, ergibt 
sich schon aus dem Nachweis, dass der primäre Aorist 



EXCURS. * SCHW. PRÄT. ZU ST. VERBEN. 123 

noch ganz bedeutend in die jüngste germ. Zeit reicht; und 
primäre Verba hatten einen primären Aor. und ein primäres 
Perf. Das Aussterben der primären Aor. zu unseren Verben 
ist nicht auffällig; Schwierigkeit macht nur der Untergang 
der st. Perfectformen. vurkiö bräkiö punkiö bugjö sind ganz 
gewöhnliche und regelmässig gebildete Präsensformen nach 
der 4. sk. Classe ; ihr st. Perf. sollte lauten vdrka : vorkumi ; 
brduka : brukume, pdnka :punkumi, bduga : bugumi. Ae. breac 
wird kaum als Reflex des germ. *brauka angesehen werden 
dürfen, sondern ist wahrscheinlich eine regelmässige Neu- 
bildung. Bei bugjö könnte man annehmen, dass die Sprache 
den Zusammenfall mit bSugö bduga bugumi bogands scheute 
und desshalb dem alten Participialstamm bohta- ein schw. 
Prät. bohtö zugesellte. Aber bei allen ebengenannten Verben 
starb das alte und echte Prät. aus, weil dem Sprachgefühl 
der Ablaut u : a : u : u und u : au : u : o lästig oder gar 
unverständlich geworden war, d. h. weil das Princip der 
Präsensbildung nach der 4. sk. Classe bei dem lautlichen 
Anklang derselben an die schw. t /a-Conjugation nicht mehr 
begriffen wurde. Chronologisch ausgedrückt: solange der 
freie Accent im germ. herrschte, wurde das Princip der st. 
Präsensbildung mit ja- verstanden und der, Ablaut u : a : 
u : u und u ; au : u : u hatte nichts auffälliges; neben satijö 
(Aor. periphrast. satam 6dom) bestand vurkiö vdrka vorkumi 
vorhtds und btigjö lauga bugumi bohtds. Als aber die Accent- 
verschiebung aus satijö ein satijö und weiterhin sdtiö ge- 
macht hatte, kam der Ablaut von Präsentien nach der 4. sk. 
Classe ins Schwanken, man begann vurkiö mit fulliö 'fülle 
auf eine Stufe zu stellen, schuf nach dem Part, ein schw. 
Prät. und zuletzt starb das st. Perf. ganz aus. 

Bis in die 6. Periode des germ. st. Prät. mögen alte 
Ablautsreihen u : a : u und u : au : u bestanden haben; 
am Ende der 8. Periode finden wir solche nicht mehr; doch 
weisen zahlreiche Thatsachen auf die frühere Existenz der- 
selben hin und diese werde ich im 5. Kapitel zusammen- 
stellen. 



124 got. idtlja und ae. eode. 

§ 2. 
gotisch iddja und- altenglisch eode. 

Wer die Geschichte der grössten Crux der germ. Gramma- 
tik kennen lernen will, findet bei Scherer zGDS p. 204 Anm. 
eine bündige Darstellung ; eine eingehendere Behandlung hat 
Begemann I, 67 — 99 gegeben. Bis auf Begemanns neuen 
Versuch ist in der lotzten Zeit meines Wissens über got. 
iddja nichts vorgebracht und über diesen glaube ich ohne 
irgendwelche Polemik hinweggehen zu können; Begemanns 
Rechenexempel , Subtractionen und Additionen der willkür- 
lichsten Art, bedürfen keiner Correctur. Ich weiss nicht, 
ob die von Holtzmann 1836 aufgestellte, von Müllenhoff 1865 
und von Scherer 1868 erneute und modificirte Herleitung des 
iddja aus einem iyaya viel Beifall gefunden hat: jedenfalls 
hat sie ihre bedeutenden Sohwächen. 

Holtzmanns zuerst in den Noten zum Isid. p. 129 vor- 
getragene und in ad. Gr. p. 29 wiederholte Ansicht, dass 
iyaya durch iyya zu iddja geworden, widerspricht bekannt- 
lich dem Auslautsgesetz. Scherers Annahme scheint mit der 
von Müllenhoff ZfDA 12, 396 entwickelten identisch. Dieser 
hält an der Zusammenstellung fest, zieht aber andre Mittelstufen 
vor: er nimmt Ausfall des zweiten y an, lässt iyaa durch 
iyä zu ija (iddja) werden: das Auslautsgesetz freilich ist 
gewahrt, aber die Schwierigkeiten sind nur noch vergrössert. 

Angenommen, Müllenhoff sei berechtigt, das Charakter- 
zeichen der schw. o-Conjugation aus aja durch aa entstehen 
zu lassen, wofür der Beweis noch immer aussteht, so wird 
niemand zugeben, dass eine so exceptionelle Lauterscheinung 
wie der Schwund des j zwischen 2 a -Vocalen auf beliebige 
andre Fälle ausgedehnt werden darf, die dann vielleicht ein- 
facher aussehen. Mag man sich aber zu diesem Punkte, der 
Entstehung von ijaa aus iyaya, verhalten wie man will, gäbe 
man selbst den Ausfall des y als gesetzmässig zu, so müsste 
doch die Erklärung von iddja aus iyaya zurückgewiesen 
werden, iyaya soll Perfect der Wurzel / = a±i sein; aber 
eine solche Wurzel kann im germ. nur ein abl. Prät. bilden 
wie Wurzel bhid = bha^id; wie y° i ein redupl. Prät. 



got. iddja und ae. oede. 125 

im germ. soll bilden können, ist gar nicht einzusehen. Und 
hätten wir ein redupl. Prät., so müssten wir im got. ai als 
Reduplicationsvocal erwarten, vgl. aiäik aiäuk (nirgends ein 
ijaik ijauk oder gar iddjaik iddjaukj. 

Ich denke: dies sind Schwierigkeiten genug um die 
Hol tzmann-Müllenhoff 'sehe Theorie aufzugeben und durch eine 
neue zu ersetzen, welche der germ. Laut- und Formenlehre 
besser entspricht. Wer iddja ohne Voreingenommenheit be- 
trachtet und mit den früheren aus ija ableitet, wird es in 
derselben Weise auffassen und ergänzen, wie nasida; wer 
dessen letztes Element als dorn oder iddm, iddm erklärt, wird 
ija als ijöm, Sjdtn auffassen und dies ist regelrechter augmen- 
tirter Aor. der Wurzel yä gehen', entspricht also dem altind. 
dyäm so genau als möglich.* 

Für die 1. 3. Pers. got. iddja bedarf es keiner weitern 
Worte. Aeusserst schwierig ist die Erklärung der übrigen 
got. Formen. Dass sie durch Anlehnung an nasida u. s. w. 
stark beeinflusst sind, lässt sich kaum bezweifeln ; aber die Er- 
klärung dieser Beeinflussung ist schwer zu finden. 

Zunächst kann man got. iddjSdum als eine speeifisch 
got. Bildung auffassen und iddj-a nach nasid-a u. s. w. flec- 
tirt sein lassen, dann wäre iddj-ödun eine späte Analogie- 
bildung nach nasid-edun. Fasst man got. nasidödun als eine 
' urgerm. und nicht speeifisch got. Form, so könnte der Ur- 
sprung von ijedun zu ija (nach nazidedun zu nazida) auch 
in die letzte germ. Zeit fallen. Nun ist es aber unwahrschein- 
lich, dass got. nasidedun in die germ. Zeit reicht, da sämmt- 
liche aussergot. Dialecte widersprechen und da das germ. 
schw. Prät. ursprünglich als letztes Element lauter Aorist- 
formen gehabt zu haben scheint. 

Nehmen wir aber, doch an, dass got. iddjedun Reflex 
einer germ. Bildung ist, so bietet sich keine schlichte Er- 



* Joh. Schmidt Vocal. II, 423 glaubt für got hirt auch an Wurzel 
yä anknüpfen zu dürfen; aber seine Erkläruug scheint mir zweifelhaft, 
bes. wenn man die Länge des Wurzelvocals von yd berücksichtigt. 
Seine Erklärung des t der 1. Silbe dagegen verdient Beifall. Doch 
für die Formen selber ist, soviel ich glaube, noch keine genügende 
Erklärung gefunden. 



126 GOT. iddja und ab. eode. 

klärung für seine Entstehung. Am einfachsten scheint mir 
noch folgende Möglichkeit zu sein, die auch für das schw. 
Prät. im got. von Bedeutung sein könnte. Wie im germ. 
neben dedun ein dödun bestand, schuf man zu Sdun ein ede- 
dun (= got. idSdun) und im Anschluas daran zu ejun (= 
sk. äyus) ein ejMun (= iddfSdun). 

Ich glaube nun bis auf weiteres, dass die Genesis der 
got. Formen auf die zuletzt besprochene Art zu erklären ist, 
dass also got. iddjidun eine germ. Bildung ist, allerdings der 
spätesten Zeit angehörend. Aus folgendem Grunde. . 

Herr Prof. ten Brink wird demnächst den Nachweis 
führen, dass ae. eode der Entwicklung der engl. Sprache ge- 
mäss diphthongisches eo hat und dass dies eo mit got. iddja 
= ija vollkommen identisch ist. Mit diesem Nachweis fallen 
die bisherigen Erklärungen des ae. eode und man hätte sich 
folgende Entwicklung der engl. Formen zu denken. Ae. eodon 
ist identisch mit got. iddjedun = ißdun und vom Plural 
eodon «aus bildete man einen Sg. eode.* 

Wie man aber auch immer über got. iddjidun und ae. 
eodon urtheilen mag, soviel steht mir unerschütterlich fest, 

* Ein Vorgang, welcher der Ergänzung von eo (got. iddja) zu 
eode im Anschluss an den Plural eodon genau entspricht, lässt sich aus 
dem ae. beibringen ; dem germ. Ablaut finpö fdripa fundume* fundands 
hätte nach engl. Lautgesetzen zu ßde föd fundon funden werden 
müssen. Von einem solchen Ablaut finden wir keine Spur; seiner Un- 
gewöhnlichkeit wegen (fiäe wie bite, föd wie för, fundon wie bundon) 
wurde er dem Sprachgefühl unbequem, unverständlich und starb aug. 
Auf doppelte Weise ersetzte die Sprache die alten Formen. Einmal 
wurde ein Ablaut finde fand fundon geschaffen: derartiges geschieht 
gelegentlich in allen Dialecten. Interessanter aber ist, dass die Sprache 
zu fun-don, das als schw. Prät. aufgefasst wurde, ein funde fundest 
funde als Sg. bildete, wie schon Grein ags. Gl. unter findan andeutet. 
In Prosa ist das schw. funde durchaus vorherrschend, fand ist seltener ; 
Beispiele für funde Thorpe Diplom. 322. 429. Godsp. 105. 122. 151. 
Pros.-BibJ. 2. 45. 83. 260 u. s. w. Rask-Thorpe ags. Gr. 2 57 gibt die 
Regel für die 2. Sg. Prät. "sometimes -st is added, as 'fundest', but that 
is rare and incorrect." Ich glaube nun nicht, dass noch andre Verba 
mit st in der 2. Sg. Prät. erscheinen (abgesehen natürlich von den 
Prät.-Präs.) ; und fundest ist jedenfalls nach der eben mitgetheilten 
Auffassung fun-de, fun-dest, fun-de, fun-don (für fund-on) nicht in- 
correct; Grein hat einen Beleg dafür; ich notire dazu Prosabibl. 84. 



GOT. iddja und ae. eode. 127 

dass got. iddja (= ae. *eoJ Repräsentant eines urgerm. Aor. 
ij6m ist und dem altind. äyäm dyät genau entspricht. 



EXCUBS ÜBER GOTISCH dd UND gg. 

Die dem got. iddja nach § 2 zu Grunde liegenden Form 
ijom bedarf einer an sich ziemlich unbedeutenden Modi* 
fication, die jedoch mit weitern Fragen im engsten Zusammen- 
hang steht und daher nicht mit Stillschweigen übergangen 
werden darf. Es handelt sich um das Auftreten der got. 
Lautverschärfung dd und der damit conformen Verschärfung 
gg; beide unterscheiden sich dadurch, dass dieses vor v eintritt, 
jenes vor j. Das got. berechtigt mit den bekannten Erschei- 
nungen des an. und der westgerm. Dialecte zu dem Schluss, 
dass bereits in der germ. Grundsprache eine Verschärfung 
vor v und j vorhanden war ; daran kann nach den zahl- 
reichen feinen Bemerkungen Holtzmanns in der ad. Grammatik 
und z. Th. nach Zimmers Auseinandersetzung Ost- und West- 
germ, p. 13 ff. nicht gezweifelt werden. Aber es sind die 
Ursachen der hier zu besprechenden Erscheinungen noch un- 
bekannt und ich gebe im folgenden einen Lösungsversuch der 
Frage, wann Lautverschärfung vor j und v eintritt und wann 
nicht. 

A. Ich beantworte zunächst den letzteren Theil der 
Frage, bemerke aber vorläufig, dass ich mit i und y die be- 
treffenden Lautverschärfungen bezeichne; warum, wird sich 
im Lauf der Untersuchung herausstellen. 

1) Anlautendes j und v werden nicht verschärft, germ. 
jungds jung; jokdm Joch; verds Mann. 

2) v und j werden im Silbenanlaut nicht verschärft, 
wenn ein langer Vocal resp. Diphthong vorhergeht. Beispiele 
bieten sich massenhaft dar; ich gebe nur wenige. 

Got. säia, nicht säddja oder seddja für germ. sPjo (nicht 
veijo) sae. 

Got. hvaiva (nicht hvaiggva) ist Dat. Sg. Neutr. eines 



128 EXCURS ÜBER GOT. dd und gg. 

pronominalen Adjectivs, dessen Nominativ hvaivs (== gr. notoq 
für noTFoc) lauten würde. 

Germ, niujaz neu (got. niujis, nicht niuddjis) = idg. 
nd i uya 2 s; 

germ. siujö nähe (got. siuja, nicht siuddja) = idg. 
siayä. 

3) Die Verschärfung tritt nicht ein, wenn der dem 
v oder j unmittelbar vorhergehende kurze Vocal unbetont ist. 

Got. qius (nicht qiggvs) =' germ. qivds, idg. givds (sk. 
fivds); 

germ. bajop- (consonantischer Stamm 'beide') got. bajops, 
nicht baddjöps; 

got. freis (nicht friddjis), germ. frijäs, sk. priyds lieb ; 

got. frijapva (nicht -iddja-) = germ. frijdpvö; 

got. fijdpva (nicht -iddja-) = germ. fijdpvö ; 

got. (w^ßt (nicht aggv-) — germ. avd'piam; 

got. si/ww (nicht siddjum) = idg. sw^s; 

got. kijans gekeimt (nicht -iddja-J = germ. kijands. 

B. Die Lautverschärfungen # und ? treten ein vor 
einem und y, denen ein kurzer betonter Vocal unmittelbar 
vorhergeht. 

Got. daddja säuge = germ. drfi/ö für dd-yö ; das Präs. 
ist nach der 4. sk. Gasse gebildet, muss also auf der Wurzel- 
silbe betont gewesen sein wie ind. dhdyämi; es flectirte ur- 
sprünglich stark (und wird ein altes Prät. didö = altind. dadhd 
gebildet haben, das aber wie der Verbalstamm da- säugen 
überhaupt im germ. an dem Verb 'thuen zu Grunde ging); 
ahd. täju ist keineswegs identisch mit got. daddja, sondern 
setzt ein got. daia voraus, das wie saia flectiren würde. 

An. negg 'Herz würde einem got. Stamm naddja- ent- 
sprechen, der mit gr. voo-g begrifflich und lautlich überein- 
käme; gr. wo- und got. *naddja- deuten auf germ. ndija- 
für idg. nä 2 ya r . 

Got. iddja ist germ. iija = Sijom, setzt also ein west- 
germ. ija voraus, dem ae. eo-de entspricht. 

Got. triggvs = germ. trey,vaz treu für älteres trivaz; 
der Wurzelvocal steht in starker Vocalstufe, muss also ur- 



EXCURS ÜBER GOT. dd UND gg. 



129 



also ursprünglich betont gewesen sein; dasselbe gilt von got. 
triggva Treue = germ. triuvö für trSvö. 

Verschiedene Verba haben eine besondere Art von gram- 
matischem Wechsel, der darin besteht, dass in den st. weil 
betonten Formen Lautverschärfüng eintritt, die aber in den 
schw. weil unbetonten Formen fehlt. Holtzmann hat diese 
Erscheinungen richtig erkannt ; ich verweise nachdrücklich auf 
ad. Gr. p. 43. 224. 332 und notire nur die urgerm. Beispiele 
des fraglichen Ablauts. 



1) bliuvd 


bldyva 


bluvumö 


blovands bläue. 


2) brh/vö 


brd\iva 


bruvumS 


brovands braue. 


3) hriuvo 


hrduva 


hruvumS 


hrovands bereue. 


4) kiuvö 


kduva 


kuvumS 


kovands kaue. 


5) tiuvö 


tduva 


tuvumS 


tovands kaue. 


6) stiiuvd 


snduva 


snuvumS 


snovands eile. 


7) (h)niuvö 


hndybva 


hnuvumi 


hnovands stosse. 


8) [biuvd 


bduva 


buvumS 


bovands wohne.] 


9) priuvö 


prduva 


pruvumi 


provands quäle. 



Im westgerm. ist dieser Ablaut meist treu bewahrt, 
wie Holtzmann gezeigt hat; im ostgerm. dagegen sind Uni- 
formirungen und zwar meist im Anschluss an die verschärften 
Formen eingetreten : got. bliggvan blaggv bluggvum bluggvans 
für bliggvan blaggv bluvum bluvans ; an. tyggva tögg tuggum 
(für tum = tuvum) tugginn (für tüinn = tuvanz). Anders 
ist got. snivan gegenüber germ. snifyvan behandelt. 

Ahd. screi 'ich schrie wäre got, skraddj, ist also germ. 
skrdija; got. *skrai wäre hd. scrö; daher hd. scrian — got. 
*skriddjan. 

Man kann auch auf indirectem Wege zu der Thatsache 
gelangen, dass die Lautverschärfung nur unmittelbar nach 
betontem Vocal vor v eintritt. Sievers hat, worauf des öfteren 
hingewiesen ist, gezeigt, dass die Lautgruppe gv vor der be- 
tonten Silbe zu einfachem v erleichtert wurde ^ germ. negvrd- 
wurde zu nevra- (oben p. 12). Es ist daher an sich un- 
wahrscheinlich, dass die Sprache da, wo sie der Regel nach 
eine Erleichterung eintreten lässt, in einigen Fällen eine Ver- 
schärfung erfordern sollte: wurde xegvd- zu xevd-, so konnte 

xevd nicht auch zu xefyvd- werden. 

qf. xxxil 9 



130 EXCURS ÜBER GOT. dd und gg. 

Wir gelangen also auf directem und indirectem Wege 
zu einem neuen Punkte, von welchem aus der Accent im germ. 
bestimmt werden kann. 

Got. vaddjus, an. veggr, ae. trag, = germ. vdija- für 
vdja-; as. wegos fasse ich gemäss ad. Gr. p. 144 als weios; 

[göt. addja- =] an. egg ist germ. dijam für äjam = 
ksl. aje ; ae. dbg scheint mir zweifellos, obwohl es bisher über- 
sehen ist; ahd. ei, eijes; 

got. glaggvU'y glaggva-, an. glöggr, ae. gleaw, as. ahd. 
glau sind germ. gldyvaz für ghldvas; 

an. snöggr ist germ. snduvaz für sndvas; 

an. dö</(? Thau, ae. deaw, hd. £ow = germ. ddyva- für 

ae. /teaw, hd. dou, as. £Aaw = germ. pdüva-z für tdvas; 

germ. hndijon wiehern (an. hneggja, ae. hndegan, hd. 
hneijdnj für kndjo- ; 

germ. /wfyfld haue p. 80, 

Anderseits lässt sich auch die Accentuation folgender 
Nomina bestimmen, bei denen keine Verschärfung vor v und 
j eingetreten ist. Got. vaja- Weh (Nom. *vaij ist germ. 
vajd-. Got. jjiws = germ. pivds Knecht y° tiv vgl. ai. £2t?rrfs 
stark ; got. fava- wenig (Nom. *fausj ist germ. /owtf- ; got. 
avö Grossmutter und an. di Grossvater beruhen auf primären 
avo-, avd-.* 



* Nicht zu stimmen scheinen folgende Worte: idg. nd x v ai m ist 
got. niun und nicht niggvun, wie man erwartet; aber bei Zahlen sind 
vielfach Störungen eingetreten, wie Osthoff jüngst nachgewiesen hat; 
die germ. Betonung ist nivün (nach ahtäu) gewesen ; auch im ind. 
wird in den obliquen Gas. das Suffix betont und nicht die Stammsilbe. 

Die idg. Betonung des Wortes für Schaf wird nach dem ind. 
und gr. d^vis gewesen sein; aber im ostgerm. zeigt sich keine Laut- 
verschärfung : man kann entweder an lit. avls anknüpfen oder aber 
man muss behaupten, die Verschärfung sei in einigen Cas. unterblieben, 
so im Gen. Sg. dvjaz, Gen. Plur. dvjdm; Dat. Sg. dvji u. 8. w., wo sie 
nicht eintreten konnte, und nachher sei die unverschärfte Form per- 
manent geworden. 



VIERTES KAPITEL. 

DAS GERMANISCHE ACCENTGESETZ. 

Auf eine Geschichte der Accentuationsfrage einzugehen 
hat heute wenig Interesse mehr. Holtzmann hatte in seinem 
interessanten Schriftchen zum Ablaut', soweit es das germ. 
Prät. anbetrifft, mit Glück auf den ind. Verbalaccent hin- 
gewiesen, und Scherer stellte mit mehr Bestimmtheit den Satz 
auf, dass der altind. Verbalaccent auch der urgerm. sei. 
Einerlei aber, ob sich noch vereinzelte Aeusserungen über 
dasselbe Thema nachweisen lassen oder nicht, wir kennen den 
germ. Accent in seinem vollen Umfange erst durch Verner, 
wie wir die idg. Betonung bereits durch Bopp im vgl. Accent- 
tuationssystem' kennen gelernt haben. 

Es haben sich mir nun im Lauf der Untersuchung 
einige Punkte ergeben, die eine Modificirung des germ. Be- 
tonungsgesetzes zu erfordern scheinen; ich stelle sie hier zu- 
sammen. 

Der erste aber unwesentliche Punkt bezieht sich auf die 
Nominalcomposition im germ. 

Ich habe oben p. 25 Anm. ein wie mir scheint sicheres 
Beispiel angeführt, das den Accent der altind. Zusammen- 
setzung als uridg. erweisen soll, und ich glaube meine 
Erklärung von germ. fadiz (hunddfadiz = sk. *gatdpatis) 
auch jetzt nach einem Versuch von G. Meyer Kz. 24, 241 
aufrecht erhalten zu können. Ich kenne noch ein Beispiel 
derselben Art und glaube es zur Stütze meiner Erklärung 
von fadiz nicht vorenthalten zu sollen. Im altind. gilt nach 
Garbe Kz. 23, 513 das Gesetz, dass im Compositum mit dm 
als erstem Gliede das zweite Glied seine natürliche Betonung 

9* 



132 DAS GERM. ACCEKTGESETZ. 

behält. Dasselbe Gesetz galt im germ.; dies können wir da- 
raus mit unumstösslicher Sicherheit schliessen, dass die gemein- 
germ. Form des Adverbs tuz und nicht tus ist; Beispiele 
aus den einzelnen Dialecten für tuz hat Holtzmann Genn. II, 
214 zusammengestellt.* 

Wir haben demnach das feste Resultat, dass der freie 
Accent der Nominalcomposition des ind. in derselben Weise 
idg. ist, wie der freie Wortaccent des ind., und zwar haben 
wir dies Resultat vom germ. aus gewonnen. 

Von diesem Resultat aus sind wir auch im Stande eine 
Schwierigkeit zu lösen, die bisher noch wenig beachtet ist. 
Ich hole für die Erklärung etwas weiter aus. 

Im germ. werden die Ordinalzahlen theils mit Suffix 
da, theils mit Suffix pa gebildet. Im ae. herrscht das letztere. 
Im an. ist Suffix da nachweisbar nur für die Ordinalia von 
7, 9, 10; sie lauten auf -undi = germ. unddn aus; altes 
-unpdn wäre an. unni oder üäi. Für die übrigen Ordinalia 
lässt sich nicht entscheiden ob -da oder -pa zu Grunde liegt. 
Im got. wird stets -da gegolten haben ; doch sind nicht alle 
Ordinalia belegt. Im as. ist Suffix -da vorherrschend; da- 
liegt in fioräo und dem neben nigundo bezeugten nigudo 
vor. Das ahd. wechselt zwischen -do und -to: sibunto, niunto 
und zehanto, aber fiordo und ahtodo. Aus diesen Thatsachen 
lässt sich schliessen, dass die ae. Ordinalia mit stetem da 
ebenso unursprünglich "sind wie die got. mit stetem da. Für 
beide Dialecte haben wir eine Verallgemeinerung einer Suffix- 
form anzunehmen. Das ahd. und as. lassen uns ein germ. 
fevörpän schliessen und ahd. ahtodo erweist ein germ. ahtupän. 



* Zweifelhaft ist folgendes Compositum für die Accentuations- 
frage; aber es verdient immerhin Beachtung. Got. niuklahs neuge- 
boren enthält als 1. Glied der Zusammensetzung das idg. Adject. nätf>a t - 
neu; nach den eben entwickelten Thatsachen müsste dem idg. ndyva % - 
ein got. niggva- (Nom. niggvus) entsprechen, niu- aber kann nur aus 
unbetontem neva- entstanden sein, niuklahs wird daher wohl ein ur- 
gent!. nevagldka-8 repräsentiren : dazu stimmt im Accent das altind. 
navajd' neugeboren. 

Kein Werth ist auf die bloss zufällige Uebereinstimmung von got. 
filufaihs und altind. purupSgas zu legen. 



DAS GERM. ACCENTGESETZ. 133 

Für die Ordinalia von 7, 9 und 10 haben wir aber — trotz 
as. niguäo neben nigundo — germ. sibundän, niundän, 
tehundän anzusetzen. Es sind demnach folgendes die urgerm. 
Ordinalia: dnparaz, pridjän, fevörpän, fimftän, sehstdn, sibun- 
dän, ahttipän, niundän, tehundän, vgl. dazu Kz. 23, 112. 

tehundän ist gesichert durch got. taihunda, an. tiundi, 
as. tehando, ahd. tehando, also unzweifelhaft germ. Grund- 
form. Jetzt betrachte man die ahd. Ordinalia für 13, 14, 15 
u. s. w. ; wir finden nicht zehanto, welches regelrechte Form 
für das einfache Ordinale ist, sondern ein zöndo. Das ahd. 
kann in diesem Falle nur eine Alterthümlichkeit bewahrt 
haben, welche in den andern Dialecten untergegangen ist; 
z&ndo ist germ. tehdnpän; d. h. die Betonung des einfachen 
Ordinale für 10 weicht auffällig von der des Ordinale für 10 
in der Zusammensetzung ab. Das ind. bestätigt in diesem 
Falle meine Annahme nicht, setzt ihr aber auch keine 
Schwierigkeiten entgegen. 

Auf die Frage nach der Weiterentwicklung der Accen- 
tuation im Compositum kann ich mich hier nicht einlassen, so 
sehr die ausführliche Darlegung des 'Accentuationssystems des 
altind. Nominalcompositums von Rieh. Garbe Kz. 23, 470 ff. 
dazu auffordert. 

Hier hebe ichrnur das Resultat der obigen Bemerkungen 
hervor, und dies lautet: von der Periode der Lautverschie- 
bung bis zum Beginn der Periode der Accentverschiebung 
herrschen im germ. Nominalcompositum die alten Accent- 
verhältnisse mit derselben Gesetzmässigkeit wie im nicht zu- 
sammengesetzten Nomen; und durch die Accentverschiebung 
wurde hunddfadiz zu hündafadiz nach demselben Gesetz, 
welches hunddm zu hündam machte. 

Auffälliger und, wenn sich die Richtigkeit meiner De- 
duetionen herausstellt, werthvoller für die Auffassung des germ. 
ist das Resultat, welches ich aus den Erörterungen des 2. und 
3. Kapitels gewonnen zu haben glaube, und das eine neue 
Formulirung des germ. Accentgesetzes für das einfache Wort 
erfordert: und dieses würde, wie ich oben bereits bemerkte, 
in seiner neuen Fassung so lauten müssen : die grosse Accent- 
verschiebung des germ. trifft nur den Ton suffigirter Flexions- 



134 DAS GERM. ACCENTGESETZ. 

elemente, alterirt aber den Ton präfigirter Flexionselemente 
nicht. Genauer: 1) wenn der Accent im einfachen Wort auf 
der Wurzelsilbe steht, bleibt er ; 2) wenn der Accent auf einem 
Suffix steht, tritt er auf die Wurzelsilbe ; 3) wenn der Accent 
auf einem Wurzelpräfix steht, bleibt er. 

Neu ist nur der letzte Punkt der Formulirung und ich 
muss ihn hier näher beleuchten. 

Zunächst sind die Fälle von präfigirten Flexionselementen 
zu sammeln. Es gibt deren nur zwei : Augment und Re- 
duplication, das Augment ist dem Verbum eigentümlich, 
das zweite Princip erscheint in der ganzen Wortbildung. 

In der Nominalbil'dung ist Reduplication im ind. ein 
sehr beliebtes Princip ; wenn ich mich an die Fälle halte, die 
möglicherweise für das germ. in Betracht kommen, so sind 
folgende zu erwähnen. 

Im ai. bilden zahlreiche % -Wurzeln mit einfacher Con- 
sonanz im An- und Auslaut Adjectiva auf Suffix i mit Re- 
duplication und Unterdrückung des Wurzelvocals. \P gam 
jägmis gehend ; y/^ han jäghnis schlagend ; cdkris wirksam 
y° kar ; päpris spendend, hinüberführend. Dieses Beispiel 
von Reduplication könnte für das germ. bes. von Werth 
sein, weil der Accent auf der Reduplication, deren Vocal 
nach cdkris ein a x war, von Haus aus geruht zu haben scheint.* 
Holtzmann Germ. 9, 185 hat in verschiedenen germ. Verbal- 
adjectiven mit stammhäftem i und Suffix i das alte Prin- 
cip wiederzufinden geglaubt und ich wüsste auch nicht, was 
sich gegen eine Erklärung von germ. nimiz (= got. -nems), 
sitis (got. -sets) aus älteren nenmiz sezdiz einwenden lassen 
könnte. Die Erklärung des £-Typus für den syncopirten Typus 
in diesen Verbaladjectiven wird derjenige geben, welcher 
denselben Vocal in den schw. Perfectformen der Ablauts- 
reihe bSrd erklärt. Aber man wird von dieser Bemerkung aus 
sehen, dass uns jene Adjectiva in unserer Frage nicht fordern. 



* Nach dem gerra. freilich kann man schwanken, ob Redupli- 
cations- oder Suffixbetonung ursprünglich ist : got. qepi- fällt nicht 
sehr ins Gewicht. Aber an. vaerr beruht auf einem Stamme vezi- (zu 
visö), saer auf sivi- für sigvi- zu sthvö. Doch liegt die Frage zu sehr 
Yom Wege, als dass ich mich hier darauf einlassen könnte. 



DAS GERM. ACCENTGESETZ. 135 

Allerdings sind die schw. Perfectformen auch für das 
Accentuationsgesetz von einigem Werth: denn in Mrume 
ruht der Ton ja nicht auf der Wurzelsilbe, sondern auf der 
Reduplication und ebenso in qö'miz (bequem = sk. jdgmisj. 
Aber diese beiden Fälle sind durchaus anderer Art, als die- 
jenigen sein müssen, auf welche wir fahnden. 

qSmünp (= sk. jagmüs) konnte von der Sprache nicht 
mehr verstanden sein; und es war eben auch keine Wurzel- 
silbe mehr vorhanden, die den Accent erhalten konnte; das- 
selbe gilt für qemiz = sk. jdgtnis. Wer für derartige Formen 
eine besondere Clausel im Accentgesetz wünscht, wird durch 
folgende Fassung befriedigt sein: wo faktisch eine Wurzel- 
silbe nicht vorhanden war, die den Accent erhalten konnte, 
traf der Ton diejenige Silbe, welche für das Sprachgefühl 
eben den Werth einer Wurzelsilbe hatte. Diese Clausel gilt 
natürlich auch für diejenigen Fälle, für die ich secundäre Ent- 
wicklung eines Stammvocals annehme, z. B. für fttu aus fdü 
(für plüj. Besonders lehrreich sind auch Formen der V° a x s 
wie hd. sind, sei' für die Auffassung des germ. Accentge- 
setzes. 

Das Princip der Reduplication erschuf im idg. mehrere 
Präsensclassen. Zunächst haben wir eine reduplicirte Präsens- 
bildung mit syncopirtem Typus von a x -Wurzeln mit einfacher 
Consonanz im An- und Auslaut zu constatiren; als Redupli- 
cationsvocal zeigt sich im ind. meist a (= a x ); im gr. und 
lat. finden wir öfters i tgignö V° §vn; fifam* V^ nw\ wyj° 
y/~* at% ; Trhno y/~* nerj. Wenn wir für das germ. ein e Q= 
ind. a) als Reduplicationsvocal ansetzen, kommt diese Bildung 
in unserer Frage ebensowenig in Betracht als die Accen- 
tuation des schw. Präteritalstammes b$r-um. 

Schwieriger wird die Frage, wenn wir zum Princip der 
Präsensbildung der 3. Classe übergehen. Ich kann hier nur 
auf die Behandlung verweisen, die derselben im folgenden 
Kapitel zu Theil wird, wo ich nachweise, dass sie im germ. 
in zahlreichen Fällen vorhanden war, die aber mit Notwendig- 
keit Wurzelbetonung voraussetzen. Das idg. Princip dieser 
Bildung war, wie sich dort herausstellt, Steigerung in betonter 
Wurzelsilbe in den st. Formen, schw. Vocalstufe in unbetonter 



136 DAS GERM. ACCENTGESETZ. 

Wurzelsilbe in den schw. Formen. Die Redupjicationssilbe 
dieser Formen kommt, weil stets unbetont, für unsere Frage 
ebenfalls nicht in Betracht. 

Einzelne Nominalbildungen wie idg. kajcra^, das bald 
Oxytonon, bald Paroxytonon war, fallen nicht sehr ins Ge- 
wicht. Die Etymologen führen keifras auf eine v° \ a \ r 
(kaj,) zurück, ohne freilich dieselbe stricte nachzuweisen. Ist 
diese Ansicht richtig und ist die erste Silbe wirklich Re- 
duplication, so ist germ. hvehvlaz hvegvlas aus Rücksichten 
der Betonung nicht interessanter als got. . birum ; beide fallen 
unter .die oben aufgestellte Clausel. 

Wenn ich von weiteren Einzelfällen der letzteren Art 
absehe, ergibt sich aus unsern Bemerkungen das Resultat, 
dass sich im germ. kein Fall von deutlich und klar erhal- 
tener Reduplication nachweisen lässt; dies hat seinen Grund 
darin, dass dieselbe als Wortbildungsprincip untergegangen 
ist, sobald an Stelle des syncopirten Typus im Präterital- 
ablaut bird der ^-Typus eintrat. Es kann also, wofern ich 
die Thatsachen gehörig in Erwägung gezogen habe, nichts 
gegen den Satz vorgebracht werden, dass die Accentverschie- 
bung den Ton von der Reduplicationssilbe nicht auf die 
Stammsilbe geworfen haben müsse. Und fefanga, fefangume, 
hShanga hShangume, skSskaida sMskaidume, fifalda fSfaldume 
beweisen zur Genüge, dass von einer Periode vor der Läut- 
verschiebung an bis in die letzte gemeingerm. Zeit die Be- 
tonung nicht alterirt ist; vgl. die obige Chronologie im 
Kapitel II. 

Das Augment, als Bildungselement dem relativen Prä- 
teritum, d. h. dem Imperf. resp. Aorist und dem Plusquam- 
perf. eigenthümlich, hat sich im germ. nur in zwei Fällen er- 
halten: iddm = sk. ädhäm und iijdm (= sk. dyäm) be- 
ruhen auf idg. d^da 2 m und d x ya?m. Weitere Fälle von Aor. 
sind nicht mit Sicherheit beizubringen; und wenn die oben 
p. 107 besprochenen Formen auch als Aor. angesehen werden 
dürfen — woran wohl niemand zweifeln kann — , so kommen 
sie für die Accentfrage nicht in Betracht; sie könnten nur 
beweisen, dass das Part. Aor. im germ. wie im gr. und ind. 
augmentlos gewesen ist. 



DAS GERM. ACCENTGESETZ. 137 

Hier entsteht nun die Frage, ob sich die Erhaltung des 
Augmentes in Sdom Sijdm nicht etwa so erklären lassen könne, 
dass das germ. Accentgesetz in seiner früheren Formulirung 
bestehen bleiben könne. 

Für Sddm ist die Möglichkeit einer anderen Erklärung 
durchaus in Abrede zu stellen: folläm Sddm muss nach der 
bisherigen Formulirung des Accentgesetzes zu föllam Sddm 
werden und edom Hesse got. idö erwarten, vgl. pd (= ta-tn, 
sk. tarn, gr. rtjvj\ also das Auslautsgesetz verlangt eine Be- 
tonung Sddm wie wir oben sahen. Auch für Sijdm ist eine 
andere Erklärung ausgeschlossen : wenn das Accentgesetz aus 
Sijdm ein eijom gemacht hätte, müssten wir got. iddjd be- 
tonen und ich glaube nicht, dass jemand diese Betonung für 
möglich hält. 

Ich sehe also keinen Punkt im Bereich der germ. Laut- 
und Formenlehre, der gegen meine Formulirung des germ. 
Accentgesetzes eingewendet werden könnte. 

Indem ich nach diesen einzelnen Bemerkungen alles noch 
einmal zusammenfasse, lautet das germ. Accentgesetz: 

1) Der Accent wird von Suffixsilben stets auf diejenige 
Silbe geworfen, die dem Sprachgefühl als Stammsilbe gilt ; 
dabei können wir der Sprache den stricten Nachweis führen, 
dass sie sich vielfach dupiren lässt und Silben als Wurzel- 
silben ansieht, deren Vocal eigentlich einem Wurzelpräfix oder 
einem Suffix angehört. 

2) Der Accent einer Silbe, die dem Sprachgefühl als 
Wurzelsilbe gilt, wird nicht alterirt ; auch hier treffen wir die 
Sprache bei Fehlgriffen, die allerdings verzeihlich sind. 

3) Wo der Ton in der Periode unmittelbar vor der 
grossen Accentverschiebung auf präfigirten Flexionselementen^ 
steht, beharrt er während der ganzen Folgezeit. 



ZU KAPITEL II. III. IV. 

Ich gestand oben p. 85 dem ahd. ier (zu errenj gegen- 
über rathlos zu sein. Jetzt glaube ich -die Form durch einen 
weiteren Zusammenhang aufklären und zugleich meine Aus- 



138 ZU KAP. II. III. IV. 

einandersetzungen über den Aor. und das Accentgesetz durch 
ein neues sicheres Beispiel stützen zu können. Ich mache 
gleich hier darauf aufmerksam, weil die in den beiden letzten 
Kapiteln vorgetragenen Theorien jetzt über allen Zweifel er- 
haben sind. 

Scherer hat in der neuen Auflage von zGDS 268 (der 
betr. Passus ist mir durch die Güte des Verfassers seit den 
letzten Tagen des September bekannt, als der Text meiner 
Arbeit bereits abgeschlossen war) zweifelnd die Vermuthung 
aufgestellt, dass das ahd. ier möglicherweise Rest eines augmen- 
tirten Tempus sei. Man wird es mir hoffentlich nicht übel 
auslegen, wenn ich behaupte, dass ein augmentirtes Tempus 
in dem dortigen Zusammenhange wenig Wahrscheinlichkeit 
hat. Nach der bisherigen Fassung des Accentgesetzes hätte 
altes iar- durch eär~ zu ar- oder nach einer anderweitigen 
These Scherers zu 6r-, 6r- werden müssen. 

Und dann fasst Scherer arjan als ursprünglich schw. 
V. ; ich glaube aber nicht, dass von einem solchen ein Aug- 
menttempus ohne den Classencharakter j hätte gebildet 
werden können. Germ, ärjö ist nach meiner Ansicht ein 
st. Verb mit einer Präsensbildung nach der 4. sk. Classe ; 
ahd. ier wäre germ. earam, d. h. echter Aor. (das Imperfect 
würde earjam lauten) und zwar in schöner Uebereinstimmung 
mit meiner Auffassung von Sdöm (got. ida) und iijdm (got. 
iddja). 

Ohne mich auf weitere Combinationen über das Ver- 
hältnis von Aor. Imperf. und Perf. einzulassen, wozu auch 
Osthoffs Bemerkungen Morph. Untersuchungen p. 108 auf- 
fordern könnten, bemerke ich noch, dass, wie auch Scherer 
ib. andeutet, in manchen Fällen bei vocalisch anlautenden 
Verben perfectische und augmentirte Formen nach dem Aus- 
lautsgesetz zusammenfallen mussten : got. aiduk = an. jök, 
also germ. iauk kann auf Sauka (Perf.) und eaukam (Imperf.) 
beruhen. Fälle dieser Art aber können nicht häufig gewesen 
sein, wenn meine Formulirung des Accentgesetzes richtig ist. 



FÜNFTES KAPITEL. 

ZUM GERMANISCHEN PRÄSENS. 

Die idg. Präsensbildung war reich entwickelt, reicher 
als die ind. Zwei Hauptarten von Bildungen unterscheiden 
wir in allen idg. Sprachen, die sg. bindevocalische und die 
bindevocallose Classe. Jene bildet die 1. Sg. Präs. Ind. auf 
d, diese auf mi; im übrigen sind die Personalsuffixe gleich. 
Das Formbildungsprincip der Abstufung äussert sich bei beiden 
Conjugationen auf sehr verschiedene Weise: die /m-Conju- 
gation unterscheidet ihre schw. und st. Formen genau so wie 
das idg. Perf. : die Personen des Sg. gelten als st., die des 
Dual und Plural als schw. Formen. Die d-Conjugation zeigt 
wie Brugmann nachgewiesen hat, den Bindevocal in den 
st. Formen als a 2 (gr. o, germ. a), in den schw. 04 und a t 
(gr. 6, germ. ej, und zwar gelten bei der d-Conjugation die 
ersten Personen des Sg. Plur. Dual, und die 3. Plur. als st. 
Formen, alle übrigen als schw. 

Man kann in beiden Conjugationen wieder besondere 
Unterabtheilungen machen, die durch bestimmte präsensbil- 
dende Elemente bedingt sind. 

Die einfachsten Bildungen sehen wir im Präs. nach der 
1. und 2. sk. Classe: das Princip der Abstufung herrscht rein, 
ohne dass ein Secundärelement eintritt. Als Paradigma der 
d-Conjugation gilt idg. bhd x rä, bhd { ra x ti; bhd i ra 2 mas, bhd^ra^nti^ 
als Paradigma der mi-Conjugation d^imi, d^iti; imds, idnti. 

Ein beliebtes Secundärelement der Präsensbildung ist 
Reduplication. Bei der d-Conjugation entstand eine bes. im 
ar. und gr. häufige Art der Präsensbildung von a t -Wurzeln 
mit einfacher Consonanz im An- und Auslaut; der unbetonte 



140 ZUM GERM. PRÄSENS. 

Wurzelvocal wird unterdrückt; der Reduplicationsvocal war 
ursprünglich vielleicht nur a u nicht auch i; er mag von Haus 
aus accentuirt gewesen sein. Paradigma: \^ ka^ (der Wur- 
zelvocal wird durch Windischs Zusammenstellungen Kz. 23, 
205 und 235 erwiesen) bildete ein Präsens : kd x ksä } käjcsafi; 
kdjcsa.jnas kd x ksa 2 nti (vgl. sk. caksämij. In der mi-Conju- 
gation zeigt die Präsensbildung der 3. sk. Classe Redupli- 
cation, deren Vocal bald a 1; bald i gewesen sein mag. Die 
Wurzelsilbe wird behandelt wie im idg. Perf. Paradigma: 
pipd 2 rmi, pipd 2 rti, pipa x rinds, piprdntL 

Ein zweites Secundärelement der Präsensbildung ist 
Nasalsuffix. Bei der thematischen Conjugation scheint der 
Accent ursprünglich auf dem Themavocal geruht zu haben, 
da die Wurzelsilbe in schw. Vocalstufe erscheint. Paradigma : 
da^nknä, da^nknd^ti; da x nknd 2 mas, da l nknd 2 nti (gr. öäxvu), ddxvsi, 
ddy.vo/LuV) daxvovatj. Diese Classe ist im ar. fast gänzlich aus- 
gestorben, blüht aber im gr., lat. und germ. Zur wi-Con- 
jugation gehört die 9. sk. Classe; das Suffix lautete in den 
starken Formen na 1 , in den schw. aber wa 1 , wie gr. v/j : 
va zeigt; die Wurzelsilbe erscheint stets in schw. Vocalstufe. 
Paradigma; pund 2 mi } pundHi; pun^mds, pundnti (vgl. sk. 
punämi y/^ pu). 

Ein drittes Secundärelement des Präsens ist Suffix nw-. 
Die ä-Conjugation scheint stets den Themavocal zu betonen, 
da die Wurzelsilbe schw. Vocalstufe zeigt. Paradigma : rinvä, 
rinvd^ti; rinvd 2 mas, rinvdjitl (germ. rinnd; y/^rij. Zur mi- 
Conjugation gehört die 5. sk. Classe, deren Princip darin be- 
steht, dass der Wurzelvocal durchweg schw. Stufe hat und 
das Suffix in den st. Formen betont und gesteigert wird. Para- 
digma: 9und 2 umi } sund 2 uti; sunumäs, sunvdnti (vgl. sk. su- 
nomi y/^ suj. 

Ein viertes Flexionselement ist ein infigirter Nasal. In 
der d-Conjugation gehören Fälle, wie lat. linquo, tundo, gr. 
xXdyynt u. s. w., germ. standö her; der Wurzelvocal erscheint 
in schw. Stufe, daher wird der Themavocal ursprünglich be- 
tont gewesen sein. Zur m-Conjugation gehört das Princip 
der 7. sk. Classe: in den st. Formen ein infigirtes na 2 , das 



ZUM GERM. PRÄSENS. 141 

betont ist, in den schw. Formen blosses Infix n. Paradigma : 
rund 2 dhmi, rundßhti; rundhmds, rundhdnti. 

Hierzu kommen noch folgend^ Bildungen zur ersten 
Hauptconjugation. 

Secundärelement i; Princip der 4. sk. Classe; es ver- 
langt schw. Stufe des Wurzel vocals, daher wird ursprünglich 
der Themavocal betont gewesen sein; idg. Va x rgiä, Va x rgid{ti, 
va x rgidimas } Va i rgid 2 nti vgl. germ. vorkiö. 

Secundärelement sk; diese Bildung hat gleichfalls schw. 
Stufe des Wurzelvocals, wesshalb der Themavocal im idg. betont 
gewesen sein muss. Paradigma : gn^nskä, ga^mskd^ti, ga x mskd 2 mas } 
ga l mskd 2 nti vgl. ai. gdcchämi = gr. ßdayjo. 

Zuletzt sei eine Bildung ohne Secundärelement erwähnt, 
die nach der 6. sk. Classe; der Wurzelvocal ist unbetont, der 
Themavocal betont. Paradigma: tudä, tudd x ti; tudd^mas, 
tuddjiti. 

Das idg. besass nach dieser Zusammenstellung 13 ver- 
schiedene Arten einer primären Präsensbildung, die von der 
Wurzel selber ausgegangen sind. Um für das folgende zu 
einfachen Bezeichnungen zu gelangen, gebe ich hier eine 
Zusammenstellung der Paradigmata. 

A. 

ä - Conjugation. 

1) Einfache Bildung: bhd x rä, hhd x ra x ti; bhd x ra 2 mas, 
bhd x ra 2 nti; y/^ bha x r. 

2) Reduplicirte Bildung: kdjcsä, kd^Safi; kd^ksa^mas, 
kd x ksa 2 nti; v/° ka t s. 

3) n - Suffixbildung : da x nknd, da x nknd x ti; da x nknd 2 mas, 
da x nknd 2 nti ; y° da x nk. 

4) nu- Bildung: rinvä, rinvä^i; rinvd 2 mas, rinvd 2 nti; 
V° ri. 

5) w-Infixbildung : stamtä, sta x ntd x ti; sta ntd 2 mas, sta^n- 
td 2 nti; y/^ stat. 

6) i-Bildung: Vargiä, Va^gid^ti; va x rgid 2 mas, Va x rgid 2 nti; 
y° va x rg. 

7) s&-Bildung: ga x mskä, g^mskd^ti; ga x mskd 2 mas, ga x tn- 
skdjiti; y/~* gßttn. 



142 ZUM GERM. PRÄSENS. 

8) Schwache Bildung: tudä, tudd{ti; tudä^mas, tudd 2 nti; 
yP ta x ud (== tud). 

B. 
mi - C o n j u g a t i o n. 

1) Einfache Bildung : ä^imi, d^iti ; inids,idnti; y/ r *ai = i. 

2) Reduplicirte Bildung : pipd^rmi, pipd^rti; pipa^mds, 
plprdnti; \Z° pa x r. 

3) «-Suffixbildung : pund 2 mi, pundHi ; pun^mds, pundnti. 
y° pa x u (pu). 

4) WM-Bildung: sund 2 umi, sund 2 uti; sunumds, sunvdnti; 
V° sa x u (su). 

5) Infixbildung: rund 2 dhmi, rund 2 dhti; rundhmds, run- 
dhdnti; y/~" ra x udh (rudh). 



§ 1. 

ZUR <$-CONJUGATION. 

Zur Vertretung der d-Conjugation im germ. habe ich 
nicht viel zu bemerken, da das Thatsächliche ja bekannt ist. 
Das Präsens der A 1)-Classe herrscht im germ., das die 
übrigen präsensbildenden Principien theilweise aufgegeben, 
theilweise gänzlich verdunkelt hat. Verschiedene präsens- 
bildende Elemente sind zur Wurzel gezogen; besonders gilt 
dies von dem n der A 3) - Classe. 

1. Das Princip der A 3) -Classe hat sich am treusten im 
gr. und lat. bewahrt. Man hat bisher — aber sicher mit 
Unrecht — diese Classe mit der B 3) -Classe identificirt, der 
Unterschied beider Bildungen fällt am klarsten in die Augen, 
wenn man gr. Say.vto : daKvo/nfv und du/Livfj/ui : da'fiva/nsv ver- 
gleicht: der dem Nasal folgende Vocal ist in beiden Classen 
also ganz verschieden. Aus dem gr. veranschaulichen be- 
sonders tIvw und mvü) das Princip; vocalisch auslautende 
Wurzeln haben an Stelle der schw. Vocalstufe gern Dehnung. 
Aus dem germ. stelle ich zuversichtlich das alte skino 'scheine' 
her, welches auf einer \Z~> ski (vgl. skirds, skimän u. s. w.) 
beruht; der älteste Ablaut zum Präs. ski-nö wird skdija 
skijumS, skijands gewesen sein; sobald aber die idg. i und 
a x i im germ. in dem Laut i sich trafen, ging skino in die 



ZUR d-CONJUGATION. 143 

Ablautsreihe bitd über und bildete seine Formen von einem 
fälschlich erschlossenen Verbalstamm skin-. Bei germ. kinö 
keime sind wir so glücklich noch eine Spur des alten Ab- 
lauts .zu besitzen; dem gemeingerm. Verb (got. (?) hd. as.) 
liegt eine y° gi zu Grunde, die im altind. meist nach der 
A 4)-Classe flectirt, woraus sich eine Wurzel jinv entwickelte; 
sk. jirds lebhaft: y° ji = germ. sM-rds: y° ski. Der alte 
Ablaut des germ. Verbs wird gewesen sein ki-nö kdija kijumö 
kijands; die letzte Form hat sich bekanntlich bis ins got. er- 
halten : uskijanata Luk. 8, 6. 

An. gina gaffen = ae. ginan findi beruhen auf \P ghi 
(Fick VII, 106), die auch im germ. nachweisbar ist; das n 
des an. und ae. Verbs wird ursprünglich auf das Präsens 
beschränkt gewesen und nachher zum Verbalstamm ge- 
zogen sein. 

Germ, grinö greine (hd) (= an. hrina?) gehört zu 
sk. y° hri sich schämen, wird daher auch ein ursprünglich 
nur präsentisches n haben. 

An. hrina schreien ist möglicherweise mit hd. skrian 
schreien verwandt und auf y^ skri zurückzuführen; dann 
würde das n des an. Verbalstammes auf einer Verallgemei- 
nerung des präsentischen Nasals beruhen. 

Noch folgende Verba stehen im Verdacht hierher zu 
gehören : 

svino schwinde Fick VII, 365. glind leuchte, hvinö 
kreische, hrind berühre. 

Dass sich keine Präsentia der Formel xünö im germ. 
finden, ist eine schöne Bestätigung für meine Annahme, dass 
das Zusammenfallen der idg. i und a t f die Präsentien der 
Formel .And gerettet hat; die st. Vocalstufe idg. a^u und 
die alte Dehnung idg. ü blieben nämlich im germ. scharf 
geschieden. 

Got. fraihnan — an. fregna = ae. fregnan (frinan) 
i= as. fregnan setzen ein gemeingerm. fregnan voraus, dessen 
Guttural auf Suffixbetonung deutet; wahrscheinlich ist der 
innere Vocal unursprünglich; die streng germ. Form, wird 
frognö (Prät. frdha = got. frah, an. frd; frdgumi) und 
das Part, wird frogands gelautet haben (nach brokands); 



144 ZUR d-CONJUGATlON. 

die Formen mit o sind beseitigt, wie den urgerm. trodö west- 
germ. tredo entspricht; das alte Prät. frdha, frÖgutnS hat sich 
im got. (froh frehum) und an. (frd frdgum) erhalten ; im 
westgerm. hat sich der Präsensnasal durch den ganzen Ablaut 
festgesetzt. 

Vielleicht haben auch die beiden folgenden Verba ur- 
sprünglich einen präsentischen Nasal der A 3)-Classe zum 
Stamm gezogen. 

Got. maürnan wird als schw. V. angesetzt; im Hinblick 
auf an. morna = ahd. mornen ist das nicht unberechtigt. 
Berücksichtigt man aber auch ae. murnan meyrn, so lässt 
sich nicht leugnen, dass das got. V. stark gewesen sein 
könne. Das ist aber durch das ae. V. erwiesen, dass wir einen 
st. Präsensstamm mornd- anzusetzen haben. Mit Grein II, 
240 für mearn ein unbelegtes meprnan zu construiren, ist 
verkehrt; und das einige Mal belegte schw. Prät. murnde 
(Nebenform zu m&pm) kann ebenso gut eine späte Neubil- 
dung sein wie die entsprechende Form andrer Dialecte. In 
meprn zeigt sich der ursprüngliche Präsensnasal ; als ursprüng- 
licher Ablaut dürfte anzusetzen sein mornd mdra merumi 
morands. Was die Bedeutung anbetrifft, so deutet an. morna 
schwinden gegenüber der sonst herrschenden Bedeutung'trauern 
auf die weitverzweigte Wurzel ma^r sterben, vergehen. In- 
teressant ist, dass uns zu derselben auch im ind. Spuren einer 
gleichen Präsensbildung mit Nasal begegnen. Die A 3)- 
Classe ist im ind. bis auf wenige Fälle gänzlich ausge- 
storben. Einer derselben nun ist der ved. Präsensstamm 
mrna (Grassm. 1059), für den die ind. Grammatiker mrn als 
Wurzel ansetzen; die Flexion derselben weist deutlich auf 
unsere A 3)-Classe hin. Auch die ved. Wurzel prn (3 Sg. 
Präs. prndti) ist verkehrt angesetzt; da sie bindevocalisch 
flectirt, haben wir in prndti zweifellos ein Präsens der A 3)- 
Classe. Dieselbe Erklärung gilt auch für die altind. Wurzel 
ran (neben ramj, Präs. rdnati; es ist der bindevocalische 
Präsensstamm rdna- aus ra v mna- für r^mnd entstanden. In 
der Perfectbildung rärana erkennt man leicht Stabilirung des 
Nasals wie in ae. meyrn* 



ZUR d-CONJUGATlöN. 145 

Doch zurück zu den germ. Formen.* 

Mit murnan steht ae. spurnan, spoman auf einer Stufe ; 
das Prät. spegrn spurnon entspricht dem an. sparn spurnu, 
und im ahd. findet sich noch das starke Part, gaspurnan 
und Prät. Conj. spurni. Cleasb. setzt einen Inf. sperna an, der 
wie Holtzmann ad. Gr. p. 78 bemerkt lautlich unmöglich 
ist; er würde spjarna heissen, wie jetzt auch Wimmer in 
der schwed. Ausgabe seiner an. Gr. p. 111 angibt, wenn er 
nicht vielmehr mit innerem o anzusetzen wäre ; es findet sich 
sporna als schw. V. Auch setzt Grein mit Unrecht ein st., 
*speprnan an, wo doch offenbar sporn an das zum Prät. ge- 
hörige Präs. ist. As. spurnan kann schw. oder st. gewesen sein; 
Der germ. Ablaut wird gewesen sein in der ältesten Zeit 
spornö spdra spSrume sporands, m der späteren Zeit spornö 
sparna spornume spornanas. Die Wurzel spa^r mit den 
Füssen stossen liegt bekanntlich auch in lat. sperno verachte' 
vor, und dies zeigt auch die Präsensbildung der A 3) - Classe, 
die desshalb bei unserer Wurzel als alt gelten kann. Dass 
die «-Bildung der bindevocalischen Classe im lat. beliebt war, 
zeigen ausser sperno auch contemno cerno sterno u. s. w. Im 
urgerm., dürfen wir nach den bisherigen Angaben schliessen, 
war sie eine häufige Art der Präsensbildung; sie hat sich 
erhalten : 1) wo die Vocalstufe der Wurzelsilbe mit der- 
jenigen der A 1)- Classe zusammenfiel; ki-nö wie bi'td und 
2) in drei Einzelfällen frognö mornö spornö. Für die Prä- 
teritalbildung ist zu beachten, dass (ausser bei *frognö und 
kinö vgl. got. uskijanataj der präsentische Nasal stets zum 
Stamm gezogen ist, also im ganzen Ablaut erscheint. Hier- 
mit habe ich gesagt, was über die A 3) -Classe im germ. 
sicheres zu gewinnen ist; weitere Combinationen bes. im An- 
schlu8S an die Verhalstämme auf // (für In ?) zu geben unter- 
lasse ich. 

2) Das Princip der 4. sk. Classe, die zur a-Conjugation 
gehört, ist aus dem ar. zur Genüge bekannt ; es besteht darin, 
dass die schwächste Wurzelgestalt, deren Vocal betont ist, 



* Eine andre Erklärung der ind Formen hat soeben Job. Schmidt 
Ez. 23, 313 ff. gegeben. 

qf xxxn. 10 



146 ZUR d-CONJÜGATIÖN. 

i als Secundärelement erhält. Es unterliegt keinem Zweifel, 
dass der Accent, wie er uns fast durchweg überliefert ist, 
nicht als alt gelten kann; er muss ursprünglich auf dem 
Themavocal geruht haben. Paradigmata aus dem ai. sind: 
hfsyämi, yüdhyämi, vgl. Delbrück ai. V. 168. 

So reich auch das gr. nach Curtius' sorgsamen Zusammen- 
stellungen gr. V. I, 2 291 ff. an Verben der i-Classe ist, so 
kann doch kaum die Hälfte derselben als primitiv gelten. 
Instructiv sind besonders : ßakXco, Gdf. (fajiä; ßikog, neutraler 
as-Stamm, weist auf ein neben ßdXXto wohl denkbares ßdkw; 
ßaivw, Gdf. g t a t miä = lat. venio ; (rxafw, Gdf. ska x ngiä; da- 
neben Hesse sich ein gr. oxsyyco = sk. khdngdmi denken. 
Sind Präsentien dieser Art treue Reflexe alter Bildungen, 
so kann es nicht zweifelhaft sein, dass Verba wie tfaW, xsigw, 
xTsivw sei es späte Analogiebildungen oder alte Combinations- 
bildungen sind ; man hätte dafür daiga), xaigto, xraivco u. s. w. 
zu gewärtigen. Die i- und u- Wurzeln bilden im gr. ihr Präs. 
meist regelmässig: xkvUo, wfeto, xgt£w u. s. w. 

Im germ. blieben alte ja -Verben nur unter einer Be- 
dingung stark, nämlich nur, wenn sich die schw. und die 
st. Vocalstufe lautlich deckten. Wo dies nicht der Fall ist, 
hat die Sprache die Präsensbildung mit i entweder durch ein 
Präs. der A 1)-Classe ersetzt oder als schw. Bildung aufge- 
fasst und demgemäss ein schw. V. gebildet. 

Wir erkennen an diesem fast ausnahmelosen Gesetz eine 
interessante Erscheinung, welche über die germ, Spracheigen- 
thümlichkeit aufklären kann. 

Zunächst begreifen wir jenem Gesetz zu Folge, wie fast 
die meisten der erhaltenen ja- Verba dem Ablaut dkö an- 
gehören. Bei der a-Reihe fällt nämlich nach den Erörte- 
rungen des ersten Kapitels die schw. und die st. Vocalstufe 
stets in den Laut a zusammen. Bei Verben dieser Art wurde 
der Ablaut durch die i-Präsensbildung in keiner Weise gestört. 
Wir sind berechtigt für etwa 9 Verben der Reihe dkd im 
germ. eine i- Bildung anzunehmen: fräpjö, hdfjö, hlähjö, 
skdpjö, skdpjö; kldhjö, svärjö ; stäpjö; sdfjö. Bedenkt man 
nun, dass die Reihe dkö nur etwa 50 Verben enthält, so ist 



ZUR a-CONJ.UGATION. 147 

man zu dem Schluss berechtigt, dass die A 6)-Classe im urgerm. 
einen ganz bedeutenden Umfang gehabt haben muss. 

Auch in einem zweiten Falle lautete die sehw. und die st. 
Vocalstufe gleich, bei a x -Wurzeln nämlich, die mit einfacher 
Consonanz anlauten und mit einem Verschluss- oder Zischlaut 
schliessen: bei Wurzeln dieser Art werden a x und a t durch 
e reflectirt. Bei unsrer Präsensbildung ging zwar das e be- 
reits in gemeingerm. Zeit vor dem Suffix i in i über vgl. 
an. sitja = ae. sittan = as. sittjan = hd. sizzen. Man 
darf aber wohl annehmen, dass diese Differenz der Präsentia 
sitjö und vigö, der Ablaut * : a : $ : e gegenüber dem herrschen- 
den e : a : ö : e, nicht sehr gefühlt wurde oder in einer 
Periode entstand, die dem Aussterben der sonstigen ja- Verben 
folgte. Als germ. sind anzusetzen: sitjö, bidjö, ligjö, pigjö. 
Wir haben etwa 30 Verba von a r Wurzel mit einfacher Con- 
sonanz im Anlaut und schliessendem Explosiv oder Zischlaut; 
für 4 derselben steht also i-Präsensbildung fest. 

Jetzt bleibt die andere Hälfte des obigen Gesetzes über 
das i-Präsens im germ. nachzuweisen. Zunächst untersuchen 
wir die Verbalbasen mit auslautender Doppelconsonanz und 
die mit auslautendem Nasal oder Liquida. Zweierlei ist von 
vornherein klar : einmal wie die alten a-Präs. von Wurzeln 
der bezeichneten Art sich nicht als st. Präsensbildungen halten 
konnten, und zweitens, wie man die Spuren, die auf dasselbe 
hinweisen, fast durchweg hat übersahen können.* 

Es ist noch wenig aufgefallen, warum wir nur im Ab- 
laut gtibb und dko die A 5) Präsensbildung finden. Und doch 
ist ein innerer Grund vorhanden und er ist uns nicht mehr 
dunkel. Alle Verbalbasen, bei denen die schw. und die st. 
Vocalstufe differiren, haben ihre i- Präsensbildung nicht er- 
halten können. Zu bindo würde ein Präsens nach unserer 
Classe bundjo, zu vSrpö vörpjö lauten. Dies hätte einen Ab- 
laut u : a : u : u ergeben. Zu Verben wie bSrö musste auch 

* Einzelne der zu besprechenden Thatsachen hat Amelung Tera- 
pusst. p. 24. 60 bis zu einem gewissen Grade richtig erkannt; doch 
läset sich jetzt manches bei der vorgerückten Kenntnis des Yocalismus 
schärfer fassen. Dasselbe gilt von unsern Bemerkungen über die n- 
Präsensbildung im Vergleich zu Tempusst. p 23. 

10* 



148 ZUR <2-C0NJUGATI0N. 

o im i- Präsens erscheinen, und dies ergab einen Ablaut o : 
a : e : o. 

Das Streben nach Formeneinheit führte auf Neubildungen 
ganz verschiedener Art: entweder schuf man an Stelle des 
Präsens nach der A 6)-Classe ein solches nach der A 1)- 
Classe, genauer: man stellte für den störenden Ablaut u : 
a den beliebten und gewöhnlichen Ablaut e : a her; oder 
man fasste das Präsens als schw. i-Präsens und bildete schw. 
Präteritalformen. In keinem Dialect finden wir ein st. Verb 
mit einem i- Präsens, das o oder u in der Wurzelsilbe hat: 
darin haben wir die schönste Bestätigung für die Richtigkeit 
meiner Argumentation. 

Die Spuren nun, welche mit Sicherheit auf das alte 
Bildungsprincip der i- Präsentia hinweisen, sind bereits er- 
wähnt : vörkid wirke und pünkiö dünke. 

Die zw r eite Möglichkeit, den alten Ablaut u : a zu be- 
seitigen, dürfen wir für folgende Fälle annehmen. Dem got. 
gairdan gürten steht hd. gurten gegenüber; der Ablaut war 
vermuthlich gördiö gärda u. s. w. und die Sprache hätte in 
diesem Falle beide Möglichkeiten der Neubildung durch- 
geführt. Im got. finden wir neben dem st. pairsan 'dürr 
sein ein schw. paürsjan 'dürsten ; die verwandten Sprachen, 
bes. sk. tfsyämi, weisen auf eine i-Präsensbildung ; urgerm. 
Ablaut daher wahrscheinlich pörsid, pdrsa u. s. w. ; hier sind 
also beide Neubildungen in ein und demselben Dialect er- 
halten. Ich bemühe mich nicht um weitere Beispiele für die 
dargelegten Erscheinungen und bemerke nur, dass eine ge- 
naue Untersuchung der 1. schw. Conjugation vielfach Auf- 
schluss über den ursprünglichen Bestand der st. i-Classe geben 
könnte ; hier genügt es auf den Gang und die Resultate einer 
solchen Prüfung kurz hingewiesen zu haben. 

Wir sehen also, dass auch bei Wurzeln der Formeln 
a^rx, ä^nx i-Präsensbildung im urgerm. durchaus nicht selten 
war und wie die Sprache das lästige, seinem Princip nach 
vielleicht unverständliche Gut wie'der lebensfähig machte. Wann 
dies geschehen sein kann, habe ich oben festzustellen versucht. 

Jetzt ist auch ohne Weiteres klar, wie es kommt, dass 
wir in den Reihen M'td und biudo keine i-Präsentien haben : 



ZUR ^-CONJUÖATION. 149 

die meisten Yerben hatten im Präsens i und eu; die i- Bil- 
dung aber verlangt i und u; der Ablaut i : ai und u : au 
war neben i : ai und eu : au unerträglich. Es treten daher 
auch hier Neubildungen ein. Germ, btigjd verkaufe war, 
wie das Part, bohtds zeigt, ursprünglich starkes Verb; das 
alte Prät. bduga bugumS ist durch eine schw. Bildung ver- 
drängt. Germ, svitjd 'schwitze, ein schw. Y., war ursprüng- 
lich stark, wie sk. svidjdmi zeigt. 

Diese Beispiele mögen genügen das Aussterben der i- 
Präsensbildung bei a t i- und a x u -Wurzeln zu erklären. Ich 
behandle noch einige Einzelfalle. 

Germ, siujd nähe', schw. Y., war ursprünglich stark 
nach Ausweis der verwandten Sprachen; also Ablaut siujd, 
sdiva, sivumi, sivar^ds. 

Germ, spi'vö, st. V., daneben an. spyjd =germ. spiujö; 
nach Ausweis der verwandten Sprachen war der ursprüngliche 
Ablaut spiujö, spdiva, spivutnS, spivands. 

Das schw. Y. hvatjö wetze, mache scharf wird ursprüng- 
lich stark gewesen sein nach dem st. Part, hvassds scharf. 

Einzelfälle dieser Art berechtigen zu folgendem Schluss : 
wenn wir in der 1. schw. Conjugation Yerben mit schw. Stufe 
des Wurzelvocals antreffen, von denen wir auf Grund sei es 
germanischer, sei es aussergerm. Formen vermuthen dürfen, 
dass das germ. ein primäres Verb derselben Basis besessen 
hat, so dürfen wir hinter jenem schw. Verb eine alte starke 
i-Bildung vermuthen. 



§2. 

ZUR IW-CONJTJGATION. 

Im Gebiet der deutschen Grammatik bestand seit Jac. 
Grimms erstem Auftreten ein Streit, der lange eine hervor- 
ragende Rolle spielte und eigentlich noch immer keinen Ab- 
schluss gefunden hat. Dieser Streit wurde zuletzt ohne Be- 
rücksichtigung der Lehren der vergleichenden Grammatik ge- 
führt, und Adolf Moller, der mit seinem Schriftchen 'die 



150 ZUR ?m-CONJUGATION. 

redupl. V. im Deutschen als abgeleitete* Potsdam 1866 die 
Frage erledigt zu haben glaubte, konnte nicht umhin der 
vergleichenden Grammatik Vorwürfe für ihr stetes Eingreifen 
in die häuslichen Angelegenheiten der deutschen Grammatik 
zu machen, Vorwürfe freilich, welche damals verhallten wie 
sie heute verhallen würden. 

Ich fasse mich kurz in der angedeuteten Frage und ver- 
weise solche, die sich für die Litteratur derselben interessiren, 
bes. auf Mollers Arbeit und die dankenswerthe Uebersicht 
über die Geschichte der Frage von Ign. Pokorny über die 
redupl. Prät. der germ. Sprachen (Bericht des Landskroner 
Gymnasiums von 1874). 

Jac. Grimm und nach ihm andere Gelehrten glaubten, 
der schwere Präsensvocal der redupl. V. beweise, dass die 
Verba unursprünglich seien; man hätte sonst statt des a ein 
i im Präs. erwartet. Dagegen wurde von Bopp, Jacobi und 
andern mit Recht behauptet, dass das a eines Präsens wie 
saltan- sehr wohl ursprünglich sein und einem idg. a ent- 
sprechen könne. Das Problem des Vocalismus ragt, wie man 
sieht, schon sehr früh in die deutsche Grammatik; aber wir 
können heute mit Bestimmtheit sagen, dass eine Entscheidung 
damals nicht möglich war. Schon längst ist, wohl unter de A ii 
Einfluss der Methode Schleichers, jene Frage nach der Un- 
ursprünglichkeit der redupl. V. in den Hintergrund getreten : 
man wird eben nicht daran gezweifelt haben, dass das a von 
saltan, haldan, haitan u. s. w. der Reflex eines idg. a sein 
könne. 

Einzelne Gelehrte, und Moller nicht am wenigsten, 
machten im Ernst den Versuch, die Verba der Reihe äkö, 
die ihres Vocals wegen in demselben Verdacht wie saltan 
standen, auf Verba mit präsentischem i zurückzuführen. 

Müssen wir derartige Theorien heute auch aufs ent- 
schiedenste verurtheilen , so hatte doch ihr Ausgangspunkt 
zweiffellos einige Berechtigung. Und da der selb 9 mit den 
neuesten Untersuchungen zum Vocalismus im engsten Zu- 
sammenhange steht, erhält jener alte Streit auch jetzt wieder 
einige Bedeutung: wer in Sachen des Vocalismus Fortschrittler 



ZUR JW-CONJUGATION. 151 

ist, wird nicht umhin können zu dem nun zu besprechenden 
Problem Stellung zu nehmen. 

Es gibt neben einigen Yerben mit schwerem Präsens- 
vocal (a, ai, au) Yerba mit präsentischem i: neben vdlto 
rolle' steht ein gleichbedeutendes viltö, neben bduto 'stosse* 
ein gleichbedeutendes beutd. Das Problem lautet: wie sind 
diese Doppelformen zu erklären und für welche Verben sind 
solche anzusetzen? 

Man hat schon längst erkannt, dass wir neben einzelnen 
Verben des Reihe äkö wurzelgleiche Verba der Reihe bSro 
anzusetzen haben. Es ergibt sich für die Reihe äkö also ein 
gleiches Problem wie für jene redupl. V. 

1. Ich beginne mit dem letzten Problem, das bisher am 
schärfsten von Amelung Haupts Zeitschr. 18, 191 erfasst 
wurde. Er erkannte nach seiner Theorie des Vocalismus, 
dass es unmöglich ist, alle Verba der Reihe äkö auf eine 
Manier zu erklären. Ein grosser Theil derselben beruht augen- 
scheinlich auf a 1 -Wurzeln, und neben Verbe'n dieser Art 
sind Nebenformen mit e in der Wurzelsilbe durchaus un- 
denkbar. Andre Verba aber der Reihe äkd beruhen auf a r 
Wurzeln, wie einzelne germ. Bildungen und wie noch öfter 
die verwandten europ. Sprachen zeigen. Der Präsensvocal 
dieser Verben ist also a 2 und es entsteht die Frage, wie das 
Präsens, welchem der Regel nach starke Vocalstufe zukommt, 
mit Steigerung des Wurzelvocals gebildet sein könne. 

Ehe ich mich auf eine Lösung der Frage einlasse, ver- 
weise ich auf p. 67 f., wo ich eine Zusammenstellung der 
nachweisbaren a 1 - Wurzeln gegeben habe* 



* Ich habe zu jener Stelle zwei kleinere Bemerkungen nachzu- 
holen. Fick stellt Wb. 7, 285 zwei falsch angesetzte Stämme skoka- 
und skokja- Erschütterung zu dieser Wurzel ; aber die Stämme skokka- 
und skukkia- können nur auf u(a t u) -Wurzeln beruhen, skokka- ist 
möglicher Weise skugna- vgl. p. 38. 

Die Wurzel von standan, die aus sta 1 stehen determinirt ist, 
lässt sich nicht genau bestimmen. Im got. lautet Prät. Plur stets stö- 
pum und das würde auf eine Wurzel stat hinweisen ; Grein ags. Gl. gibt 
als ae. Prät. stöd an, dooh kenne ich nur stöd. Eine Wurzel staH 
kann ich sonst nicht nachweisen ; wenn sie durch das got. gesichert 



152 ZUR wi-CONJUGATION. 

Auf a ± -Wurzelu sind mit mehr oder weniger Sicherheit 
folgende Verba der Reihe dkö zurückzuführen. 

1) Germ, fdrö fahre, ziehe. y° pa x r wird erwiesen 
durch gr. nooog u. s. w. ; dem ksl. peru sollte germ. ferö ent- 
sprechen; aus dem germ. selbst deuten folgende Nomina auf 
eine a x -Wurzel : fordis (= pa x r-tls) liegt vor in ae. fyrd 
'Zug, Reise; auch Heer; got. gafaurds 'Versammlung, Gericht' ; 
an. fjörär ist germ. fer-pus; vgl. lat. portus; ae. ford,furd 
m. = alttL fürt m. n. = vadum. Auf Grund dieser That- 
sachen lässt sich ein germ. fürd erschliessen. Amelung. 

2) Germ, vdhd (ahd.) beruht nach allgemeiner Annahme 
mit gr. £7toc, lat. vox u. s. w. auf Wurzel vajc. 

3) Germ, sldhö schlage ; got. slauhts st. f. das Schlachten 
weist auf ein st. Y. slehd hin; Holtzmann ad. Gr. I, 14 und 
Begemann schw. Prät. I, 47 wollen dafür slahts lesen. Dazu 
liegt kein Grund vor, weil eine \Z° sla x k auch durch altir. 
Formen erwiesen wird, vgl. Windisch Kz. ,23, 235 f.* 

4) Germ, grdbö grabe ; ksl. grebg deutet auf germ. grSbd, 
dessen vormalige Existenz durch ahd. gruft und grubildn 
graben, grübeln erwiesen wird. y° gfirafih. Amelung. 

5) Germ, ndgd; ksl. mza scheint eine y° na^gh zu er- 
weisen; Amelung a. a. 0. p. 191. Im germ. fehlen Worte 
mit e oder i in der Wurzelsilbe. 

6) Germ, vdkö wach sein, erwachen, entstehen, geboren 
werden. Das zugehörige Causativ vakiö erwecke deutet auf 
ein abl. veko; die gewöhnliche Anhäufung von Zugehörigen 
der \Z~* vag ist werthlos; vielleicht darf aber lat. vigil für 
V° va \9 geltend gemacht werden. 



wäre, würde als Präs. nicht stand 6, sondern stando anzusetzen sein; 
wir hätten in dieser Präsensform wahrscheinlich einen Rest der A 5)- 
01as8e zu sehen. Ist sta x dh als Wurzel anzusetzen, so Hesse sich gr. 
oTa&fjios, aTafrtQoq, aoTafrfe vergleichen. Ich entscheide nicht, ob stando 
stö'pa stödumS stadands oder stdndö (standö') stö'da stödumS stadands als 
der echte germ. Ablaut zu gelton hat. 

* Fiok 7, 358 stellt das Adj. slehtas "schlicht, eben' zu dem st. 
Y. Die Bedeutungen lassen sich nicht vermitteln und ein echtes Part, 
zu einer V° slaje würde slohtas lauten müssen, slehta- beruht wohl 
auf einer «'-Wurzel. 



ZUR tni-CONJÜGATION. 153 

7) Germ, mdld mahle. y° ma \}> wird durch germ. moldö 
Staub (eigtl. Part. Fem.), sowie durch an. mylja = ahd.' 
mullen zerreiben und ahd. muli Mühle; ksl. melja und lat. 
molo erwiesen. 

8) drägd trage: ksl. drüzati halten scheint eine \P 
dhra^gh zu erweisen, für die aus dem germ. nichts angeführt 
werden kann; denn das von Amelung a. a. O. p. 191 zu- 
gezogene ahd. trog ist germ. trogdm, nicht drogdm (an. trog 
n.); vgl. Zimmer QF. 13, 303. 

9) vahsö wachse ; gr. äs^w erweist eine y^ v^ks, deren 
Vocal im germ. nicht mehr nachzuweisen ist. 

Folgende Verba vermag ich hinsichtlich ihres Wurzel- 
vocals nicht mit Sicherheit zu bestimmen; bei einigen liegen 
mehrere Möglichkeiten der Auffassung vor, bei andern fehlen 
Verwandte, die deutlich entscheiden könnten. 

spano locke; etwa zu gr. anaio; Präsensbildung der A 
3) - Classe ? t akö nehme ; bakd ? oder baqö ? backe ; drago 
ziehe; fldhd schinde; galt singe; hldpd lade; kldhö schinde; 
svarjd schwören (auffällig ist die Uebereinstimmung der Part, 
ae. sworen = ahd. gesworan; etwa y^ sva x r?) ; pvdhd wasche; 
skdpjd schade; sndkö krieche; rdpö zähle; vaskö wasche 
(germ. viska- s. Fick 7, 306 hat mit waschen nichts zu thun ; 
es muss von Haus aus i gehabt haben); sdkö streite; kdlo 
friere (dazu das Part. Jcaldäs kalt) y° ga y l? oder ga^l? (Grein 
ags. Gl. I, 159; ags. Bibl. I, 147 Anm. hält das Subst. ceylas 
Nom. Plur. = kühle Lüfte für den Rest eines Ablauts cilan 
cal und vergleicht chill Kälte; auch aus dem nord. lassen 
sich Spuren des Ablauts mit e : a nachweisen: kylr m. und 
kylja f. = kalter Sturmwind; ae. ceplas scheint auf einem 
alten w-Stamm zu beruhen; vgl. smegdas zu got. smipu-; 
swepras Säulen zu germ. svSru- = ind. svdru-; dann Hesse 
sich lat. gelth vergleichen. Ob auch kdlo zur y° ga x l 'kalt 
sein zu stellen ist, will ich nicht entscheiden); frapjo ver- 
stehe. 

Wir sind also zu dem Resultat gekommen, dass ein 
Theil der Verben der Reihe dko auf a 1 -Wurzeln und ein 
andrer auf a x -Wurzeln beruht und ein dritter nicht mit Sicher- 
heit bei einem von beiden unterzubringen ist. 



154 ZUR mi-CONJÜGATION. 

Ueber die zuerst gegebenen Yerba bedarf es keiner 
weiteren Worte für denjenigen, der den Vocaltheorien des 
1. Kapitels im allgemeinen zustimmt: Verba wie dkd, älo 
u. s. w. sind nicht auffällig, sondern durchaus regelmässige 
Bildungen von a 1 -Wurzeln. Der Zahl nach werden diese 
Verba ohne Frage den Hauptbestandteil der Ablautsreihe 
gebildet haben, so dass ihr Präteritalablaut massgebend werden 
musste für Verben wie fdro, gräbo, welche auf a t -Wurzeln 
beruhen* 

Das Problem, zu dessen Besprechung ich nun übergehe, 
liegt in der 2. Gruppe der Reihe dkd : mit wenig Worten 
ausgedrückt lautet es jetzt : wir haben im germ. verschiedene, 
scheinbar einfache Präsensbildungen der A 1)-Classe mit 
Steigerung statt mit st. Stufe des Wurzelvocals ; wie ist die 
Steigerung in diesem Falle zu erklären? 

Amelung a. a. O. 191 glaubt die betreffenden Verba 
seien keine Wurzelverba, sondern st. Denominativa. Früher 
hatte er Tempusst. p. 16 den Ursprung starker Denominativa 
in die älteste Periode der idg. Grundsprache verlegt ; von der 
Unhaltbarkeit einer solchen Annahme mag er später durch seine 
vocalischen Untersuchungen überzeugt worden sein. Aber auch 
die Entstehung starker Denominativa in einer germ. Sprach- 
periode entbehrt jeder thatsächlichen Stütze; es gibt im germ. 
bis auf das ganze singulare saltö salze nur schwache De- 
nominativa. 

Jacobi hatte in seinen Beiträgen den Satz ausgesprochen, 
wenn einmal Doppelbildungen von Präsentien aus einer Wurzel 



* In Betracht kommen auch noch folgende Yerba. a) germ 
daujö 'sterbe' hat sich nur im an. als st. V. erhalten; im westgerm. 
(me. dyen = as döian = ahd. t-ouwen) finden wir dafür ein schw. 
V.; geraeingerm. ist das Part, dau-dds 'iodt'. Im got. nun finden wir 
an dem Part, divans 'sterblich' etne ganz singulare Spur eines Ab- 
lauts deiivö, das eine e^w-Wurzel vorausetzt. Also auch hier haben 
wir das Problem des Präsens mit gesteigertem Vocal b) Dem an. 
9*yS a 96 96m gdinn = bellen liegt ein germ. gdujö gö'vu gövutne ga- 
vands zu Grunde, <ias den übrigen Dialecten abhanden gekommen ist ; 
es scheint mit. ksl. zova (zvati) 'rufe' und sk hu = zd zu auf einer 
idg. Wurzel $hu } jha^u zu beruhen- 



ZUR mZ-COKJÜGATION. 155 

im germ. vorkämen, so müssten ihnen von Haus aus ver- 
schiedene Bildungen zu Grunde liegen. Im Princip hat er 
sicher Recht. Wer aber sagt uns, welcher Art die verschie- 
denen Bildungen gewesen sein können ? Die Doppelbildungen, 
die Moller so sehr verwirren sollten, hatte Jakobi noch über- 
sehen un4 so lässt er uns auch im Dunkeln betreffs seiner 
Ansicht über die denselben zu Grunde liegenden Principien. 

Ich gebe einen Lösungsversuch des Problems im An- 
schluss an eine Vermuthung Delbrücks und hoffe, dass von 
denjenigen, welche im Vocalismus vorwärts schreiten, bald 
andere Versuche gemacht werden mögen. Denn das, glaube 
ich, wird jeder zugeben, dass die obigen Fälle ein Problem 
in jedem System des Vocalismus liefern müssen, wie früher 
in der isolirten Richtung der deutschen Grammatik. 

Die Schwierigkeit, welche die Reihe dkd dem Ger- 
manisten aus den obigen Rücksichten heute macht, war 
Delbrück fremd, als er dieselbe in seiner Besprechung von 
Scherers zGDS in der Z. f. d. Ph. i; 124 behandelte. Er 
glaubt, der schwere Vocal des Präsens, für den auch er damals 
i erwartet zu haben scheint, sei, wie in .1er st. Perfectform, 
durch eine früher vorhandene, später geschwundene Redupli- 
cation hervorgerufen ; mit einem Worte, die Verben der Reihe 
dkd verdankten ihren st. Präsensvocal einer Präsensbildung 
nach der 3. sk. Classe. Diese Hypothese stützte Delbrück durch 
die auffällige Uebereinstimmung von farö und sk. piparmi. 

Ich wende gegen die Stichhaltigkeit dieser Deduction 
nichts ein, sondern nehme dieselbe nur als Ausgangspunkt für 
folgenden Satz hin : Delbrücks Vermuthung gilt nicht für die- 
jenigen Verben, die auf a 1 -Wurzeln beruhen, sondern nur 
für diejenigen, welchen a t -Wurzeln zu Grunde liegen, und 
ich behaupte also, dass der gesteigerte Wurzelvocal in Prä- 
sentien wie fdro, grdbd, sldhd u. s. w. in einer ursprünglichen 
Präsensbildung nach der 3. sk. Classe begründet ist. 

Es handelt sich zunächst um das Princip dieser Präsens- 
bildung und zwar nur um die lautliche Seite derselben ; denn 
ihr Ursprung und ihre eigentliche Bedeutung gehört in eine 
historische Grammatik der idg. Grundsprache. Den Beweis, 
dass die Gestaltung des Wurzelvocals in den redupl. Präs, 



156 ZUR Wi-CONJUGATION. 

durchaus mit derjenigen im Perf. übereinstimmt, können wir 
jetzt mit Hülfe des Verner'schen Palatalgesetzes erbringen; 
vgl. oben p. 12. Die st. Formen des Präs. nach der 3. sk. 
Classe haben im ind. Steigerung, die schw. Formen aber schw. 
Vocalstufe. Die beweisenden Formen sind ciketmi und cikemi 
neben einfachen Präsensbildungen cStdmi und c&ydmi; der 
innere Guttural k erweist, nach dem Verner'schen Palatal- 
gesetz, dass das t von ciketmi einem idg. a 2 i entspricht. 

Weiterhin kommt noch die Betonung der Präsentien 
nach der 3. sk. Classe in Betracht; ich beschränke mich auf 
die ai. Formen, die Delbrück ai. V. p. 107 f. zusammenge- 
stellt hat. Wenn a Reduplicationsvocal ist, steht derAccent 
durchweg auf dem Wurzelvocal der st. Formen ; wenn i Re- 
duplicationsvocal ist, trägt dieser selbst meistens den Ton; 
vgl. mamdtsi y/~* mad; dadhdnas y/~* dhan; vavaMi y/~ vag ; 
aber vivakti \Z° vac; sisakH y° sac; bibharmi, piparmi; doch 
auch iyärH y° ar, aber daneben lyarti. Delbrücks Ver- 
muthung (ai. Y. p. 240), dass die Abweichung der Präsens- 
betonung von der des Perfectums jüngeren Datums sei, hat 
viel Wahrscheinlichkeit; in demselben Sinne hat sich kürz- 
lich Joh. Schmidt Kz. 24, 308 geäussert. Die schw. Stamm- 
form der Präsensbildung nach der 3. Classe kommt für uns 
nicht in Betracht ; auch ist die Bildung derselben im ai. klar 
und durchsichtig. 

Um nun zu Delbrücks Gleichung fard = sk. piparmi 
zurückzukehren, wäre zunächst nur die Identität der beiden 
inneren Yocale erwiesen, vorausgesetzt die Zusammengehörig- 
keit beider Verben. Das Fehlen der Reduplicationssilbe 
m^cht im germ. keine Schwierigkeit; wir haben oben ge- 
sehen, wie unserer Sprachfamilie die Präteritalreduplication 
fast durchweg verloren gehen konnte; dafür, dass das germ. 
auch der Präsensreduplication, mag sie nun betont oder mag 
sie unbetont gewesen sein, feindlich war, führe ich stdmi 
für stistdmi, gämi für ghighdmi, ddmi für dhidhdmi an. Ohne 
Bedenken wird man daher germ. far- mit sk. pipar- iden- 
tificiren dürfen. Wenn der Accent, was nicht unmöglich, auch 
im urgerm. auf der Reduplicattionssilbe stand, so müsste er 



ZUR WM-CONJUGATION. 157 

früh in derselben Weise umgesprungen sein, wie wir es für 
stistämi < stistämi < stämi anzunehmen haben. 

plpar- ist aber im ai. nur die st. Stammform ; die schw. 
heisst pipr-, pipr-. 

Wo ist die Entsprechung dazu im germ? 

furo ist durch Uebertritt aus der bindevocallosen in die 
bindevocalische Conjugation entstanden; es steht für fdrmi 
nicht anders als germ. ito 'ich esse gegenüber idg. d x dmi ; 
y/^ ad flectirt im ar. nach der 2. sk. Classe ; im gr. und lat. 
finden sich bekanntlich auch noch Spuren der bindevocallosen 
Flexion. Es ist nicht unmöglich, dass noch andere Verben 
der Reihe Mro und dkö ursprünglich zur bindevocallosen 
Conjugation gehörten und erst später, vielleicht erst nach dem 
Wirken des Auslautsgesetzes, in die thematische Conjugation 
übergingen; ich erinnere an got. *ana 'ich athme gegenüber 
sk. dnimi (für anmi), an got. baua (für germ. büa) gegenüber 
sk. *bhümi, an germ. qh/nd gegenüber ai. gdnmi u. s. w. Ist 
so der Uebertritt bindevocalloser Formen in die thematische 
Conjugation durch verschiedene Beispiele gesichert, so unter- 
liegt die Gleichung fdrd = piparmi keinem Zweifel. Die 
schwachen Formen aber, die dem ai. pipr- pipr- entsprechen 
würden, sind ausgestorben und durch die betreffenden 
Formen eines durchflectirten fdrd ersetzt. Ist die eben ge- 
machte Bemerkung richtig, dass germ. qSmö ursprünglich nach 
der 2. sk. Classe ging, so können wir daran eine gleiche 
Erscheinung beobachten: idg. lautete der Sg. gd x mmi 7 aber 
der Plur. ga^mmds ; im germ. findet sich nur ein Reflex der 
ersten Bildung; die schw. Form ist gänzlich ausgestorben. 
Dem sk. pipr- sollte im germ. ein für- oder fer- entsprechen, 
es ist verschwunden und durch far- ersetzt. 

Die Vermuthung Delbrücks, dass sich für eine grössere 
Anzahl von Yerben vielleicht entsprechende Präsensbildungen 
nach der 3. sk. Classe im ai. nachweisen lassen würden, haben 
meine Zusammenstellungen widerlegt; ich habe nur zwei sichere 
Beispiele dem von Delbrück richtig erkannten fdrd = piparmi 
zuzufügen, germ. vdho = ai. vivakmi und germ. gaujo belle 
= ai. *juJi6mi rufe. Man hüte sich aber, auf Grund dieser 
geringen Entsprechungen die Richtigkeit des Erklärungsprin- 



158 ZUR WH-COSJUGATION. 

cipes anzuzweifeln. Denn es darf nicht übersehen werden, 
dass von den unter B besprochenen 13 Verben, für die ich 
Präsensbildung nach der 3. sk. Classe in Anspruch nehme, 
ausser den ebengenannten färö und vdho nur noch vdhsö, 
einem primären Verb des altind. entspricht. Noch einen 
Punkt muss ich hervorheben. Man könnte trotz jener 3 Ent- 
sprechungen zwischen dem germ. und ai. und obgleich das 
germ. in so vielen andern Fällen die vorgeschlagene Erklärung 
erfordert, die Richtigkeit des Princips anzweifeln mit der 
Ueberlegung, dass ich dem germ. eine' Bildung zuschreibe, die 
den europ. Sprachen* fremd ist. Ein solcher Einwand wäre 
von wenig Belang. Ich will keinen Werth auf die Stamm- 
baumtheorie legen, gegen die man neustens mit mehr Grund 
als früher Opposition macht. Die germ. Sprachen haben viele 
Bildungen bewahrt , die mehr oder weniger den übrigen 
europ. Sprachen verloren gegangen sind ; ich erinnere an den 
Ablaut, den keine europ. Sprache im allgemeinen so treu be- 
wahrt hat wie das germ. Manche Flexionserscheinungen hat 
das germ. nur mit den ar. Sprachen gemein. Auch in Be- 
zug auf den Wortschatz stimmt das germ. oft auffällig mit 
dem ar. überein; vgl. Joh. Schmidt Verwandtschaftsverh. p. 
50. Es lassen sich also keine principiellen Bedenken gegen 
die Brauchbarkeit meiner Fassung der Delbrück'schen Ver- 
muthung vorbringen, man müsste denn am Alter der im ar. 
vorliegenden Präsensbildung zweifeln, was nicht geschehen 
ist und, so lange die ar. Sprachen der Ausgangspunkt für 
die idg. Formenlehre bleiben, auch nicht geschehen kann. 

Man darf allerdings das gänzliche Fehlen der 3. sk. 
Classe bes. im gr.* nicht ignoriren. Daraus aber können 
wir nur den Schluss ziehen, dass diese Art der Präsensbildung 
bei der Völkertrennung sei es bereits im Aussterben begriffen 
oder nicht zu häufig oder beliebt war und dass das germ. 
wie das ar. die alten Reste resp. Keime durch Neubildungen 
zahlreicher gemacht haben. 

Das Resultat also, das ich für die Ablautsreihe dko ge- 



* Hier ist immer nur von Verben mit consonantisch auslautender 
Wurzel die Rfula. 



ZUR WM-CONJUGATION. 159 

wonnen zu haben glaube, ist dieses: der grösste Theil der 
Verben beruht auf a 1 -Wurzeln; ihre Präsensbildung kann 
der der 1. 2. 4. sk. Classe entsprechen. Im Prät. waren 
sie ursprünglich abstufend, doch ging dem germ. die schw. 
Stammform verloren, an ihre Stelle trat die starke ein. 

Ein kleinerer Theil von Verben beruht auf a i -Wurzeln ; 
das a des Präsens ist idg. a 2 und der Vocal einer st. Präsens- 
form nach der 3. sk. Classe; die zugehörige schw. Form ist 
ausgestorben und durch die st. Form ersetzt. Eine eigen- 
artige Präteritalbildung war ursprünglich nicht mit jener 
Präsensbildung verbunden; sobald aber eine idg. Form wie 
pipd 2 rm im germ. zu färö geworden war, d. h. als aus einer 
idg. Präsensbildung der 3. sk. Classe durch wohl begreifliche 
Wandlungen ein Typus entstanden war, der sich von dem 
des alten äkö = idg. a x gä nicht unterschied, bildete jenes 
sein Präteritum nach Analogie dieses. 



2. Das Problem, dessen Lösung uns bisher beschäftigt 
hat, kehrt wieder bei den redupl. V. Ihr schwerer Präsensvocal 
(a, ai, au), welcher der älteren Grammatik so auffällig war, 
ist mit dem der Reihe äkö völlig gleichzustellen. Ein Theil 
der Verba mit innerem a, ai und au beruht auf a 1 -Wurzeln 
und bedarf so wenig der Erklärung als akd = gr. ayco. 

Ich gebe zunächst eine Zusammenstellung dieser Verba : 

1) germ. bannan; y/^ bha x = gr. </>«. Präsens nach 
der A 4)-Classe. 

2) fdhan; \^ pa'nk nach lat. pango* 

3) saltan salzen (es scheint ein aus dem Nominalstamm 
gebildetes V.; vielleicht bestand ursprünglich nur ein Part. 
saltands gesalzen, wie lat. salsus zu sal; und von da aus 
könnte man ein st. saltan gefolgert haben) nach lat. sal, 
gr. als. 

5) fallan nach Kbeitr. 8, 2. 



* Germ, fingraz Finger kann daher nichts mit 'fanget? zu thun 
haben ; es gehört zur Wurzel piß, pinlc, aus der die Bezeichnungen 
für künstlerische Handarbeit geflossen sind, vgl. Curtius gr. Et. p. 104. 



160 ZUR mi-CONJUGATION. 

6) spannan zu gr. ondto ; \f^ spa x ; Präsens nach A 4. 

7) aukan mehren zu lat. augeo u. .s. w. ; y° a y ug, 

8) ausan schöpfen zu lat. haurio und gr. Worten mit 
ava- nach Fick Bb. II, 187; y/° a ] us. 

9) aikan zu sk. «/' nach Bezzenberger Z. f. deutsche 
Philolog. V, 230. 

10) laikan zu sk. rej nach Bugge Kz. 20, 11. 
Die Zahl dieser Verba dürfte sich leicht mehren lassen, 
wenn wir in Betreff des Vocalismus der slav. Sprachen auf- 
geklärt sind. Für uns kommen diese Verba nicht in Be- 
tracht. Uns beschäftigen vielmehr diejenigen Verba mit 
schwerem Präsensvocal, die auf a x -Wurzeln beruhen. 

1) ahd. scaltan = as. skaldan stossen; Moller p. 25 
stellt das Verb mit Grimm zu ahd. sceltan = as. skeldan 
= tadeln, begrifflich wie lautlich möglich ; in den verwandten 
Sprachen fehlen Zugehörige, welche eine durch sceldan voraus- 
gesetzte \/"* skajdh erweisen. 

2) got. staggan, nur einmal belegt, steht einem gemein- 
germ. stingan gegenüber, wesshalb Uppström und Bernhardt 
das überlieferte usstagg = gr. ö* Xe in usstigg ändern ; noth- 
wendig ist die Aenderung nicht, da auch sonst redupl. und 
abl. Verben neben einander stehen; also v° sta^ngh? 

5) ahd. walzan wälzen steht einem gleichbedeutenden 
velta des an. gegenüber. v° vaHd. 

4) dem gemeinwestgerm. wallan wallen steht an. vella 
gegenüber. . * 

5) gemeingerm. gangan scheint nach dem oben beige- 
brachten ein gingan neben sich gehabt zu haben. Fick hat 
jüngst Bb. II, 191 eine von Grimm und Moller p. 34 ge- 
machte Zusammenstellung erneuert, wonach gangan mit dem 
got. geigan = ahd. gingen wonach streben verwandt sein 
soll; lautlich wie begrifflich nicht unmöglich; \Z° gha t ngh. 

6) brautan 'brechen = ae. breatan antwortet einem an. 
brjota; an. brauti jieben broti = qui frangit deutet auch 
auf ein redupl. V. 

7) bautan = ae. beatan 'stossen = an. bauta s. Wimmer 
§132 Anm. 1 und Cleasb. p. 54; dem redupl. V. steht ein 
abl. biuzzen im mhd. gegenüber; Moller. 



ZUR Wn-CONJUGATJON. 161 

8) ae. *heafan; das Prät. heof belegt Grein zweimal; 
an der ersten Stelle bietet die Hdschr. (Genesis B 771) für 
das von Grein conjicirte heof ein höf, über das jetzt Sievers 
Hei. XXXIII zu vergleichen ist. Das heof von Christ und 
Sat. 344 allein dürfte doch wohl kaum genügen, für das ae. 
ein heafan zu beweisen, da nur im germ. heufan (= ae. 
heof an Sweet Pastor. Care p. 492) nachweisbar ist ; ich halte 
eine Aenderung in heof für nicht zu gewagt. 

9) an. hneapan; belegt ist nur das Prät. hneop und 
zwar aus GM1. 819, wo Ettmüller Lex. ags. p. 497 mit 
leichter Aenderung hneap lesen will. Allein auch im got. 
scheint ein hnaupan gegolten zu haben, wofern man dem 
Luk. 5, 6 überlieferten dishnaupnodedun, dessen a radirt, aber 
noch sichtbar ist, trauen darf. Neben dem fraglichen hnaupan 
besteht im got. ein hniupan. 

10) germ. stautan stossen beruht, wenn die Zusammen- 
stellung mit lat. tundo u. s. w. richtig ist, auf einer y° sta^ud 
(sind). 

11) an. hnöggva Stossen neben hnyggja beruht auf 
hnauvan (neben hnuggjan?J vgl. Zimmer Zeitschr. 19, 406. 

12) germ. skaipan beruht naeh ahd. scidon scheiden, auf 
einer a { -Wurzel ska^it. 

13) svaipan = an. sveipa, ae. swäpan fe en, weg- 
scheuchen, vertreiben; das an. Prät. sveip gehört zu einem 
abl. V. svipa; got. midjasveipains und die schw. svipa und 
svipa des an. deuten auf eine a,f -Wurzel hin. 

14) germ. svaifan hat sich nur in hd. sweifan 'schweifen' 
erhalten; daneben ein gemeingerm. svtfan mit gleicher Be- 
deutung* 

Das Problem, welches diese Zusammenstellungen ergeben, 
ist mit dem eben behandelten identisch : wir haben zu einigen 
Verbalbasen von a x -Wurzeln mit auslautender Doppelcon- 



* Die redupl. Verba mit innerem a, deren Vocal ich nicht zu be- 
stimmen weiss, sind folgende: ich setze die germ. Formen an und füge 
den Dialect hinzu, in welchem sie auftreten: walkan ahd. ae. ; blandan, 
falpan, haldan, praggan got, hdhan, spaldon ahd., hlaupan, shraudan 
ahd , daugan (?) ae.. haitan, maitan got. ahd., taisan ahd , fraisan got. 
qf. xxxu 11 



162 ZÜE HM-COKJUGATION. 

sonanz (deren erstes Element ein Halbconsonant ist) Präsens- 
bildungen mit Steigerung anstatt mit starker Vocalstufe ; wie 
ist die Steigerung zu erklären? Wenn ich Recht habe das 
gemeingerm. fdrö, für das wir nach Thatsachen des germ., 
ksl. und gr. ein firö erwarten dürfen, auf idg. pipdjrmi, 
(y/^ pa t rj zurückzuführen und für das germ. grdbd neben 
einem zu erschliessenden gribd (= ksl. greba) ein idg, ghi- 
ghrdbhmi (\P ghra^bh) vorauszusetzen, so darf ich dasselbe 
Erklärungsprincip auf die in Frage stehenden redupl. Verba 
anwenden. Ich glaube also, dass die Steigerung des Präsens- 
vocals von westgerm. waltan wälzen gegenüber an. velia 
aus einer reduplicirten Präsensbildung zu erklären ; vdltd be- 
ruht auf idg. vivdjdmi; viltd auf idg. vd { ldä. Der Umstand, 
dass zu keinem Präs., für welches ich ursprüngliche Bildung 
nach der 3. sk. Classe annehme, ein Pendant im ind. vor- 
liegt, ist von gar keinem Belang, da die Stämme der betr. 
Yerba dem germ. fast sämmtlich eigenthümlich sind. 

Was die Präteritalbildnng zu Verben wie valtan, gangan 
anbetrifft, die auf den idg. Wurzeln va^ld, gha x ngh beruhen, 
so kann sie ursprünglich nicht vom Präsens abhängig gewesen 
sein; das idg. Perfect ging stets aus von der Wurzelform. Zu 
gangan musste das Perfect ursprünglich gheghd 2 ngha lauten, 
woraus bei ungetrübter Entwicklung nur ein gang entstehen 
durfte; wir erkennen darin das gan'g des Beow., das oben 
p. 84 besprochen ist. Wenn dies dort auf ein gingan zurück- 
geführt w T urde, so ergibt sich hier von selbst, dass letzteres nur 
eine ideelle Grösse ist ; ein solches Verb braucht nicht be- 
standen zu haben. Da gha t ngh als Wurzel feststeht, wird 
der Ablaut ursprünglich [gdngö gdnga gungumi gungands] 
gewesen sein ; dieser Ablaut wurde unerträglich ; vom Präs. 
gdngö aus wurde ein a -Verbo geganga gegangume gangands 
gebildet. 

Das abl. V., welches wir oft neben einem redupl. V. 
finden, kann vielleicht folgendermassen enstanden sein. Zu 
y^ va^ld war der ursprüngliche Ablaut vdltd (= vivdltmi) 
vdlta voltumi voltands; entweder schuf man nach der Präsens- 
form ein redupl. Präsens oder vom Präteritum aus schuf man 



ZUR m/-C0NJUGAT10N. 163 

ein neues Präs. viltt; dieses läge im an. vor. Nothwendig 
ist aber eine solche Annahme nicht. Man weiss, dass im 
altind. zahlreiche Verba Präsentia nach mehreren Classen 
bilden. Es wäre daher nicht unmöglich, dass im germ. von 
Haus aus vivdltmi (später valtö) und vtttö neben einander 
bestanden wie im altind. z. B. cHämi und cikUmi, cdyämi 
und cikemi. 

Hatten wir bei den auf a { -Wurzeln beruhenden Verben 
der Reihe akö gesehen, dass sich im germ. die erschliess- 
baren Verben mit präsentischem e nicht mehr erhalten haben, 
so ist es auffällig, dass wir neben so manchem redupl. V., 
dem eine a t -Wurzel zu Grunde liegt , das erschliessbare 
Präsens mit e vorfinden. Doch kann man auf dieser That- 
sache keine Schlüsse aufbauen. 

Der Streit, welcher früher in der isolirten Richtung der 
deutschen Grammatik bestand, kann vielleicht durch die 
neueren Untersuchungen zum Vocalismus einen Abschluss er- 
halten. Wir erkennen jetzt die Wahrheit und den Irrthum 
auf beiden Seiten der Streitenden. Moller erkannte im An- 
schluss an Grimm, dass neben manchen Verben mit schwerem 
Vocal a Verba mit präsentischem e theils zu vermuthen, theils 
vorhanden wären ; aber sie gingen fehl mit ihrer Behauptung, 
dass neben allen Verben mit a im Präsens solche mit e an 
erschliessen wären. Auf der andern Seite wandten Bopp 
und Jacobi mit Recht ein, dass ein präsentisches a des germ. 
sehr wohl idg. a sein könne; aber sie erklärten die Doppel- 
formen nicht 

Ich habe mich mit meiner Lösung des Problems kurz 
gefasst: es kam mir nur darauf an, ein Princip zu geben, 
das den gesteigerten Wurzelvocal zahlreicher Verba mit prä- 
sentischem a erklären soll. Ein anderes Princip als das 
vorgeschlagene habe ich nicht ausfindig gemacht. Ich wünsche, 
dass andre, welche meiner Auffassung des Vocalismus im 
allgemeinen beistimmen, ihrerseits neue Lösungen des Problems 
versuchen möchten. 

Mir scheint — um das Resultat der in diesem § ge- 
gebenen Erörterungen zusammenzufassen — das sicher zu 



164 ZUR Wn-CONJUGATION 

sein, dass sehr viele Verba mit a im Präsens, weil aus an- 
wurzeln gebildet, nicht auffällig sind und dass andre, von 
a { -Wurzeln gebildete Verba eine durch Steigerung charak- 
terisirte Präsensform haben, die ich in der 3. sk. Classe ge- 
funden zu haben glaube. 



GERMANISCHER WORTINDEX. 



aggpus 46* 
äigan 82 
atihjön 38 
atihns 38 
avo 130 
bliggvan 129 
bröprun8 49 
bugjan 149 
digands 108 
divans 154* 
/ads 25*. 131 
fairzna 22 
fdhan 74 
falpan 78 
faran 152 
./Wwr 102* 
^w 23 

ßlufdihs 132* 
fraihnan 143 
gabruka 39 
0a<%*s 11. 107 



awsa 79. 160 
<W 29. 130 
«rfsa 79 
%'a 154* 
<%$r 130 
^ 130 



1. GOTISCH. 

ganah 63 
gaqumps 19. 45* 
glaggvus 130 
graban 152 
hähan 74 
hatands 107 
Ät?as 44 
hvileiks 45 
fcyans 128. 143 
kinnus 46* 
maürgjan 19 
maürnan 144 
m^no 60 
munum 62 
niuklahs 132* 
wtMn 130* 
numts 45* 
gtna 23 
q^as 43 
grins 43. 128 
qrammipa 44 



2. ALTNORDISCH. 

/<$ 74 
/aWa 78 
/JJfowr 102* 
hanga 75 
hlaupa 84 
Äö^ra 80. 130 



aati*7 35 
siujdn 149 
skdidan 75 
8kulum 72 
slaühts 152 
snutrs 40 
speivan 149 
standan 151* 
to^rr 29 
taut* 35 
trudan 40 
fws 132 
£ 'r/ 76 
paürsus 22* 
£ei7is 21. 42 
jta?f« 12 
piuda 12 
£«<* 12. 130 
JMZj'j« 23 
vaddjus 130 
iwtr 37. 



knoda 40 
n^ 128 
snöggr 130 
sparn 145 
«i>y> 86.* 149 
sveipa 83. 



166 



WORTINDEX. 



ceg 130 
ceglas 153 
cnedan 40. 44 
döhtor 41 
ddn 31 

rfr^f^rd 72. 95 
drepan 39 
eocfe 126 
fön 74. 97 
findan 126 



3. A^TENGLISCH. 

0öM0 84 

0^10 97 
heof 84. 161 
hlupon 84. 
Aneop 86. 161 
ZW» 74 
hweo8 79. 98 
fco* 98 
lungor 19 
meyrg 75 



murnan 144 
ftipA 63 
scfddan 75. 98 
sp^n 97 
epenn 97 
sprecan 39 
spornan 145 
iredan 40 
frod 40 
£eaw> 130. 



aÄtafo 132 
bläsan 79 
cfttfo 41 
chumft 19. 45 
em?» 85. 137 
faldan 78 



4. ALTHOCHDEUTSCH. 

./for 102* 
jfordo 132 
houwan 80 
fitora 12 
numft 45* 
seeidan 77 



8piwan 96. 149 
steros 96 
ioutcen 154* 
zehanto 132 
z*»do 132 
zeisan 79. 



Redigirt : Prof. t e n B r i n k.